7.5/10

Kritik: Aufbruch zum Mond

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Genres: Biografie, Drama, Historienfilm, Startdatum: 08.11.2018

Interessante Fakten für…

  • Mark Armstrong und Rick Armstrong sagten, First Man sei die genaueste Darstellung ihres Vaters Neil Armstrong und ihrer Mutter Janet Armstrong.
  • In der Frühstücksszene kurz vor dem Start von Apollo 11 wurde der NASA-Zeichner Paul Calle von seinem eigenen Sohn Chris Calle gespielt.

Nach „Whiplash“ und „La La Land“ wagt das Oscar-prämierte Regietalent Damien Chazelle in seinem neusten Film den ‚Aufbruch zum Mond‘. Warum das Weltraumdrama kein Überflieger ist, sich aber dennoch lohnt, erfährst du in unserer Kritik.

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#storysüchtig #strangerthings #schwarztee

Darum geht’s

In den 1960er-Jahren tritt zwischen den USA und der Sowjetunion der Wettlauf um die „Vorherrschaft im All“ in die heiße Phase. In der Hoffnung die Konkurrenten zu übertrumpfen, schickt die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA Neil Armstrong (Ryan Gosling) und Buzz Aldrin (Corey Stoll) auf eine wahnwitzige Reise zur Mondoberfläche.

Was dann passiert ist Allgemeinwissen: Mit den Worten „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit“, betritt Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mond. Was weniger bekannt ist, sind die Opfer auf dem Weg dorthin. Dieser Perspektive widmet sich Damien Chazelles (Guy and Madeline on a Park Bench, Whiplash, La La Land) vierter Kinofilm Aufbruch zum Mond, bzw. First Man, wie der Streifen im Original heißt.

Der etwas andere Weltraumfilm

Aufbruch zum Mond sucht – und findet – den Anschluss an eine Reihe überaus erfolgreicher Weltallfilme der letzten Jahre (GravityInterstellarMarsianer etc.), steht jedoch mehr in der Tradition alter Klassiker wie Apollo 13, in denen Raumfahrt mehr Wagnis als Wunder war.

Diesen Pioniergeist der jungen Raumfahrt fängt Chazelles schmucklose Inszenierung stimmungsvoll ein und bereichert somit das Weltraum-Genre ungemein. Ratternde Fluggeräte, rostige Baugerüste und dreckige Mannschaftslogis sowie eine Reihe fataler Rückschläge führen uns eindrucksvoll vor Augen (Eröffnungssequenz!), welch Risiko und Wahnsinn die Apollo-Missionen der 60er-Jahre waren.

Körnig-kontrastige Bilder lassen das Feeling alter Weltraumklassiker auferstehen.

Ryan Gosling als Neil Armstrong in Raumschiff in Aufbruch zum Mond

Transportiert wird Chazelles Vision der Raumfahrt durch eine extrem subjektive Kameraführung, die uns in körnig-kontrastigen Bildern auf packende Weise selbst Teil der Astronauten-Crew werden lässt. Gelingt es dann schließlich doch, auf dem Mond zu landen, stellt sich bei uns umso mehr das kribbelnde Gefühl des waghalsigen Abenteuers ein, das gerade Weltraumfilme so auszeichnet. Doch auf dem Weg dorthin, geht längst nicht alles glatt:

Handlung zündet nicht

Biografische Filme sind von einem ewigen Kampf gezeichnet: Originalgetreue vs. Dramatisierung. Die Balance zwischen Fiktion und Fakten zu finden, und somit der Wahrheit treu und der Aufmerksamkeit des Publikums gewogen zu bleiben, ist eine Gradwanderung. Eine Gradwanderung, die Aufbruch zum Mond nicht so ganz gelingen will.

Das liegt vor allem daran, dass Chazelle sich nicht für eine Spielart entscheiden kann. Ermüdend reiht der junge Regisseur ein Ereignis aus Armstrongs Leben an das andere. Die dazwischenliegenden Zeitlücken, die durch eingeblendete Jahreszahlen flankiert werden, weiß das Drehbuch jedoch nicht zu füllen, sodass sich Aufbruch zum Mond nicht selten wie eine zusammenhangslose Stichpunktliste für die Geschichtsklausur anfüllt.

Besonders peinlich wird es am Ende des Films, wenn Chazelle zwanghaft versucht den irdischen und himmlischen Handlungsstrang zusammenzuführen (Kraterszene am Mond). Der erhofft emotionale Schluss geht dabei in zweifelhaftem Kopfschütteln unter: „Als ob“, will ich sagen.

‚Aufbruch zum Mond‘ nimmt sich mehr Themen vor, als es bewältigen kann.

Ryan Gosling und Claire Foy sitzen an einem Tisch in Aufbruch zum Mond

Orientierungsloses Themengemenge

Zu alledem fällt es bei der episodischen Erzählweise des Films schwer, zu erkennen, worum es dem Film wirklich geht: Raumfahrt? Trauerbewältigung? Ehekrisen? Opferbereitschaft? Politik? Zu viel wird angeschnitten, zu wenig durchgezogen. Was schade ist, denn Chazelles gewohnt-einfühlsame Inszenierung verleiht vielen Szenen eine besondere Stimmung und Spannung, die sich jedoch nur selten entfalten können, da alsbald wieder zur nächsten Episode gesprungen wird.

Während sich die Handlung als Fehlzündung erweist, kann Aufbruch zum Mond zumindest mit interessanten, tiefgründigen Charakteren aufwarten. So viel bleibt unausgesprochen zwischen den Figuren des Films, dass es zugleich spannend und schwer zu ertragen ist, zuzusehen.

Besonders das durch Schicksalsschläge belastete Verhältnis zwischen Neil Armstrong und seiner Frau Janet Armstrong ist kraftvoll inszeniert und verleiht dem sonst so mechanischen Film einen emotionalen Kern, der mitunter sogar zu Tränen rührt – was jedoch kaum auf das Konto von Shooting-Star Ryan Gosling geht.

Als Armstrongs Ehefrau Janet sorgt Claire Foy für die Erdung des Films.

Claire Foy als Janet Armstrong in Aufbruch zum Mond

Foy spielt Gosling auf den Mond

Mit Aufbruch zum Mond bleibt Ryan Gosling seinem Markenzeichen treu und mimt zum x-ten Mal den wortkargen Stoiker. Doch während Goslings ikonisches Porträtieren nach innen gekehrter Figuren in Filmen wie A Place Beyond the Pines und Blade Runner 2049 noch funktioniert haben mag, gelingt es Regisseur Damien Chazelle nicht, Armstrongs sichtlich kompliziertes Innenleben filmisch so zu verpacken, dass wir verstehen, was in unserem Protagonisten vor sich geht.

In La La Land, wo die beiden bereits mit Oscar-prämiertem Erfolg zusammenarbeiteten, gelang das noch: Musik und Tanz dolmetschten uns das Gefühlsleben eines verschlossenen Charakters. In First Man fehlt eine solche Metapher jedoch. Das Resultat: Chazelles Hauptfigur bleibt ein Mysterium – was trotz anfänglich unterhaltendem Rätseln, spätestens in der abrupten Endszene jedoch nicht mehr funktioniert – sondern tief enttäuscht.

Hinzu kommt, dass die zentrale Frage, was einen Familienvater dazu antreibt, eine Suicide Mission zum Mond anzutreten, nicht – bzw. nur äußerst platt – beantwortet wird.

Ganz anders gebart sich dahingegen Claire Foy (The CrownUnsane – Ausgeliefert). Unter Chazelles Regiearbeit blüht die Britin wahrhaft auf. Zwar sind auch ihr sind wenige Szene gegönnt, in denen sie ihr Gefühlsleben ausbreiten darf, doch nutzt sie diese mit physischer Präsens und intensivem Schauspiel, das den Atem verschlägt. Wortwörtlich: Foy spielt Gosling auf den Mond.

Fazit

7.5/10
Ordentlich
Community-Rating:
Handlung 5/10
Schauspiel 8.5/10
Visuelle Umsetzung 9/10
Emotionen 8/10
Spannung 7/10
Details:
Regisseur: Damien Chazelle,
FSK: noch nicht bekannt Filmlänge: 143 Min.
Besetzung: Christopher Abbott, Ciarán Hinds, Claire Foy, Corey Stoll, Jason Clarke, Kyle Chandler, Lukas Haas, Patrick Fugit, Ryan Gosling,

Aufbruch zum Mond ist ein immersives Kinoerlebnis, das den Wagemut und Wahnsinn der jungen Raumfahrt in stilsicheren Bildern wirkungsvoll auf die Leinwand wirft. Trotz faszinierendem Schauspiel von Claire Foy bleiben die Charaktere des Films jedoch weitestgehend ein Mysterium – was vor allem für Ryan Goslings Interpretation von Neil Armstrong gilt. Anders als gewohnt gelingt es Regietalent Damien Chazelle nicht, Innenleben und Motivation seiner Figuren intelligent und stilsicher darzulegen, was Aufbruch zum Mond zu einem unvollkommenem – wenn auch lohnenswerten – Film macht. Tipp: Definitiv im Kino sehen!

Artikel vom 6. November 2018

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