8.5/10

Kritik: Guillermo del Toros Pinocchio

GESCHNITZT AUS EDELHOLZ

Jetzt direkt streamen auf:

Genres: Animation, Drama, Fantasy, Startdatum: 09.12.2022

Interessante Fakten für…

  • Geppettos verstorbener Sohn heißt Carlo. Dies ist wahrscheinlich eine Hommage an Carlo Collodi, der die Originalgeschichte von Pinocchio geschrieben hat.
  • Laut Guillermo Del Toro ist Graf Volpe eine Mischung aus dem Fuchs, der Katze und dem Puppenspieler Mangiafuoco aus der Originalgeschichte. Hinzu kommt, dass Volpes Haare Fuchsohren ähneln, er einen Stock mit einem Fuchskopfdekor trägt, und sein Name auf Italienisch „Fuchs“ bedeutet.

„Guillermo Del Toros Pinocchio“ ist eine düstere Version der allbekannten Holzpuppe und gleichzeitig die dritte Verfilmung der Geschichte im Jahr 2022. Schaffen sie es diesmal mit Erfolg?

Avatar-Foto
#FantasyFanatic #Comicserien #AfterCredit

Darum geht’s

Anfang des 20ten Jahrhunderts lebte der Holzschnitzer Geppetto (David Bradley) mit seinem Sohn Carlo in einem kleinen italienischen Dorf und war dort wegen seines Handwerkes hoch angesehen. Doch an einem schicksalshaften Tag, änderte sich alles für Geppetto: Während des ersten Weltkrieges ließ ein Flugzeug beim Rückflug eine Fliegerbombe fallen, um Ballast abzuwerfen. Unglücklicherweise landete diese Bombe auf der Kirche und tötete Carlo, der sich noch dort befand. Nach dessen Tod verfiel Geppetto für viele Jahre in eine tiefe Depression. Eines Tages verfiel er dem Zorn und schnitzte sich im betrunkenen Zustand eine grob zusammengeschusterte Holzpuppe, um sich zumindest vorzustellen, einen Sohn zu haben.

Doch dann geschieht etwas Unglaubliches: Die Holzpuppe wurde von kleinen Waldgeistern verfolgt, die sich zu einer blauen Gestalt (Tilda Swinton) manifestierten, die die Holzpuppe zum Leben erwecken möchte. Daraufhin meldet sich eine anthropomorphe Grille namens Sebastian (Ewan McGregor) zu Wort. Dieser ist Schriftsteller, der in die Pinie gezogen ist, kurz bevor Geppetto diese fällte und daraus den Holzjungen schnitzte. Logischerweise ist er darüber verstimmt, dass man ihm sein Heim wegnehmen will. Die blaue Gestalt, die sich als Hüterin der Vergessenen und Verlorenen vorstellt, gibt ihm daraufhin eine Aufgabe: Er soll den Jungen lehren, gut zu sein. Als Gegenleistung erhält Sebastian einen Wunsch. Schlussendlich wird die Holzpuppe „Pinocchio“ getauft.

Ganz zu Geppettos Schock erwacht Pinocchio (Gregory Mann) am Morgen zum Leben und ist bereit, die Welt kennenzulernen – rechtzeitig zum Aufstieg des italienischen Faschismus kurz vor dem zweiten Weltkrieg…

Das Jahr der Pinocchios

Die Geschichte um die zum Leben erwachte Holzpuppe ist zu bekannt, als das man sie nicht in zahlreichen Adaptionen neu verfilmt. Dennoch war es erstaunlich, dass wir im Jahr 2022 ganze drei Pinocchio-Verfilmungen mit sehr unterschiedlichen Ursprüngen serviert bekamen. Doch die Einstiege waren mehr als ernüchternd. Die russische Version Pinocchio: A True Story war lieblos animiert und deren amerikanische Synchronisation war noch zusätzlich schräg. Und je weniger wir über Disney’s seelenloses Live-Action Remake reden, umso besser.

Das wirft kein gutes Licht auf den Film, wäre da nicht Guillermo del Toro. Mit Filmen wie Pans Labyrinth und Shape of Water hat der exzentrische Regisseur bereits visuell eindrucksvolle Fantasyelemente mit historischen Ereignissen verbunden. Und nach fast zehn Jahren Produktion hat er nun endlich die Chance, seine eigene Holzpuppe zu präsentieren. Es stellt sich nur noch die Frage, ob er mit Pinocchio denselben Erfolg erlangen kann.

Imperfekte Perfektion

Man muss sich nur diesen Pinocchio kurz ansehen, um festzustellen, dass man es hier nicht mit einer gewöhnlichen Märchenadaption zu tun hat: Unförmig, asymmetrisch und mit hervorstehenden Nägeln hätte dieser Pinocchio genauso gut in einen Horrorfilm gepasst. Nicht weniger düster war auch seine Herstellung. Statt von Hingabe inspiriert, wurde dieser Holzjunge krude und unsauber von einem verzweifelten Mann im betrunkenen Zustand schnell mal zusammengeschnitzt. Und wenn dann der hyperaktive Pinocchio erwacht, mit spinnenartigen Bewegungen die Balance halten will und danach mit naiver Neugier die Werkstatt zerstört, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, mit was man es hier zu tun hat.

Das alles funktioniert vor allem aufgrund der bildschönen Animation. Del Toro holt alles raus, was mit Stop Motion möglich ist und macht daraus ein detailverliebtes Wunderland. Wir reden hier sowohl von liebevoll gestalteten Kulissen als auch von markanten Charakteren. Eine besondere Erwähnung verdient hier Graf Volpe (Christoph Waltz) als hinterlistiger aber wortgewandter Zirkusdirektor, dessen Haare, Gesichtszüge und theatralische Art schon etwas Teuflisches an sich haben.

Und auch wenn diese Adaption im Verhältnis zu den früheren Versionen weniger Fantasyelemente hat, so stechen diese hier besonders hervor. Man müsste nur an die „blaue Fee“ (Tilda Swinton) denken.

Holz mit Herz

Der Pinocchio Roman war schon immer ein Buch über Moral und davon, das Richtige zu tun. Und eben das wird auch in diesem Pinocchio deutlich. Zu Beginn ist er aufgedreht, ungeduldig und stößt auf absolutes Unverständnis, wieso die anderen Dorfbewohner ihm so feindlich gesinnt sind. Dies wird noch dadurch erschwert, dass Geppetto ihn als fehlerhaften Ersatz seines verstorbenen Sohnes sieht. Somit kommt es zu weiteren Konflikten, die Pinocchio während des Filmes lernen muss.

Zwar folgt dieser Pinocchio einem ähnlichen Handlungsablauf wie auch schon seine Vorgänger, dennoch gibt es Momente, bei denen man nicht weiß, in welche Richtung es gehen wird. Tatsächlich greift der Film auch philosophische Aspekte auf, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens und was die Ewigkeit bedeutet. Auch christliche Elemente der Wiedergeburt werden offen aufgegriffen.

Und dann wäre da noch ein ganz besonderes moralisches Dilemma:

Pinocchio gegen den Faschismus

Pinocchio und der Faschismus – Passt wie die Faust aufs Auge. Doch Sarkasmus beiseite: Das ist eine sehr ungewöhnlich Kombination. Dennoch schafft es del Toro diese passend einzufügen, ohne übertrieben zu wirken. Alleine schon die normalisierte Präsenz des italienische Faschismus im kleinen Dorf durch Plakate und uniformierte Gesetzeshüter ist erschreckend genug. Dabei bringt der Film satirische Elemente ein, darunter die Darstellung Mussolinis als kleinen Wicht mit massivem Ego, der seine Soldaten durch M-förmige Tore passieren lässt. Dabei vergisst der Film dennoch nicht auf die entmenschlichenden Aspekte des Faschismus einzugehen.

Tatsächlich schafft man es hier, diese Aspekte in die Geschichte rund um Pinocchio erstaunlich passend einzubinden: Einerseits ist da das Leben des verspielten Puppentheaters und andererseits die Disziplin einer unterdrückenden Autorität. Das bringt zusätzliche moralische Fragen ein, was es heißt, ein guter Junge und auch ein guter Mensch zu sein.

Nichts für Kinder?

Del Toro’s Pinocchio wurde schon lange als die düstere Adaption des Märchens vermarktet, weshalb man davon ausgeht, dass es nicht für Kinder geeignet ist. Und tatsächlich gibt es schwermütige Elemente, die für ein erwachsenes Publikum gedacht sind. Doch diese Elemente sind nicht so weit verbreitet als dass man die Adaption als reinen Erwachsenenfilm betrachten kann. Zwischen den schwierigen Szenen gibt es immer wieder Musik- und Slapstick-Einlagen, wobei letztere vor allem den armen Sebastian Grille in Mitleidenschaft ziehen. Diese scheinen so, als würden sie eher das jüngere Publikum ansprechen.

Was man dieser Pinocchio-Verfilmung vorwerfen könnte, ist ein etwas ungleichmäßiger Ton. Düstere und alberne Momente wechseln sich ab, sodass man nicht immer weiß, an wen es gerichtet ist. Es lässt die Frage offen, ob man nicht lieber auf ein paar Gesangeinlagen verzichtet hätte, um wirklich den präsentierten düsteren Ton zu halten. Das heißt allerdings nicht, dass selbst dann der Film für Kinder gänzlich ungeeignet wäre. Mit der passenden elterlichen Erklärung können Kinder den Film problemlos sehen.

Fazit

8.5/10
Stark
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 8/10
Charaktere 8/10
Emotionen 9/10
Tiefgang 8.5/10
Animation 9/10
Details:
Regisseur: Guillermo del Toro, Mark Gustafson,
FSK: 12 Filmlänge: 114 Min.
Besetzung: Christoph Waltz, David Bradley, Ewan McGregor, Gregory Mann, Ron Perlman, Tilda Swinton,

Guillermo del Toros Pinocchio ist eine Klasse für sich. Mit liebevollen Stop Motion Animationen erschafft man hier einen Pinocchio, der in seiner bizarren Darstellung einzigartig ist. Durch die Kombination aus Märchen und Historie werden weitere moralische Fragen aufgegriffen und der naive Holzkopf wird sowohl mit der Bedeutung des Lebens konfrontiert, als auch mit dem komplizierten Verhältnis zu seinem Vater.

Zwar sitzt der Ton zwischen Komödie und düsterer Fantasy nicht immer und der Film selbst zieht sich in der zweiten Hälfte etwas zu lange hin.

Schlussendlich ist der Film nicht perfekt – genauso wie Pinocchio. Denn wer ist das schon?

Artikel vom 14. Dezember 2022

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

4001Reviews.de (V4) – Seit 2015