Kritik: The Power of the Dog

Es bleibt in der Familie
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Das Westerngenre ist nicht gerade angesagt. Doch 'The Power of the Dog' werden bereits Oscar-Chancen in gleich mehreren Kategorien zugerechnet. Wieso ihr euch dieses starbesetzte Drama um Familie, Liebe und Gewalt also nicht entgehen lassen solltet, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? In den 1920er Jahren in Montana ist das klassische Cowboy-Leben der “harten Kerle” noch in vollem Gange. Doch es tun sich Risse in den traditionellen Strukturen auf. Davon bleiben auch die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) nicht unberührt. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen als Cowboys und Rinderfarmer, besitzen inzwischen eine große Ranch und mehrere Angestellte. Während Phil noch immer voll in der Rolle des stoischen Cowboys aufgeht und von den jungen Ranchhelfern fast wie eine Legende verehrt wird, sehnt sich George nach einem anderen Leben. Phil sieht die brüderliche Zweisamkeit bedroht, umso mehr, als George der Witwe Rose (Kirsten Dunst) näher kommt. Werbung Unzeitgemäß zeitgemäß Die Zeit der Cowboys ist vorbei. Sowohl im echten Leben, als auch auf der Leinwand. Western sind nicht gerade angesagt. Von Zeit zu Zeit erscheint immer mal wieder einer, aber die Guten kann man zwischen Paul Thomas Andersons There Will be Blood (2007) und Quentin Tarantinos Hateful Eight (2016) an einer Hand abzählen. Regisseurin Jane Campion hat sich kein Publikumslieblingsgenre ausgesucht. Doch The Power of the Dog ist sich dieser Tradition des Unzeitgemäßen nur zu sehr bewusst. Der Wandel der Zeit, dass sich die Dinge ändern und nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen, Lebensstile und Emotionen “aus der Mode kommen” und ein Ablaufdatum haben können, ist das zentrale Element, um das sich der Film dreht. Die Brüder Phil und George haben sich auseinandergelebt, ihre Vorstellungen von und Erwartungen ans Leben sind nicht mehr miteinander zu vereinbaren. Während George längst darüber hinweg ist und sich nach Liebe und Zuneigung sehnt, hält Phil am tradierten Idealbild des knallharten Cowboys fest und geht immer stärker im Mythos männlicher Stärke auf. Männer und Frauen Die Dekonstruktion der klassischen männlichen Westernfigur ist natürlich erstmal nichts Neues, sondern fast so alt ist wie das Genre selbst. Auch John Fords Helden waren gebrochene Figuren und haderten genau mit den großen Männerprojektionsbildern, für die sie gehalten wurden und werden. Doch The Power of the Dog schafft es, diese Auseinandersetzung und dieses Auseinandernehmen noch mal neu und auf einer anderen Ebene zu gestalten. Die Reflexion über Familie und die Frage nach dem guten Leben die im Film stecken, vermögen schon nochmal, der Westerngeschichte neue Einsichten zuzufügen. Doch genug von den Männern! Es muss ganz ausdrücklich, mit Ausrufezeichen und unterstrichen nämlich neben Benedict Cumberbatch vor allem auch Kirsten Dunst lobend erwähnt werden. In der Rolle des verwitweten Mutter liefert sie eine wirklich auszeichnungswürdige Schauspielleistung ab. Ihrem Charakter ist eine Verlorenheit und einsame Unsicherheit eigen, die Dunst mit Perfektion darzustellen weiß. Exemplarisch für das meisterliche Zusammenspiel von Handlung, Inszenierung und Schauspiel sei hier eine Szene in der Mitte des Films angeführt: Rose wird beim Üben am Klavier wiederholt von Phil durch Gitarrenspiel unterbrochen. Zwischen den beiden besteht zu diesem Zeitpunkt der Handlung ein schwelender und praktisch unausgesprochener Konflikt. Dieser wird nun ohne ein Wort Dialog, nur durch Musik und Dunsts Ausdruck beängstigend auf den Punkt gebracht. Als Zuschauer ist die unangenehme Spannung der Szene nur schwer zu ertragen, was eine seltene Leistung des Films ist. The Power of the Dog ist aber in vielerlei Hinsicht ein seltener Fall: ich kam aus dem Kino und war erzürnt darüber, dass der Film nicht länger war. Üblicherweise sind mir fast alle Filme zu lang. Doch hier hätte es mehr vertragen können! Fazit: Hundsgut! The Power of the Dog hat auf jeden Fall einiges an Power. Die Handlung ist einnehmend, vermeidet, bzw. bricht mit bekannten Klischees und bietet spannende und mitreißende psychologische Einsichten ins Leben der Figuren. Diese sind sehr gut gespielt. Wen Western nicht reißen, der sollte sich Benedict Cumberbatch und vor allem Kirsten Dunst nicht entgehen lassen. Klare Empfehlung.
    Kritik: The Power of the Dog
    Handlung
    80%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    70%
    Charaktere
    80%
    Atmosphäre
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 18.11.2021
    Filmlänge: 128 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: Netflix
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Gesamtbewertung:

Gut
78%

Das Westerngenre ist nicht gerade angesagt. Doch 'The Power of the Dog' werden bereits Oscar-Chancen in gleich mehreren Kategorien zugerechnet. Wieso ihr euch dieses starbesetzte Drama um Familie, Liebe und Gewalt also nicht entgehen lassen solltet, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum geht's?

In den 1920er Jahren in Montana ist das klassische Cowboy-Leben der “harten Kerle” noch in vollem Gange. Doch es tun sich Risse in den traditionellen Strukturen auf. Davon bleiben auch die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) nicht unberührt. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen als Cowboys und Rinderfarmer, besitzen inzwischen eine große Ranch und mehrere Angestellte. Während Phil noch immer voll in der Rolle des stoischen Cowboys aufgeht und von den jungen Ranchhelfern fast wie eine Legende verehrt wird, sehnt sich George nach einem anderen Leben. Phil sieht die brüderliche Zweisamkeit bedroht, umso mehr, als George der Witwe Rose (Kirsten Dunst) näher kommt.

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Unzeitgemäß zeitgemäß

Die Zeit der Cowboys ist vorbei. Sowohl im echten Leben, als auch auf der Leinwand. Western sind nicht gerade angesagt. Von Zeit zu Zeit erscheint immer mal wieder einer, aber die Guten kann man zwischen Paul Thomas Andersons There Will be Blood (2007) und Quentin Tarantinos Hateful Eight (2016) an einer Hand abzählen. Regisseurin Jane Campion hat sich kein Publikumslieblingsgenre ausgesucht.

Doch The Power of the Dog ist sich dieser Tradition des Unzeitgemäßen nur zu sehr bewusst. Der Wandel der Zeit, dass sich die Dinge ändern und nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen, Lebensstile und Emotionen “aus der Mode kommen” und ein Ablaufdatum haben können, ist das zentrale Element, um das sich der Film dreht.

Die Brüder Phil und George haben sich auseinandergelebt – Anzug und Hemdkragen gegen schmutzige Büffelfellhosen.

Die Brüder Phil und George haben sich auseinandergelebt, ihre Vorstellungen von und Erwartungen ans Leben sind nicht mehr miteinander zu vereinbaren. Während George längst darüber hinweg ist und sich nach Liebe und Zuneigung sehnt, hält Phil am tradierten Idealbild des knallharten Cowboys fest und geht immer stärker im Mythos männlicher Stärke auf.

Männer und Frauen

Die Dekonstruktion der klassischen männlichen Westernfigur ist natürlich erstmal nichts Neues, sondern fast so alt ist wie das Genre selbst. Auch John Fords Helden waren gebrochene Figuren und haderten genau mit den großen Männerprojektionsbildern, für die sie gehalten wurden und werden. Doch The Power of the Dog schafft es, diese Auseinandersetzung und dieses Auseinandernehmen noch mal neu und auf einer anderen Ebene zu gestalten. Die Reflexion über Familie und die Frage nach dem guten Leben die im Film stecken, vermögen schon nochmal, der Westerngeschichte neue Einsichten zuzufügen.

Klassische Männerbilder werden mit Blick auf Intimität und Zusammengehörigkeit mit sehr viel Umsicht betrachtet und hinterfragt.

Doch genug von den Männern! Es muss ganz ausdrücklich, mit Ausrufezeichen und unterstrichen nämlich neben Benedict Cumberbatch vor allem auch Kirsten Dunst lobend erwähnt werden. In der Rolle des verwitweten Mutter liefert sie eine wirklich auszeichnungswürdige Schauspielleistung ab. Ihrem Charakter ist eine Verlorenheit und einsame Unsicherheit eigen, die Dunst mit Perfektion darzustellen weiß.

Exemplarisch für das meisterliche Zusammenspiel von Handlung, Inszenierung und Schauspiel sei hier eine Szene in der Mitte des Films angeführt: Rose wird beim Üben am Klavier wiederholt von Phil durch Gitarrenspiel unterbrochen. Zwischen den beiden besteht zu diesem Zeitpunkt der Handlung ein schwelender und praktisch unausgesprochener Konflikt. Dieser wird nun ohne ein Wort Dialog, nur durch Musik und Dunsts Ausdruck beängstigend auf den Punkt gebracht.

Kirsten Dunst legt in "The Power of the Dog" eine der besten Schauspielleistungen ihrer bisherigen Laufbahn hin.

Als Zuschauer ist die unangenehme Spannung der Szene nur schwer zu ertragen, was eine seltene Leistung des Films ist. The Power of the Dog ist aber in vielerlei Hinsicht ein seltener Fall: ich kam aus dem Kino und war erzürnt darüber, dass der Film nicht länger war. Üblicherweise sind mir fast alle Filme zu lang. Doch hier hätte es mehr vertragen können!

Fazit:

Hundsgut!

The Power of the Dog hat auf jeden Fall einiges an Power. Die Handlung ist einnehmend, vermeidet, bzw. bricht mit bekannten Klischees und bietet spannende und mitreißende psychologische Einsichten ins Leben der Figuren. Diese sind sehr gut gespielt. Wen Western nicht reißen, der sollte sich Benedict Cumberbatch und vor allem Kirsten Dunst nicht entgehen lassen. Klare Empfehlung.

Das Westerngenre ist nicht gerade angesagt. Doch 'The Power of the Dog' werden bereits Oscar-Chancen in gleich mehreren Kategorien zugerechnet. Wieso ihr euch dieses starbesetzte Drama um Familie, Liebe und Gewalt also nicht entgehen lassen solltet, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? In den 1920er Jahren in Montana ist das klassische Cowboy-Leben der “harten Kerle” noch in vollem Gange. Doch es tun sich Risse in den traditionellen Strukturen auf. Davon bleiben auch die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) nicht unberührt. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen als Cowboys und Rinderfarmer, besitzen inzwischen eine große Ranch und mehrere Angestellte. Während Phil noch immer voll in der Rolle des stoischen Cowboys aufgeht und von den jungen Ranchhelfern fast wie eine Legende verehrt wird, sehnt sich George nach einem anderen Leben. Phil sieht die brüderliche Zweisamkeit bedroht, umso mehr, als George der Witwe Rose (Kirsten Dunst) näher kommt. Werbung Unzeitgemäß zeitgemäß Die Zeit der Cowboys ist vorbei. Sowohl im echten Leben, als auch auf der Leinwand. Western sind nicht gerade angesagt. Von Zeit zu Zeit erscheint immer mal wieder einer, aber die Guten kann man zwischen Paul Thomas Andersons There Will be Blood (2007) und Quentin Tarantinos Hateful Eight (2016) an einer Hand abzählen. Regisseurin Jane Campion hat sich kein Publikumslieblingsgenre ausgesucht. Doch The Power of the Dog ist sich dieser Tradition des Unzeitgemäßen nur zu sehr bewusst. Der Wandel der Zeit, dass sich die Dinge ändern und nicht nur Gegenstände, sondern auch Menschen, Lebensstile und Emotionen “aus der Mode kommen” und ein Ablaufdatum haben können, ist das zentrale Element, um das sich der Film dreht. Die Brüder Phil und George haben sich auseinandergelebt, ihre Vorstellungen von und Erwartungen ans Leben sind nicht mehr miteinander zu vereinbaren. Während George längst darüber hinweg ist und sich nach Liebe und Zuneigung sehnt, hält Phil am tradierten Idealbild des knallharten Cowboys fest und geht immer stärker im Mythos männlicher Stärke auf. Männer und Frauen Die Dekonstruktion der klassischen männlichen Westernfigur ist natürlich erstmal nichts Neues, sondern fast so alt ist wie das Genre selbst. Auch John Fords Helden waren gebrochene Figuren und haderten genau mit den großen Männerprojektionsbildern, für die sie gehalten wurden und werden. Doch The Power of the Dog schafft es, diese Auseinandersetzung und dieses Auseinandernehmen noch mal neu und auf einer anderen Ebene zu gestalten. Die Reflexion über Familie und die Frage nach dem guten Leben die im Film stecken, vermögen schon nochmal, der Westerngeschichte neue Einsichten zuzufügen. Doch genug von den Männern! Es muss ganz ausdrücklich, mit Ausrufezeichen und unterstrichen nämlich neben Benedict Cumberbatch vor allem auch Kirsten Dunst lobend erwähnt werden. In der Rolle des verwitweten Mutter liefert sie eine wirklich auszeichnungswürdige Schauspielleistung ab. Ihrem Charakter ist eine Verlorenheit und einsame Unsicherheit eigen, die Dunst mit Perfektion darzustellen weiß. Exemplarisch für das meisterliche Zusammenspiel von Handlung, Inszenierung und Schauspiel sei hier eine Szene in der Mitte des Films angeführt: Rose wird beim Üben am Klavier wiederholt von Phil durch Gitarrenspiel unterbrochen. Zwischen den beiden besteht zu diesem Zeitpunkt der Handlung ein schwelender und praktisch unausgesprochener Konflikt. Dieser wird nun ohne ein Wort Dialog, nur durch Musik und Dunsts Ausdruck beängstigend auf den Punkt gebracht. Als Zuschauer ist die unangenehme Spannung der Szene nur schwer zu ertragen, was eine seltene Leistung des Films ist. The Power of the Dog ist aber in vielerlei Hinsicht ein seltener Fall: ich kam aus dem Kino und war erzürnt darüber, dass der Film nicht länger war. Üblicherweise sind mir fast alle Filme zu lang. Doch hier hätte es mehr vertragen können! Fazit: Hundsgut! The Power of the Dog hat auf jeden Fall einiges an Power. Die Handlung ist einnehmend, vermeidet, bzw. bricht mit bekannten Klischees und bietet spannende und mitreißende psychologische Einsichten ins Leben der Figuren. Diese sind sehr gut gespielt. Wen Western nicht reißen, der sollte sich Benedict Cumberbatch und vor allem Kirsten Dunst nicht entgehen lassen. Klare Empfehlung.
Kritik: The Power of the Dog
Handlung
80%
Schauspiel
85%
Visuelle Umsetzung
70%
Charaktere
80%
Atmosphäre
75%
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