Kritik: Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Märchenstunde im Kalten Krieg
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Titelbild für Kritik Shape of Water – Das Flüstern des Wassers mit Sally Hawkins und Doug Jones, umschlungen in einem dunklen Ozean.
    © 2018 20th Century Fox
  • In 'Pans Labyrinth' erzählte Guillermo del Toro eine rührende Kinderfantasie inmitten der Grausamkeit des Spanischen Bürgerkriegs. Eine gewagte Mischung, die jedoch aufging und Zuschauer wie Kritiker überzeugte. Für seinen neuesten Streich 'Shape of Water - Das Flüstern des Wassers' greift del Toro auf diese Erzählformel zurück. Wie das Gesamtwerk ausfällt, erfahrt ihr in unserer Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: Während des Kalten Krieges arbeitet die stumme Elisa (Sally Hawkins) mit ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer) als Reinigungsfachkraft in einem Hochsicherheitslabor der amerikanischen Regierung. Eines Tages beobachten die beiden ein fischartiges Wesen, das in einem Tank gefangen gehalten, erforscht…

    75%

    Ordentlich

    Handlung
    60%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    95%
    Spannung
    75%
    Emotionen
    60%

    'Shape of Water - Das Flüstern des Wassers' glänzt mit einer umwerfenden Optik und grandiosen Darstellern. Leider verheddern sich die gegensätzlichen Handlungsstränge so sehr, dass Spannung und Emotionen deutlich darunter leiden.

    User Rating: 3.48 ( 4 votes)
  • Erscheinungsdatum: 15.02.2018
    Filmlänge: 123 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: © 20th Century Fox (2018)

Gesamtbewertung:

Ordentlich
75%

In 'Pans Labyrinth' erzählte Guillermo del Toro eine rührende Kinderfantasie inmitten der Grausamkeit des Spanischen Bürgerkriegs. Eine gewagte Mischung, die jedoch aufging und Zuschauer wie Kritiker überzeugte. Für seinen neuesten Streich 'Shape of Water - Das Flüstern des Wassers' greift del Toro auf diese Erzählformel zurück. Wie das Gesamtwerk ausfällt, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Darum geht's:

Während des Kalten Krieges arbeitet die stumme Elisa (Sally Hawkins) mit ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer) als Reinigungsfachkraft in einem Hochsicherheitslabor der amerikanischen Regierung. Eines Tages beobachten die beiden ein fischartiges Wesen, das in einem Tank gefangen gehalten, erforscht und vom sadistischen Laborleiter Strickland (Michael Shannon) gefoltert wird. Das mysteriöse Wesen scheint eine Art Geheimwaffe zu sein, die gegen die Sovjets von Nutzen sein könnte.

Heimlich freundet sich Elisa mit diesem Fischwesen an, aus der zarten Annäherung entstehen Gefühle. Schließlich fasst sie den Entschluss, gemeinsam mit ihrem gutherzigen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) eine waghalsige Rettungsaktion zu starten. Das passt natürlich weder Strickland, noch den russischen Agenten, die das Labor längst infiltriert haben...

Doug Jones als Wasserwesen in einem Szenenbild für Kritik Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Doug Jones als Wasserwesen hat den typischen del-Toro-Look.

Bilder zum Zunge schnalzen

Guillermo del Toro ist und bleibt ein Meister des visuellen Storytelling. Die Bilder, die er mit seinem Team auf die Leinwand wirft, sind immer ein Genuss - ob nun im düsteren Hellboy oder im Popcorn-Actioner Pacific Rim. Auch in Shape of Water - Das Flüstern des Wassers zieht er alle Register und liefert eine bis ins kleinste Detail durchkomponierte Mystery-Romanze.

Die teils quietschbunten Settings sind echte Hingucker und erinnern von Style und Farbgebung an eine Mischung aus Die fabelhafte Welt der Amélie, Delikatessen und Moulin Rouge. Die engen Korridore in Elisas Haus mit den prägnanten Tapeten des frühen 19. Jahrhunderts, die vielen verspielten Details im Wohnatelier ihres Nachbarn Giles, die Steampunk-artigen Räumlichkeiten des amerikanischen Labors - das Ausstattungs-Department hat ganze Arbeit geleistet.

Doch nicht nur optisch erinnert der Film an das französische Kino, auch der Soundtrack von Pariser Alexandre Desplat (durfte sich für seine Arbeit über einen Golden Globe freuen) und der Schnittstil der Exposition sind eine respektvolle Verbeugung vor seinen Vorbildern. Es war eine gute Entscheidung, die Kalte Krieg-Thematik nicht in gewohnt dystopischen Bildern zu behandeln, sondern durch eine stilistisch eigentlich fehlplatzierte Machart ein wenig zu verfremden.

Zwei Außenseiter auf Tuchfühlung

Immer wieder wird von Guillermo del Toro als Märchenschreiber gesprochen. Klar, die Liste seiner bisherigen Werke sind gespickt von Fabelwesen und mystischen Kreaturen. Dabei gelang es ihm vor allem in Pans Labyrinth, eine bewegende Geschichte zu erzählen, ohne sich zu sehr in seinem Filmuniversum zu verlieren. In Shape of Water - Das Flüstern des Wassers gelingt ihm das leider nicht so gut.


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Die Grundidee der Geschichte ist dabei vollkommen nachvollziehbar: die stumme Außenseiterin trifft auf einen ebenfalls stummen Außenseiter, Elisa sieht in ihrem Gegenüber mehr als nur eine potenzielle Kriegswaffe und durch ihren kühnen Entschluss, das Fischwesen zu befreien, wächst sie schließlich über sich hinaus. Was aber dabei mehr und mehr verloren geht, ist das Herz der Geschichte. Das liegt vor allem an zwei Punkten.

Spionagethriller oder Liebesfilm?

Einerseits bleibt der Amphibienmensch über lange Zeit hinweg ohne wirklichen Charakter. Das macht es dem Zuschauer schwer, sich mit der Liebesgeschichte zu identifizieren. Anstatt sich Zeit für die Annäherung von Mensch und Fisch zu nehmen, setzt del Toro auf eine Reihe von Montagen, die zwar nett anzusehen sind, aber der augenscheinlichen Beziehungstiefe nicht gerecht werden. Erst im letzten Viertel bekommt das Fischwesen einen Hauch von Profil, aber die krasse Verbindung zu Elisa ist längst nicht mehr glaubwürdig. Das sehr vorhersehbare Finale fällt in dieser Hinsicht enttäuschend und lange nicht so emotional aus, wie es der Regisseur gerne hätte.

Elisa (Sally Jankins) macht eine Mittagspause neben einem dunklen Becken, aus welchem die Hand eines Wasserwesens (Doug Jones) ragt. Ein Szenenbild für Kritik Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Die Einführung der Romanze zwischen Elisa (Sally Hawkins) und dem Wasserwesen (Doug Jones) ist weniger magisch als erwartet.

Der zweite Grund, woran die Geschichte krankt, ist der große Fokus auf den Kalten Krieg. Anfangs macht gerade dieser Umstand Shape of Water - Das Flüstern des Wassers so spannend und einzigartig. Doch je mehr Zeit die Spionage-Elemente einnehmen, desto mehr rückt die Liebesgeschichte von Elisa in den Hintergrund. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Amis und Sovjets fällt definitiv spannend aus und mündet in einem wendungsreichen "kleinen" Finale. Doch del Toro hätte gut daran getan, diesen Handlungsstrang etwas zu reduzieren, damit die eigentliche Geschichte Platz zum Atmen hat. Es bleiben zwei Handlungsstränge, die nur teilweise aufgehen.

Sally Hawkins & Michael Shannon brillieren

Die Charakterköpfe, die Guillermo del Toro um sich geschart hat, liefern allesamt feine Performances ab. Sally Hawkins darf in Shape of Water - Das Flüstern des Wassers zwar nicht reden, doch ihre nuancierte Mimik überträgt jede noch so kleine Emotion. Schüchterne Verlegenheit, neckisches Lachen, energische Wutausbrüche – Hawkins haucht einer Figur Leben ein, die den Zuschauer gekonnt abholt.

Als "gute Seelen" des Filmes spielen Richard Jenkins (Cabin in the Woods) und Octavia Spencer (Hidden Figures) gewohnt stark. Jenkins spielt seine gebrochene und von der Gesellschaft enttäuschte Figur mit viel Feingefühl und Seele, während Spencer auch für witzige und "sassy" Momente verantwortlich ist, die die Stärke ihrer Figur zum Vorschein bringen.

Und diese Figuren braucht es auch, denn großer Antagonist Michael Shannon strotzt nur so von Bösartigkeit. Sein Charakter repräsentiert Prestige, Machthunger, Rassismus, Sexismus und so ziemlich alles, was ein Bösewicht der 60er Jahre so an sich hat. Shannon bringt eine ungeheure Energie in seine Szenen, die oft in blutigen Auseinandersetzungen enden (Achtung: Shape of Water ist definitiv kein Märchen für Kinder!). Erwähnenswert ist zudem auch die Leistung von Michael Stuhlbarg, der sich nach Fargo - Staffel 3 erneut für größere Rollen empfiehlt. Stammschauspieler Doug Jones ist einmal mehr für das Fabelwesen verantwortlich, das in einem Mix aus Kostüm, Maske und CGI auch fantastisch aussieht, auch wenn es nicht genügend Charaktermomente bekommt.

Ein Märchen mit Beigeschmack

Keine Frage: Guillermo del Toro hat einen unverkennbaren Stil und weiß seine Schauspieler zielsicher zu führen. Den Golden Globe für "Best Director" hat er sich verdient. Doch so schön seine Geschichte auch inszeniert ist, den emotionalen Kern seines vielleicht etwas zu ambitionierten Werks kann er nicht zur Gänze transportieren. Und das ist es doch, was ein modernes Märchen wirklich ausmacht. Schade, mit ein wenig mehr Fokus auf den romantischen Part der Story wäre del Toro vielleicht ein echtes Meisterwerk gelungen. So bleibt Shape of Water - Das Flüstern des Wassers ein hübscher Film mit unverkennbaren Schwächen in seiner Erzählstruktur.

Fazit:

'Shape of Water – Das Flüstern des Wassers' ist ein optischer Leckerbissen

In jeder Sekunde von Guillermo del Toros Fantasy-Liebesfilm ist das große Talent des Regievirtuosen ersichtlich. Die Schauspieler brillieren in ihren facettenreichen Rollen, die Optik ist unverkennbar und die Machart eine Hommage an das französische Kino. Storytechnisch möchte der Geschichtenerzähler leider ein wenig zu viel. Die Kombination aus Spionagethriller, Romanze und Mystery funktioniert nur am Anfang richtig gut, aber gegen Ende des Films wird zu wenig Fokus auf das Herzstück der Geschichte gelegt - deshalb fällt das Finale generisch und reichlich unspektakulär aus. Für ein modernes Märchen ist diese Tatsache fatal, denn hier zählt vor allem der emotionale Kern der Erzählung. Letztlich bleibt Shape of Water - Das Flüstern des Wassers ein optischer Leckerbissen mit großartigen Schauspielern und vielen guten Ideen, der sich jedoch selbst in seinen Ambitionen verläuft und leider verpasst, emotional wirklich zu berühren.

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