Kritik: Brimstone

Schwefeldunst im Wilden Westen

FSK 18

Spoilerfrei!

Guy Pearce, Kit Harrington und Dakota Fanning auf dem Plakat des Western Brimstone

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Brimstone (zu Deutsch: Schwefel) ist nichts für schwache Nerven. Das Bild, das Regisseur und Autor Martin Koolhovens auf die Leinwand zeichnet ist ein düsteres Portrait der tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche. Genauer gesagt: der männlichen. Denn das Hauptthema des Western ist die Unterdrückung, ja, die Ausbeutung, der Frau und die damit verbundene Heuchelei der christlichen Kirche.

Liz (Dakota Fanning) wird von einem fanatischen Priester (Guy Pearce) gejagt.

Im Zentrum der Leidensgeschichte steht Liz (Dakota Fanning), die mit einem dänischen Siedler ein friedliches Leben im amerikanischen Wilden Westen führt. Als die kleine Siedlung einen neuen Pfarrer (Guy Pearce: Alien: Covenant) bekommt, erwacht Liz altes Trauma zu neuem Leben. „Weißt du, warum ich hier bin?“ fragt der Pfarrer Liz. Eine Antwort erwartet er nicht, den Liz ist stumm. Er antwortet ihr dennoch:

„Ich bin hier, um dich zu bestrafen.“

Was darauf folgt, sind rund zweieinhalb Stunden voll archaischer Gefühle wie Hass, Rache und Vergeltung. Es werden Tiere geschlachtet, Kinder ausgepeitscht, Töchter missbraucht, Zungen herausgeschnitten und Huren gehängt. Die Welt von Brimstone erinnert an das alttestamentarische Sodom und Gomorra und lässt wenig Raum für Hoffnung.

Blutige Gewalt als Mittel zum Zweck

Carice van Houten mit einer Eisenmaske vor dem Gesicht in Brimstone
Das Hauptthema des Films ist die Unterdrückung der Frau, wie Anna (Carice van Houten) schmerzlich erfahren muss.

Gewalt ist in Koolhovens Film jedoch kein Selbstzweck. Anders als bei einem Tarantino, der sichtlichen Spaß an Gemetzel und Geballer hat, ist Koolhovens Film viel mehr neutraler Beobachter. Und darin liegt auch eine Stärke des Films, die durch diese nüchterne Betrachtung Horror und Hoffnungslosigkeit der Charaktere umso greifbarer macht. Als Zuschauer werden wir dadurch umso mehr involviert. Es fühlt sich an, als seien wir Nachbarn, der unglücklichen Liz: Wir bekommen alles mit, wollen helfen, können dann aber doch nicht den Mut aufbringen.

Eine Erzählung biblischen Ausmaßes

Guy Pearce predigt als Reverand von den Quallen der Hölle in Brimstone
Der Reverand (Guy Pearce) gibt sich als Botte Gottes, für Liz ist er jedoch der Teufel.

Der Film des niederländischen Regisseurs gliedert sich in vier Kapitel biblischen Ausmaßes. Die Erzählung geht dabei mit der Akribie eines Psychologen vor, der versucht ein erlittenes Trauma besser zu verstehen: Schritt für Schritt tastet sich die Handlung von der Gegenwart in die Vergangenheit vor. Im ersten Kapitel Revelation (Offenbarung) wissen wir noch wenig über Liz und den Priester, der sie bestrafen will. Im folgenden Kapitel Exodus (Auszug) erfahren wir mehr, doch erst in Genesis (Ursprung) offenbart sich, welch schlimmes Schicksal Liz in ihrer Kindheit erlitt. Mit dem letzten Kapitel Retribution (Vergeltung) springt die Geschichte wieder in die Gegenwart und findet ein würdiges Ende, das dem düsteren Ton des Films gerecht wird.

Durch die anachronistische Erzählweise wird der Film zu einer psychologischen Entdeckungsreise mit düsterem Ziel. Denn auch wenn an der Boshaftigkeit des Priesters nie Zweifel besteht, ist die Kernfrage, woher der blanke Hass des „Gottesmannes“ rührt. Das reicht, um den überlangen Film nie langweilig werden zu lassen. Neben dieser erdrückenden Spannung, zeichnet sich der Western-Thriller vor allem durch seine bedrohliche Atmosphäre aus, die einem brodelnden Vulkan gleichkommt, dessen Ausbruch furchtsam erwartet wird. Je näher wir dem Kern der Beziehung zwischen Reverand und Liz kommen, desto größer die Anspannung.

Erstklassiger Cast

Die spannungsvolle Stimmung des Films ist nicht zuletzt dem erstklassigen Cast zu verdanken, indessen Zentrum Guy Pearce steht. Seine maliziöse Darbietung des Reverand zieht in Bann und stößt ab zugleich. Sein schwerer Mantel und seine grundböse Ausstrahlung machen den leibhaftigen Satan scheinbar unbesiegbar. Und dennoch verbirgt sich mehr hinter seiner vernarbten Fratze. Die Frage, was das ist, macht den Thriller so spannend.

Emilia Jones sitzt als junge Liz schamvoll in einer Badewanne in Brimstone
Schon im jungen Alter wird Liz (Emilia Jones)  das Lustobjekt des Pfarrers.

Das Opfer des Priesters ist Liz, die im jungen Alter von Emilia Jones (High RisePirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten) und später von Dakota Fanning gespielt wird. Besser hätte Brimstone kaum besetzt werden können. Emilia Jones zeigt eindrucksvoll, wie die junge Liz zwischen Scham, Angst, Mitleid aufwachsen muss. Und dennoch schwingt immer ein Funke Mut und Widerstand in ihren großen, scheinbar so unschuldigen Augen mit. Dakota Fanning setzt dem Film jedoch die Krone auf. Obwohl sie den Großteil des Films kein Wort über die Lippen bringt, sagen ihre Blicke mehr als tausend Worte: Schmerz, Angst, Wut und Kraft weiß sie eindrucksvoll in einem Atemzug auf die Leinwand zu zaubern. Ihre hypnotisierende Darbietung zieht förmlich in die Story hinein und macht Brimstone zu einem besonders intensiven und gleichzeitig tiefgründigen Erlebnis.

'Game of Thrones'-Stars enttäuschen

Für Verwirrung sorgt jedoch Kit Harrington. Dass das Konterfei des Game of Thrones-Darstellers die Promotion des Films schmückt, mag aus Marketing-Sicht Sinn machen. Der Darsteller von Jon Snow hat jedoch wenig mehr als einen Gastauftritt. Seine joviale Rolle scheint zudem sogar nicht zu der düsteren Handlung des Films zu passen. Carice van Houten (Melisandre in Game of Thrones) macht ihre Sache deutlich besser, hat dennoch keine zentrale Rolle inne.

'Brimstone' ist ein mächtiger Film, dessen Stimmung in Bann schlägt

Mit Brimstone erschafft der Niederländer Martin Koolhoven einen Film, dessen erdrückende Atmosphäre auch nach dem Kinogang nicht recht abebben will. Neben dieser packenden Grundstimmung zeichnet sich der Western durch einen erstklassigen Cast aus, der so vollkommen in den Bann zieht, dass die zweieinhalb Stunden Laufzeit des Films niemals langweilig werden.   

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