Kritik: Cruella

Fashion for Future
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • In der langen Reihe von Realverfilmungen bekannter Zeichentrickklassiker aus dem Hause Disney, kommt mit 'Cruella' nun eine weitere hinzu. Die meisten dieser Filme waren langweilig bis furchtbar. Wieso sich dieser Versuch ausnahmsweise aber mal lohnt und man sich nicht von den ziemlich albernen Trailern abschrecken lassen sollte, erfährst du in meiner Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? Estella (Emma Stone) wächst als Taschendiebin und begabte Schneiderin im London der 60er und 70er Jahre auf. Immer mit dabei sind die beiden Jungen Horace (Paul Walter Hauser) und Jasper (Joel Fry). Dabei hat sie auch die Stimme ihrer Mutter im Hinterkopf, die ihr sagt, sie solle ihre dunkle Seite namens “Cruella” nicht die Oberhand gewinnen lassen. Auf Umwegen erhält Estella die Chance, bei der berühmten Designerin Baroness von Hellman (Emma Thompson) zu arbeiten. Doch die Baroness ist nicht, wer sie zu sein scheint. Nach anfänglichem schnellen Erfolg sieht sie sich schnell mit Problemen konfrontiert, die nur Cruella für sie lösen kann... Werbung Klassiker aufgekocht In den letzten Jahren hat es diverse Cartoonklassiker gegeben, die in polierter Fassung neuverfilmt wurden. In dieser Gesellschaft hat es Cruella wahrlich nicht leicht. Denn die meisten dieser Filme waren enttäuschend – um es milde zu sagen. Wenn man (leider, leider) so einen Quatsch wie Dumbo (2019) oder Die Schöne und das Biest (2017) gesehen hat, ist die Vorfreude auf eine Neuverwurstung des Dalmatinerstoffs nicht besonders groß. (Natürlich sehen das nicht alle so; die verlinkte Kritik widerspricht mir ja selbst.) Oder vielleicht hat Cruella es auch ganz besonders leicht und kann schnell überzeugen, weil die Erwartungen so niedrig sind. In jedem Fall stellt sich während des Films ziemlich schnell ein angenehmes Gefühl, unterhalten zu sein, ein. Und das liegt vor allem daran, dass der Film es sehr gut versteht, mit seinem Ursprungsmaterial umzugehen. Von Cruellas, aus den originalen Zeichentrickfilmen der 60er bekanntem, rabiaten Fahrstil bis zum Auftreten der (drei) Dalmatiner-Anspielungen passieren nebenbei und fügen sich in die Handlung ein, anstatt dass der Film dem Zuschauer fast wörtlich zuzwinkert, hey, seht ihr, das kennt ihr doch! Hundert und kein Klischee Cruella versucht auch nicht, einfach 101 Dalmatiner (1961) als Realfilm umzusetzen. Das gab es auch schon: 1996 schlüpfte Glenn Close bereits in die Rolle der pelzsüchtigen Diva. (Also lange bevor, Disney anfing, alles, was an Klassikern im Schrank liegt, nochmal neu aufzukochen). Viel eher erinnert der Film an z.B. Maleficent (2014), da er die bekannte Figur der Bösewichtin neu erfindet, wodurch er dann auch tatsächlich überraschen und mitreißen kann. Die Figuren, obwohl auch sie Stereotype bzw. bekannte Typen sind, werden alle mit Liebe oder zumindest Einfühlungsvermögen behandelt und glaubwürdig dargestellt. Ebenso die Eskalation der Handlung. In der (zugegeben etwas überzogenen und ab und an cartoonesk anmutenden) Welt des Films wirkt nichts behauptet oder um der Handlung willen erzwungen. Wenn Estella in immer waghalsigeren Stunts einen Modekrieg mit der Baronin beginnt, dann glaubt man das; wenn sie zusammen mit Jasper und Horace die kniffligsten Diebstahlspläne umsetzt, dann folgt das schlüssig aus der Vorstellung der Figuren; etc. Stereotype und Klischees, auf die der Film GOTT SEI DANK komplett verzichtet, sind Geschlechterklischees. Es gibt angenehmerweise mal keine erzwungene Lovestory. Eigentlich spielt Geschlecht gar keine Rolle, d.h. der Film verfolgt keine geschlechterpolitische Agenda. Es geht nicht darum, dass Estella ein Mädchen ist, das aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt, dass sie eine Frau ist, die ganz nach oben will. Nein, dass das kein Problem für die Zuschauer darstellt, setzt er voraus und erzählt eine mitreißende Geschichte. Guerillafashion Ohne den interpretatorischen Bogen überspannen zu wollen, muss Cruella  noch für seine Message gelobt werden. Denn unter der oberflächlichen Komödie “für die ganze Familie”, die der Film ohne Zweifel ist, behandelt er ein Thema, das aktueller nicht sein kann: die generationale Ungleichheit der Gesellschaft. Der aus Der Teufel trägt Prada (2006) bekannten Ausgangssituation gewinnt Cruella spannende Überlegungen über Erbe und Tradition und den Konflikt zwischen den Generationen ab. Estella/Cruella kämpft nicht nur gegen die Baronin, weil diese eine generische Schurkin im Film ist, sondern weil es hier um die Frage nach Rechtmäßigkeit, gesellschaftliche Position und Verteilungsgerechtigkeit geht. Die Baronin hält alle Macht, sowohl ökonomisch als auch sozial – sie ist nicht nur schwer reich, sondern auch hoch angesehen, niemand hinterfragt, was sie tut, oder traut sich, ihr zu widersprechen. Und das, obwohl ihre kapitalistischen Methoden höchst fragwürdig und ausbeuterisch sind. Sie bereichert sich auf Kosten einer jungen Generation, die, verkörpert durch Estella, aufbegehrt und dieser Ungerechtigkeit mit den Mitteln der Mode den Kampf erklärt. Aber auch das ist nicht zentral, man kann den Film auch einfach als schnelle, abenteuerliche, lustige, mitreißende Unterhaltung genießen und Spaß haben. Das tun die Beteiligten schließlich auch: Sowohl Emma Stone als auch Emma Thompson genießen sichtlich die Möglichkeit, herrlich zu übertreiben, und bereiten in ihrer jeweiligen Version der exzentrischen Dame sehr viel Freude. Fazit: Überraschend gut! Zur Abwechslung ist eine Disney-Realverfilmung nicht nur für diejenigen gemacht, die nochmal nostalgisch ihre Kindeheitserinnerungen durchgekaut sehen wollen. Mit angemessenem Abstand und doch Respekt für das Ursprungsmaterial erzählt Cruella eine unterhaltsame Geschichte und nimmt dich mit in eine Welt, von der man trotz über zwei Stunden Laufzeit am Ende gerne noch etwas mehr sehen würde. Kann man sich sehr gut anschauen, eine sehr zu begrüßende Unterhaltung!
    Kritik: Cruella
    Charaktere
    75%
    Schauspiel
    75%
    Handlung
    65%
    Visuelle Umsetzung
    80%
    Humor
    65%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 27.05.2021
    Filmlänge: 133 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , ,
    Bildrechte: Disney
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
72%

In der langen Reihe von Realverfilmungen bekannter Zeichentrickklassiker aus dem Hause Disney, kommt mit 'Cruella' nun eine weitere hinzu. Die meisten dieser Filme waren langweilig bis furchtbar. Wieso sich dieser Versuch ausnahmsweise aber mal lohnt und man sich nicht von den ziemlich albernen Trailern abschrecken lassen sollte, erfährst du in meiner Kritik.

Worum gehts?

Estella (Emma Stone) wächst als Taschendiebin und begabte Schneiderin im London der 60er und 70er Jahre auf. Immer mit dabei sind die beiden Jungen Horace (Paul Walter Hauser) und Jasper (Joel Fry). Dabei hat sie auch die Stimme ihrer Mutter im Hinterkopf, die ihr sagt, sie solle ihre dunkle Seite namens “Cruella” nicht die Oberhand gewinnen lassen.

Das Bild zeigt die junge Estella/Cruella, die schon zur Schulzeit anders ist als die anderen Kinder und deshalb häufig auffällt.

Der Film inszeniert Cruella (hier: Tipper Seifert-Cleveland) als sympathische Figur, die von Kindheit an als Außenseiterin aneckt.

Auf Umwegen erhält Estella die Chance, bei der berühmten Designerin Baroness von Hellman (Emma Thompson) zu arbeiten. Doch die Baroness ist nicht, wer sie zu sein scheint. Nach anfänglichem schnellen Erfolg sieht sie sich schnell mit Problemen konfrontiert, die nur Cruella für sie lösen kann...

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Klassiker aufgekocht

In den letzten Jahren hat es diverse Cartoonklassiker gegeben, die in polierter Fassung neuverfilmt wurden. In dieser Gesellschaft hat es Cruella wahrlich nicht leicht. Denn die meisten dieser Filme waren enttäuschend – um es milde zu sagen. Wenn man (leider, leider) so einen Quatsch wie Dumbo (2019) oder Die Schöne und das Biest (2017) gesehen hat, ist die Vorfreude auf eine Neuverwurstung des Dalmatinerstoffs nicht besonders groß. (Natürlich sehen das nicht alle so; die verlinkte Kritik widerspricht mir ja selbst.)

Das Bild zeigt Emma Thompson als Baroness, die Gegenspielerin von Emma Stones Cruella.

Emma Thompson liefert eine sehr ruhige und doch herrlich karikierte Parodie einer extravaganten Modedesignerin.

Oder vielleicht hat Cruella es auch ganz besonders leicht und kann schnell überzeugen, weil die Erwartungen so niedrig sind. In jedem Fall stellt sich während des Films ziemlich schnell ein angenehmes Gefühl, unterhalten zu sein, ein. Und das liegt vor allem daran, dass der Film es sehr gut versteht, mit seinem Ursprungsmaterial umzugehen. Von Cruellas, aus den originalen Zeichentrickfilmen der 60er bekanntem, rabiaten Fahrstil bis zum Auftreten der (drei) Dalmatiner-Anspielungen passieren nebenbei und fügen sich in die Handlung ein, anstatt dass der Film dem Zuschauer fast wörtlich zuzwinkert, hey, seht ihr, das kennt ihr doch!

Hundert und kein Klischee

Cruella versucht auch nicht, einfach 101 Dalmatiner (1961) als Realfilm umzusetzen. Das gab es auch schon: 1996 schlüpfte Glenn Close bereits in die Rolle der pelzsüchtigen Diva. (Also lange bevor, Disney anfing, alles, was an Klassikern im Schrank liegt, nochmal neu aufzukochen). Viel eher erinnert der Film an z.B. Maleficent (2014), da er die bekannte Figur der Bösewichtin neu erfindet, wodurch er dann auch tatsächlich überraschen und mitreißen kann.

Die Figuren, obwohl auch sie Stereotype bzw. bekannte Typen sind, werden alle mit Liebe oder zumindest Einfühlungsvermögen behandelt und glaubwürdig dargestellt. Ebenso die Eskalation der Handlung. In der (zugegeben etwas überzogenen und ab und an cartoonesk anmutenden) Welt des Films wirkt nichts behauptet oder um der Handlung willen erzwungen. Wenn Estella in immer waghalsigeren Stunts einen Modekrieg mit der Baronin beginnt, dann glaubt man das; wenn sie zusammen mit Jasper und Horace die kniffligsten Diebstahlspläne umsetzt, dann folgt das schlüssig aus der Vorstellung der Figuren; etc.

Das Bild zeigt Emma Stone als Cruella in voller Dalamtiner-Montur, die bei einer ausgefallenen Modenshau mit ROckmusik das Establishment aufmischt.

Überraschenderweise wirken die Übertreibungen, die der Film in der Handlung und visuell darstellt, insgesamt sehr passend und glaubhaft.

Stereotype und Klischees, auf die der Film GOTT SEI DANK komplett verzichtet, sind Geschlechterklischees. Es gibt angenehmerweise mal keine erzwungene Lovestory. Eigentlich spielt Geschlecht gar keine Rolle, d.h. der Film verfolgt keine geschlechterpolitische Agenda. Es geht nicht darum, dass Estella ein Mädchen ist, das aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt, dass sie eine Frau ist, die ganz nach oben will. Nein, dass das kein Problem für die Zuschauer darstellt, setzt er voraus und erzählt eine mitreißende Geschichte.

Guerillafashion

Ohne den interpretatorischen Bogen überspannen zu wollen, muss Cruella  noch für seine Message gelobt werden. Denn unter der oberflächlichen Komödie “für die ganze Familie”, die der Film ohne Zweifel ist, behandelt er ein Thema, das aktueller nicht sein kann: die generationale Ungleichheit der Gesellschaft.

Der aus Der Teufel trägt Prada (2006) bekannten Ausgangssituation gewinnt Cruella spannende Überlegungen über Erbe und Tradition und den Konflikt zwischen den Generationen ab. Estella/Cruella kämpft nicht nur gegen die Baronin, weil diese eine generische Schurkin im Film ist, sondern weil es hier um die Frage nach Rechtmäßigkeit, gesellschaftliche Position und Verteilungsgerechtigkeit geht. Die Baronin hält alle Macht, sowohl ökonomisch als auch sozial – sie ist nicht nur schwer reich, sondern auch hoch angesehen, niemand hinterfragt, was sie tut, oder traut sich, ihr zu widersprechen. Und das, obwohl ihre kapitalistischen Methoden höchst fragwürdig und ausbeuterisch sind. Sie bereichert sich auf Kosten einer jungen Generation, die, verkörpert durch Estella, aufbegehrt und dieser Ungerechtigkeit mit den Mitteln der Mode den Kampf erklärt.

Das Bild zeigt Emma Stone als Cruella zusammen mit ihren Handlangern Horace und Jasper sowie dreier Dalmatiner.

Der Film nimmt viele der Elemente aus der Dalmatiner-Geschichte auf und wandelt sie auf gelungene Weise ab.

Aber auch das ist nicht zentral, man kann den Film auch einfach als schnelle, abenteuerliche, lustige, mitreißende Unterhaltung genießen und Spaß haben. Das tun die Beteiligten schließlich auch: Sowohl Emma Stone als auch Emma Thompson genießen sichtlich die Möglichkeit, herrlich zu übertreiben, und bereiten in ihrer jeweiligen Version der exzentrischen Dame sehr viel Freude.

Fazit:

Überraschend gut!

Zur Abwechslung ist eine Disney-Realverfilmung nicht nur für diejenigen gemacht, die nochmal nostalgisch ihre Kindeheitserinnerungen durchgekaut sehen wollen. Mit angemessenem Abstand und doch Respekt für das Ursprungsmaterial erzählt Cruella eine unterhaltsame Geschichte und nimmt dich mit in eine Welt, von der man trotz über zwei Stunden Laufzeit am Ende gerne noch etwas mehr sehen würde. Kann man sich sehr gut anschauen, eine sehr zu begrüßende Unterhaltung!

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