Kritik: Der Ball der 41

Historienschinken, dünn geschnitten
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Im steten Bemühen um Vielfalt, zeigt Netflix Filme aus der ganzen Welt. Mit 'Der Ball der 41' ist jetzt auch ein Drama über ein wichtiges Stück mexikanischer Geschichte im Programm. Ob sich das Anschauen lohnt, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? Mexiko Anfang des 20. Jahrhunderts, der junge, aufstrebende Politiker Ignacio de la Torre (Alfonso Herrera) steht am Beginn einer großen Karriere. Nicht nur ist er ein versierter und strategisch kluger Amtsmann, sondern ist auch im Begriff Amanda Diaz (Mitzi Mabel Cadena), die Tochter des Präsidenten, zu heiraten. Es sieht rosig für Ignacio aus. Bis es sich in den attraktiven Beamten Evaristo Rivas (Emiliano Zurita) verliebt. Der Ball der 41 erzählt die Geschichte eines verbotenen Liebesbeziehung, die im erzkonservativen Mexiko der Jahrhundertwende einen gesellschaftlichen Skandal bedeutet. Und das weniger wegen des Ehebruchs, der ist geduldet, die Frauen scherzen darüber, dass ihre Männer nur eine Zeit lang treu sein können – “Boys will be Boys” lautet die Devise in dieser Zeit. Nein, der Skandal ist die Homosexualität. Werbung Polierte Oberflächen Der Film sieht schön aus, ohne Zweifel. Was Kostüm und Ausstattung anbelangt, erschafft er ein glaubhaftes Bild der Epoche und muss sich nicht verstecken. Auch die Kameraarbeit ist angemessen und unterstreicht an vielen Stellen, auf sinnvolle Weise, die Handlung. Doch bleibt, wenn wir mal die reine Ästhetik etwas beiseite lassen, die Frage, was der Film eigentlich möchte. Wieso wird das alles in schönen Farben vorgeführt? Einfach nur, um es abzubilden? Nein, dafür ist vieles zu stark ästhetisiert. Evtl. soll eine moralische Geschichte erzählt werden? “Schaut, wie schlimm es war!” “Ist das wirklich verurteilenswert, ist Liebe wirklich so schlimm?” Das schon eher. Aber um den Film wirklich als moralisches Stück lesen zu können, fehlt etwas der Bezug zur heutigen Zeit. Allerdings: der Film ist wohl explizit für ein mexikanisches Publikum gemacht, das um den Nachhall dieses Ereignisses weiß. Denn es ist wichtig zu wissen, dass Der Ball der 41 auf historischen Begebenheiten beruht, die bis heute tief im kulturellen Gedächtnis Mexikos verwurzelt sind, die in Europa aber wahrscheinlich nur wenig präsent sind. Die Angst vor der 41 Die Ereignisse, die der Film darstellt, sind historisch verbürgt und der Grund, wieso bis zum heutigen Tag die Zahl 41 mit Homosexualität und vor allem auch Homophobie verbunden ist. Das muss dem Film zugute gehalten werden, dass er davon ausgeht, dass sein Publikum das weiß. Doch auch dann bleibt die Frage, was er will. Will er psychologisieren und uns in die Innenwelt der Figuren mitnehmen, die in einer Gesellschaft leben, die sie nicht akzeptiert? Das schon am ehesten. Doch bleiben die Gewässer, in die der Film hier eintaucht, etwas flach. Zwei Männer lieben sich und die Frau des einen ist damit unzufrieden (um mal ein wenig zuspitzend zu untertreiben). Ist das neu? In dieser Konstellation zumindest selten. Aber ist das auch gut gemacht? Krach, Kitsch und Koitus Zwischen Ignacio und Amanda gibt es einige Szenen, die durchaus sehr spannende Dynamiken zeigen. Denn es ist eben keine simple Affäre, um die es geht, sondern, was passiert, hat im damaligen Mexiko eine ganz andere Dimension. Und es ist durchaus nicht uninteressant, zu sehen, wie die Figuren zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen betreffend Ehe, Familie und Liebe zerrissen sind. Doch hier schöpft der Film sein Material nicht aus. Auf der einen Seite ist der Streit zwischen Ignacio und Amanda etwas kurz in Anbetracht der psychologischen Komplexität und Widersprüchlichkeit, die er eigentlich böte. Auf der anderen Seite bleibt die Liebesbeziehung zwischen Ignacio und Evaristo etwas banal und bringt uns diese beiden Charaktere eigentlich nicht wirklich näher. Bzw. bleibt die Handlung an manchen Stellen dann auch in Gefilden des Kitsch stecken. Die Konflikte und Spannungsbögen sind etwas schnell und plötzlich abgehandelt. Dem fehlt die Tiefe von z.B. Miloš Forman oder Gefährliche Liebschaften. Dem fehlt die Genialität und die erzählerische Dreistigkeit von The Favourite, um wirklich großartig zu sein. Es ist allerdings positiv zu bewerten, dass der Film, wenn es um Sex geht, kein bisschen schüchtern ist, sondern explizit zeigt, worum es eigentlich geht. Sowohl den heterosexuellen als auch den Homosexuellen Verkehr blendet der Film nicht mit einem Augenzwinkern ab, das dem Zuschauer sagen soll, “Ihr wisst ja, was dann folgte”. Fazit: Solides Historienkino Der Ball der 41 ist durchaus zu empfehlen. Er liefert ein solides Stück Historienkino, das mit guter Ausstattung und filmischem Handwerk ein atmosphärisch stimmiges Epochenbild zeichnet. Wer nach einem guten Drama sucht, das von Liebe, Streit und Gesellschaft erzählt, wird voll und ganz bedient. Unter den besten des Genres kann man den Film aber nicht reihen. Dafür ist er zu hastig erzählt, bleibt an einigen Stellen zu flach und greift auf ein paar zu bekannte Muster zurück.
    Kritik: Der Ball der 41
    Schauspiel
    75%
    Handlung
    65%
    Visuelle Umsetzung
    70%
    Emotionen
    70%
    Tiefgang
    60%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 01.11.2020
    Filmlänge: 99 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , ,
    Bildrechte: Netflix
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Ganz okay
68%

Im steten Bemühen um Vielfalt, zeigt Netflix Filme aus der ganzen Welt. Mit 'Der Ball der 41' ist jetzt auch ein Drama über ein wichtiges Stück mexikanischer Geschichte im Programm. Ob sich das Anschauen lohnt, erfahrt ihr in der Kritik.

Worum gehts?

Mexiko Anfang des 20. Jahrhunderts, der junge, aufstrebende Politiker Ignacio de la Torre (Alfonso Herrera) steht am Beginn einer großen Karriere. Nicht nur ist er ein versierter und strategisch kluger Amtsmann, sondern ist auch im Begriff Amanda Diaz (Mitzi Mabel Cadena), die Tochter des Präsidenten, zu heiraten. Es sieht rosig für Ignacio aus. Bis es sich in den attraktiven Beamten Evaristo Rivas (Emiliano Zurita) verliebt.

Der Ball der 41: Ignacio und Evaristo auf dem Sofa

Der Film hätte sich mehr Zeit nehmen können, um in seinen ruhigen Momenten zu verweilen.

Der Ball der 41 erzählt die Geschichte eines verbotenen Liebesbeziehung, die im erzkonservativen Mexiko der Jahrhundertwende einen gesellschaftlichen Skandal bedeutet. Und das weniger wegen des Ehebruchs, der ist geduldet, die Frauen scherzen darüber, dass ihre Männer nur eine Zeit lang treu sein können – “Boys will be Boys” lautet die Devise in dieser Zeit. Nein, der Skandal ist die Homosexualität.

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Polierte Oberflächen

Der Film sieht schön aus, ohne Zweifel. Was Kostüm und Ausstattung anbelangt, erschafft er ein glaubhaftes Bild der Epoche und muss sich nicht verstecken. Auch die Kameraarbeit ist angemessen und unterstreicht an vielen Stellen, auf sinnvolle Weise, die Handlung. Doch bleibt, wenn wir mal die reine Ästhetik etwas beiseite lassen, die Frage, was der Film eigentlich möchte.

Wieso wird das alles in schönen Farben vorgeführt? Einfach nur, um es abzubilden? Nein, dafür ist vieles zu stark ästhetisiert. Evtl. soll eine moralische Geschichte erzählt werden? “Schaut, wie schlimm es war!” “Ist das wirklich verurteilenswert, ist Liebe wirklich so schlimm?” Das schon eher. Aber um den Film wirklich als moralisches Stück lesen zu können, fehlt etwas der Bezug zur heutigen Zeit.

Der Ball der 41: Ignacio und Evaristo beim Ballabend

Die Frage nach den gesellschaftlichen Konventionen wird aufgeworfen, aber auch hier hätte es mehr Tiefgang sein dürfen.

Allerdings: der Film ist wohl explizit für ein mexikanisches Publikum gemacht, das um den Nachhall dieses Ereignisses weiß. Denn es ist wichtig zu wissen, dass Der Ball der 41 auf historischen Begebenheiten beruht, die bis heute tief im kulturellen Gedächtnis Mexikos verwurzelt sind, die in Europa aber wahrscheinlich nur wenig präsent sind.

Die Angst vor der 41

Die Ereignisse, die der Film darstellt, sind historisch verbürgt und der Grund, wieso bis zum heutigen Tag die Zahl 41 mit Homosexualität und vor allem auch Homophobie verbunden ist. Das muss dem Film zugute gehalten werden, dass er davon ausgeht, dass sein Publikum das weiß.

Der Ball der 41: Evaristo mit Augenbinde

Die Zeit des Films ist geprägt von Angst und Geheimhaltung, dem Anpassen an soziale Erwartungen.

Doch auch dann bleibt die Frage, was er will. Will er psychologisieren und uns in die Innenwelt der Figuren mitnehmen, die in einer Gesellschaft leben, die sie nicht akzeptiert? Das schon am ehesten. Doch bleiben die Gewässer, in die der Film hier eintaucht, etwas flach. Zwei Männer lieben sich und die Frau des einen ist damit unzufrieden (um mal ein wenig zuspitzend zu untertreiben). Ist das neu? In dieser Konstellation zumindest selten. Aber ist das auch gut gemacht?

Krach, Kitsch und Koitus

Zwischen Ignacio und Amanda gibt es einige Szenen, die durchaus sehr spannende Dynamiken zeigen. Denn es ist eben keine simple Affäre, um die es geht, sondern, was passiert, hat im damaligen Mexiko eine ganz andere Dimension. Und es ist durchaus nicht uninteressant, zu sehen, wie die Figuren zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen betreffend Ehe, Familie und Liebe zerrissen sind.

Doch hier schöpft der Film sein Material nicht aus. Auf der einen Seite ist der Streit zwischen Ignacio und Amanda etwas kurz in Anbetracht der psychologischen Komplexität und Widersprüchlichkeit, die er eigentlich böte. Auf der anderen Seite bleibt die Liebesbeziehung zwischen Ignacio und Evaristo etwas banal und bringt uns diese beiden Charaktere eigentlich nicht wirklich näher. Bzw. bleibt die Handlung an manchen Stellen dann auch in Gefilden des Kitsch stecken. Die Konflikte und Spannungsbögen sind etwas schnell und plötzlich abgehandelt. Dem fehlt die Tiefe von z.B. Miloš Forman oder Gefährliche Liebschaften. Dem fehlt die Genialität und die erzählerische Dreistigkeit von The Favourite, um wirklich großartig zu sein.

Der Ball der 41: Eine Trans-Opernsängerin

An einigen Stellen gibt der Film Einblicke in die unbeschwerte Welt der Männer, die nur hinter verschlossenen Türen existieren kann.

Es ist allerdings positiv zu bewerten, dass der Film, wenn es um Sex geht, kein bisschen schüchtern ist, sondern explizit zeigt, worum es eigentlich geht. Sowohl den heterosexuellen als auch den Homosexuellen Verkehr blendet der Film nicht mit einem Augenzwinkern ab, das dem Zuschauer sagen soll, “Ihr wisst ja, was dann folgte”.

Fazit:

Solides Historienkino

Der Ball der 41 ist durchaus zu empfehlen. Er liefert ein solides Stück Historienkino, das mit guter Ausstattung und filmischem Handwerk ein atmosphärisch stimmiges Epochenbild zeichnet. Wer nach einem guten Drama sucht, das von Liebe, Streit und Gesellschaft erzählt, wird voll und ganz bedient. Unter den besten des Genres kann man den Film aber nicht reihen. Dafür ist er zu hastig erzählt, bleibt an einigen Stellen zu flach und greift auf ein paar zu bekannte Muster zurück.

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