8.0/10

Kritik: Spencer

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Genres: Biografie, Drama, Startdatum: 13.01.2022

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Im Jahr 2016 widmete sich Regisseur Pablo Larraín in ‚Jackie‘ bereits der First Lady Jackie Kennedy. Nun stellt er in ‚Spencer‘ mit Prinzessin Diana eine zweite berühmte Frauenfigur des 20. Jahrhunderts ins Zentrum. Wieso er damit keinesfalls einen Nachsatz oder kläglichen zweiter Versuch, sondern eine ganz besondere filmische Leistung liefert, erfahrt ihr in der Kritik.

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Darum geht’s

Für Prinzessin Diana (Kristen Stewart), deren Mädchen Name dem Film den Titel gibt, ist 1991 kein besonders glückliches Jahr gewesen. Die Affäre ihres Mannes, Prinz Charles (Jack Farthing), sorgt seit geraumer Zeit für Spannungen in der Ehe. Sie fühlt sich zunehmend vom Apparat der Monarchie entfremdet und unverstanden. Vor allem um ihrer Söhne willen spielt sie jedoch weiter die von ihr erwartete Rolle. Mit all dem auf dem Herzen macht sie sich auf den Weg nach Sandringham House, dem Landsitz der Queen (Stella Gonet), für die royale Weihnachtsfeier. Doch dieses Jahr wird es nicht nur ein weiterer fixer Programmpunkt im monarchischen Jahresablauf werden, es bahnt sich ein Wendepunkt im Leben Dianas an…

Ausschluss und Isolation

Heute wissen wir natürlich um den weiteren Verlauf von Dianas Leben, um die sich immer weiter zuspitzende Krise in ihrer Ehe und die Scheidung von Prinz Charles. Das setzt Spencer auch voraus. Die Schilderungen der damaligen Prinzessin zu Königlichen Familie sind immer mit dem beginnenden Ende der Beziehung, sowohl zu ihrem Mann als auch zur Institution der Monarchie zu sehen.

Wie die Figuren dient auch die Kulisse in vielen Einstellungen als Spiegel für Diana, als Kulisse im doppelten Sinn.

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Der Film ergründet den für Diana bevorstehenden Bruch und die Entscheidung, dem gezeigten künstlichen und inszenierten Leben den Rücken zu kehren. Wie auch im Titel, schwingt die gesamte Handlung hindurch die Erinnerung an die Vergangenheit mit. Das frühere Leben, die frühere Familie, die auch tatsächlich eine war, die nicht nur ein Produkt, die keine staatliche Institution ist, verfolgen Diana und verstärken ihre existierenden Zweifel.

Es drängen sich unweigerlich Fragen danach auf, was eigentlich noch echt ist an einem Leben, das einem festen, bereits komplett festgelegten Ablauf folgt. In dem nicht einmal die Kleidung für den Tag frei zu wählen ist. Davon eingeengt, sehnt Diana sich nach Freunden und Familie, wahren Freunden und einer echten Familie.

Davor, danach, nicht dabei

Spencer vermeidet sehr gezielt alles vermeintlich Eigentliche. Ganz radikal wird die Handlung auf Dianas Sichtweise und ihr Verhalten außerhalb von und abseits des fest choreografierten Apparates der Monarchie reduziert. Wir sehen nicht das royale Weihnachtsessen, sondern Dianas nächtliches Naschen in der Speisekammer. Wir sehen nicht das inszenierte Spektakel des höfischen Protokolls und der Traditionen, sondern nur Dianas nicht Mitspielen, ihr aus der Rolle fallen. Sie kommt zu spät zum Wintertreffen der Familie, alle anderen sind schon da. Sie kommt zu spät zum Gruppenfoto. Alle anderen stehen bereits in Reih und Glied.

Als „die ganze Familie“ zusammenkommt, wird Dianas Distanz zu all diesen fremden Menschen drastisch unterstrichen.

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Viel mehr als an der Darstellung der großen Show der englischen Monarchie, wie es z.B. The Crown tut, fokussiert Spencer viel mehr auf die psychologischen Auswirkungen dieser Aufführung auf die Hauptfigur. Ganz bewusst, bleibt der Film “im Kleinen”: Diana wird nicht während der Festivitäten gezeigt, sondern dabei, wie sie gerade nicht daran teilnimmt und nicht teilnehmen will. Dabei werden alle anderen Charaktere zu absoluten Nebenfiguren.

Schauspiel, beherrscht

Gleich auf zwei Ebenen ist das Schauspiel des Films bemerkenswert. Sowohl die Leistung der Darsteller ist lobend zu erwähnen. Allen voran natürlich Kristen Stewart, deren Schauspiel den ganzen Film trägt. Sie versteht es ganz exzellent, die Zweifel und das Unwohlsein der Figur sowohl in kleinsten Gesten als auch ganz großen Explosionen darzustellen. Mit dieser Rolle hat sie wohl einige Aussichten auf Auszeichnungen.

Diana ist unter ständiger Beobachtung, ununterbrochen scheint ein skeptischer Blick sie zu verfolgen.

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Sie wird unterstützt von einem großartigen Ensemble, in dem alle Darsteller:innen die bebende Beherrschung der Figuren, das ständige „Sich Verhalten“ und „die eigentlichen Gedanken nicht Aussprechen“ auf den Punkt beherrschen. Auch Sally Hawkins brilliert in der Rolle von Dianas Ankleidedame.

Auf einer zweiten Ebene ist Spencer jedoch auch eine spannende Studie über das gesellschaftliche Schauspiel. Das Funktionieren in der vorgezeichneten Rolle, das einem Schauspiel entspricht, das keinen Raum für Improvisationen lässt. Dianas Protest richtet sich genau gegen dieses Leben entlang eines vorgeschriebenen Skripts.

Ausschließlich in einzelnen Hausangestellten findet Diana Vertraute über das festgelegte Zeremoniell hinaus.

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Die visuelle Umsetzung entspricht auf sehr angemessene Art und Weise zu dem Beben und Zittern der Beherrschung der Handlung und des Schauspiels: zurückgenommen und in den entscheidenden Momenten virtuos und mit Effekt.

Fazit

8/10
Gut
Community-Rating:
Handlung 8/10
Schauspiel 8/10
Visuelle Umsetzung 8/10
Emotionen 7.5/10
Kostüm & Maske 8.5/10
Details:
Regisseur: Pablo Larraín,
FSK: 12 Filmlänge: 117 Min.
Besetzung: Amy Manson, Jack Farthing, Kristen Stewart, Michael Epp, Richard Sammel, Sally Hawkins, Sean Harris, Timothy Spall,

Haltung! Lächeln! Anschauen!

Wer eine ausführlichen Nacherzählung von Dianas Leben erwartet und an klatschspaltenartiger Detailgetreue à la The Crown interessiert ist, wird von Spencer sehr enttäuscht werden. Es gibt nur sehr wenig Handlung, im Zentrum stehen die Figuren – nein, die Figur und ihr Seelen- und Gefühlsleben. Das dafür aber umgesetzt mit erstklassigem Schauspiel, gelungener Maske, ebensolchem Kostüm, Kameraarbeit und Ausstattung. Wer also etwas übrig hat für solch tiefen Charakterstudien, sollte schleunigst ein Kinoticket reservieren!

Artikel vom 31. Dezember 2021

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