Kritik: The Hunt

Ohrfeigen für alle!
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Titelbild zur Kritik "The Hunt"
    © Universal Pictures
  • Political Incorrectness hat eine neue Benchmark! Das jedenfalls behaupteten etliche Medienportale über den satirischen Action-Thriller ‘The Hunt‘ – und zwar viele Monate, bevor ihn irgendwer gesehen hatte. Eine steile These, die auch uns neugierig macht. Wird der Film dem Hype gerecht? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Ohne den Hauch einer Ahnung, wie sie dort hingekommen ist, wacht eine junge Frau (Emma Roberts, Nerve) mit gefesseltem Mund auf einer Lichtung auf. Nach und nach trifft sie weitere Personen, denen offenbar gleiches geschehen ist – darunter die knallharte Crystal (Betty Gilpin). Noch bevor sich…
    Kritik: The Hunt tba
    1
    Handlung
    75%
    Humor
    85%
    Charaktere
    75%
    Tiefgang
    60%
    Action
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 14.05.2020
    Filmlänge: 90 Minuten
    FSK: 18
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: 2020 Universal Pictures Home Entertainment
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
75%

Political Incorrectness hat eine neue Benchmark! Das jedenfalls behaupteten etliche Medienportale über den satirischen Action-Thriller ‘The Hunt‘ – und zwar viele Monate, bevor ihn irgendwer gesehen hatte. Eine steile These, die auch uns neugierig macht. Wird der Film dem Hype gerecht? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht's?

Ohne den Hauch einer Ahnung, wie sie dort hingekommen ist, wacht eine junge Frau (Emma Roberts, Nerve) mit gefesseltem Mund auf einer Lichtung auf. Nach und nach trifft sie weitere Personen, denen offenbar gleiches geschehen ist – darunter die knallharte Crystal (Betty Gilpin). Noch bevor sich die perplexe Gruppe einen Reim auf ihr Schicksal machen kann, zerfetzen Geschosse aus dem Nichts die ersten Schädel. Sofort wird klar: die Gruppe wird von Unbekannten gejagt!

Emma Roberts gefesselt in einem Szenenbild von The Hunt

Können die gejagten Konservativen ihrem Schicksal entgehen?

Liberale vs. Konservative

Was die beiden Drehbuchautoren Nick Cuse und der mit komplexen Stoffen vertraute Damon Lindelof (Watchmen-Serie, The Leftovers) zur Prämisse erheben, ist Schwarz-Weiß-Denken in Reinform. Denn – und so viel darf und muss verraten werden – die Jäger sind liberale, die Gejagten sind konservative Amerikaner. Wer der Autorenschaft nun fahrlässigen Pauschalismus vorwerfen möchte, wird schnell bemerken, dass genau dieser Kniff vollste Absicht ist und den weiteren Ton des Films bewusst bestimmen wird.

Das ist allein schon deshalb ein kleiner Geniestreich, weil tatsächlich viele gesellschaftliche Diskurse aus sich feindselig gegenüberstehenden Lagern stattfinden. Meinungen werden unantastbar zur Doktrin erhoben und mit aller Inbrunst gegen die Opposition verteidigt. Wie jüngst die Wahlen in den USA gezeigt haben, kann das ganz schön hässlich aussehen. Das dort vorherrschende Zwei-Parteien-System heben Cuse und Lindelof ganz einfach auf die nächste Ebene: Liberale und Konservative schießen sich über den Haufen. Das ist simpel, bitterböse und gleichzeitig nur konsequent.

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Stereotype aus dem Klischee-Lexikon

Wer sich nicht auf die absolut schablonenhaft gezeichneten Figuren einlassen kann (oder Gott bewahre: die Satire darin nicht erkennt), der wird mit The Hunt keine gute Zeit haben. Die Konservativen sind tumbe Rednecks mit Amerika-Westen, blond gefärbten Haaren, Jogginghosen und Tarnklamotten – selbstverständlich auch mit einer besonderen Liebe zu Waffen und dem Heimatland. Selbst mit zwei Pfeilen im Körper stürzt sich da ein Kerl mit Dad-Hat ballernd auf seine Feinde. Wenn das nicht patriotisch ist, dann weiß ich auch nicht!

Die Liberalen hingegen sind akademisierte Geschäftsmänner (und -frauen) mit teurem Zwirn, rhetorisch ausgefeilten Argumenten sowie gendergerechter Sprache auf den Lippen. Sie sind über jeden Zweifel erhaben, haben die Komplexität der Welt mühelos durchdrungen und sind so intellektuell wie sie auch nervtötend sind. „Linksgrün versifft“ würde man hierzulande spöttisch sagen, doch The Hunt findet drastischere Worte. Jedenfalls steht schon nach 15 Minuten fest: beide Gruppierungen sind wunderbar ätzend!

Alle bekommen ihr Fett weg

Die größte Stärke an The Hunt ist: es gibt keine Gruppe, der nicht irgendwie ans Bein gepisst wird. Das gelingt durch die plakative und fast schon schemenhafte Abhandlung der Buzzwords. Während sich die Rednecks durchweg in wüstem Lingo über Waffengesetze, Verschwörungstheorien und „die da oben“ auslassen (und witzigerweise mit all dem auch recht haben), sind vor allem die Liberalen diejenigen, die den Vogel abschießen.

Hier wird nämlich alles aufgefahren, was in den letzten Jahren auch nur ansatzweise Gegenstand des allgemeinen Diskurses war: White Privilege, Kulturelle Aneignung, Gendern, Flüchtlings- und Klimakrise, Repräsentation von Minderheiten, Pro Life/Choice, Feminismus, Sexismus, Homophobie und natürlich die amerikanische Politik. Selbst die Ursache für den twistreichen Plot ist ein augenzwinkernder Kommentar zur Cancel Culture.

White people. We’re the worst.

Weißer Liberaler zu sich selbst.

Gegen alles, für nichts

Was auf dem Papier nun sehr kontrovers klingt und genau deshalb im Vorfeld für große Diskussionen gesorgt hat, erschöpft sich allerdings gegen Ende des Films. Dies liegt einerseits daran, dass die wenigsten Themen über ihre bloße Nennung hinauskommen, aber auch, dass sich die Autoren nicht wirklich positionieren. Zugegeben, das geht bei dieser Fülle an Backpfeifen auch gar nicht, doch so entsteht letztlich der Eindruck, dass einfach alle einen an der Klatsche haben. Die große Stärke entpuppt sich somit auch als Schwäche.

Natürlich liegt in diesen Überspitzungen auch das humoristische Potenzial von The Hunt. Wenn die Liberalen inklusive Sprache benutzen und zeitgleich Konservative wie Karnickel abballern, dann ist das ziemlich witzig. Dennoch hätte die Geschichte durchaus bissiger ausfallen dürfen, um die einzelnen Kritikpunkte noch etwas klarer herauszuarbeiten. Am Ende bleibt nur: „Ob Wokeness oder Waffengewalt – wenn’s zu extrem wird, ist es doof.“ Das ist etwas arg dünn und wird dem Hype im Vorfeld nicht gerecht.

Unterhaltsam wie die Sau!

Im Hinblick auf den Rest des Films fällt die Sache doch eindeutiger aus. Von der ersten bis zur letzten Sekunde unterhält The Hunt blendend. Wenn die Kugeln fliegen – und das passiert zügig – geht es wirklich ans Eingemachte. Dank Kopfschüssen, Minenfeldern, Messerkämpfen und Explosionen fließt reichlich Blut und die Kamera hält munter drauf. Regisseur Craig Zobel und sein Team leisten solide Arbeit und inszenieren die Action-Satire routiniert.

Betty Gilpin als Crystal in einem Szenenbild aus The Hunt

Mit allen Wassern gewaschen: Crystal (Betty Gilpin) weiß sich sehr gut selbst zu verteidigen

Hervorzuheben sind definitiv die Schauspielenden, die The Hunt erst so richtig funktionieren lassen. Hier stürzen sich alle mit Genuss in ihre klischeebeladenen Rollen und haben sichtlich Freude daran. Vor allem Betty Gilpin (American Gods) als Protagonistin ist eine echte Wucht. Sie macht nicht nur in den Kampfszenen eine gute Figur, sondern spielt auch so wunderbar ungeniert und facettenreich. Nicht die satirischen Witze, sondern ihre Schauspielleistung trägt den Film.

Fazit:

'The Hunt' teilt aus ohne Mehrwert

Ganz ehrlich: wir lieben Filme, die genüsslich einfach alle Gruppierungen der Gesellschaft durch den Kakao ziehen. The Hunt ist solch ein Film und schießt (wortwörtlich) munter gegen jede Ideologie und politische Haltung. Das ist meistens sehr unterhaltsam, reicht aber als wirklich bissige Satire nicht aus, weil die Themen nur genannt und nicht wirklich beleuchtet werden. Einfach alle zu verarschen ist da ironischerweise nicht konsequent genug. Witzig ist das trotzdem und mit der sehenswerten Action und dem tollen Cast gibt es genügend Gründe, The Hunt anzuschauen. Mit größter Sicherheit werdet auch ihr beleidigt!

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