Kritik: Blade Runner 2049

Der Renner des Jahres

FSK 16

Spoilerfrei!

Ryan Gosling vor orangenem Hintergrund steht Rücken an Rücken mit Harrison Ford der vor blauem Hintergrund steht auf Hauptplakat zu Blade Runner 2049

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

2049: 30 Jahre nach den Ereignissen von Blade Runner hat Tycoon Niander Wallace (Jared Leto) die Tyrell Corporation abgelöst. Seine Replikanten sind gefügiger, als die Nexus-Baureihen, die als Gefahr für die Menschheit angesehen werden. Gejagt werden diese ausrangierten Modelle von der Spezialeinheit der Blade Runner, der auch Wallace-Replikanten wie LAPD-Officer K (Ryan Gosling) angehören. Während eines Einsatzes entdeckt K das Skelett einer Replikantin, die offensichtlich bei der Geburt eines Kindes starb. Ein Wunder, denn Fortpflanzung gilt bei den Maschinenmenschen als unmöglich. Nicht lange und K beginnt an seiner eigenen Existenz zu zweifeln und macht sich auf die Suche nach seinem Ursprung.


Was geschah im ersten Teil?: Unsere Zusammenfassung: Blade Runner  verrät es dir


Nahtloser Übergang zum Klassiker

Ryan Gosling unterhält sich als Replikant K mit einer Leuchtreklame für ein Bordell in Blade Runner 2049
Das Sequel verpackt Kernelemente des Klassikers neu. Wie hier: Neonwerbung.

Mit Blade Runner setzte Regisseur Ridley Scott 1982 neue Maßstäbe. Heute, 35 Jahre später, führt Denis Villeneuve (Prisoners, Arrival) fort, was Blade Runner damals einzigartig machte: Bildgewalt, Atmosphäre und ein bestechend philosophischer Kern. Die Fortsetzung greift das offene Ende des Vorgängers auf, und erschafft einen verblüffend nahtlosen Übergang. Das gilt sowohl für Setdesign, Erzählstil als auch die visuelle Umsetzung.

Besser als bei Ridley Scotts Film ist jedoch die Dramaturgie. Ohne sich in Nebensträngen zu verstricken, entwickelt sich eine handfeste Story, die die Laufzeit von über zwei Stunden mühelos füllt und mit einem soliden Plot Twist überrascht. Erwartungsgemäß überzeugt auch Ryan Gosling (La La Land, The Nice Guys). Seine gewohnt wortkrage, nach innen gekehrte Darbietung bettet sich stimmig in das Setting ein, ist jedoch wenig überraschend. Harrison Ford, der Held des Klassikers, ist – anders als es die Trailer einen glauben machen wollen – jedoch weniger wichtig für die Story. In den Nebenrollen überzeugen zudem Dave Bautista (Guardians of the Galaxy), Robin Wright (House of Cards) und Ana de Armas (War Dogs).

Atemberaubende und ungesehene Bilder

Blade Runner K steht neben einem Auto und starrt auf die rot-gelbe Skyline einer Mega City mit vielen Hochäusern
Szenenbild und Kostüm schaffen atemberaubende Welten, die in gelb-orangem Staub wiederum kaum auszumachen sind.

Während sich moderner Science-Fiction meist zwischen den Polen „düster-dreckig“ und „klinisch-sauber“ bewegt, vereint dieser Film das Beste von Beidem. So bestimmen charakteristische Elemente des Klassikers, wie fliegende Autos, Neon-Werbung und Großstadtslums, nach wie vor das Ambiente. In Retro-Allüren schwelgt Blade Runner 2049 dennoch nicht. Vielmehr überführt das Sequel die Stärken des Klassikers in eine moderne Vision, die irgendwo zwischen Lost-Places-Fotografie und Minimal-Instagram-Feed zuhause ist.

Diese fremdartige Mischung aus rostigen Schrotthaufen, modernem Design und antik anmutenden Bauten im Pyramiden-Stil ist überwältigend – und ungesehen. Angereichert durch virtuose Sound-Effects, die sich mit einem kraftvollen Score zu einem disharmonischen Klangteppich verbinden, begeben wir uns auf eine Zeitreise mit unsicherem Ausgang.

Subtile Spannung statt sinnentleerter Action

Für das Tempo seines fünften Films wählt Villeneuve eine antizyklisch langsame Erzählweise, die uns schon in Arrival faszinierte. Wer denkt, Blade Runner 2049 sei deswegen langweilig, täuscht sich gewaltig. Sicher hätte sich die Erzählung auch raffen lassen, aber gerade im Tempo liegt der Schlüssel zum Erfolg des Films, der uns in erhabenen Panoramaaufnahmen und reduzierten Schnitten in eine fremde Welt entführt.

Dabei wird auf plakative Spannungsmacher verzichtet. Stattdessen braut sich die Spannung auf, wie ein düsteres Gewitter am Horizont: schleppend, bedrohlich und mächtig. Das packende an dem Sequel sind nicht abgefahrene Action-Sequenzen, die an Zirkusnummern erinnern, sondern die ausstehenden Antworten, nach denen Officer K auf seinem Selbstfindungstrip so verzweifelt sucht.

Die Rettung des modernen Science-Fiction-Kinos

Officer K gespielt von Ryan Gosling im Hauptquartier der Wallace Corporation in Blade Runner 2049
Im Hauptquartier der Wallace Corporation sucht Officer K (Ryan Gosling) nach der Vergangenheit.

Eine weitere Stärke ist, dass Blade Runner 2049 genretypische Klischee weit umschifft und sich vielmehr auf die eigentliche Stärke von Science-Fiction konzentriert: das Setting. Freilich ist das Thema „Künstliche Intelligenz“ alles andere als neu. Romane und Filme, die sich mit künstlichen Lebensformen befassen, gibt es zu Hauf (z.B.: Prometheus – Dunkle Zeichen). Dennoch gelingt es Blade Runner 2049 dabei einen meist übersehenen Aspekt zu betonen: Die Fortpflanzung. So fragt der Film, was einen Replikanten, der gezeugt und geboren wurde, denn noch von einem „echten“ Menschen unterscheidet? Mit der tiefgründigen Prämisse des Filmes gelingt es Denis Villeneuve wie schon in Arrival dem Science-Fiction-Genre seine größte Stärke zurückzugeben: Philosophieren in packender Atmosphäre.

'Blade Runner 2049' vereint Altes und Neues in einem Meisterwerk

Mit Blade Runner 2049 gelingt Denis Villeneuve nicht weniger als ein Meisterwerk. Das seinerzeit wegweisende Original von Ridley Scott übertrifft er sogar. Das gelingt, indem die Vorzüge des Klassikers verstärkt und durch neue Elemente ergänzt werden. Blade Runner 2049 lebt von einer dichte Melange aus surrealem Sounddesign, majestätischen Bildern und einem philosophischen Kern. Die bedrohliche Atmosphäre die dadurch entsteht, passt wie die Faust aufs Auge zur Smog-Suppe, unter der der Dystopie-Thriller spielt. Die Zeit bis zur Fortsetzung, nach der der Film schreit, kann nicht schnell genug vorübergehen.    

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