Kritik: El Camino: A Breaking Bad Movie

Ungebetene Zugabe
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Poster für Kritik El Camino A Breaking Bad Movie mit Aaron Paul als Jesse Pinkman
  • Wie knüpft man an ein perfektes Ende an? Das Finale von 'Breaking Bad', das mittlerweile schon sechs Jahre alt ist, braucht eigentlich keinen Epilog. Dennoch soll die Geschichte von Jesse Pinkman neu zu Ende erzählt werden. Ob das notwendig war und inwiefern der Film das Niveau der Serie halten kann, erfährst du in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: Jesse (Aaron Paul) flieht aus den Fängen der White Supremacy Gang von Jack Welker. Sein Fluchtauto, einen El Camino, muss er schnell loswerden und gleichzeitig Geld für einen sauberen Exit zusammentreiben. Die Flucht vor der Polizei führt ihn zurück…
    tba
    1
    Handlung
    75%
    Spannung
    85%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    85%
    Emotionen
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 11.10.2019
    Filmlänge: 122 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: 2019 Netflix

Gesamtbewertung:

Stark
82%

Wie knüpft man an ein perfektes Ende an? Das Finale von 'Breaking Bad', das mittlerweile schon sechs Jahre alt ist, braucht eigentlich keinen Epilog. Dennoch soll die Geschichte von Jesse Pinkman neu zu Ende erzählt werden. Ob das notwendig war und inwiefern der Film das Niveau der Serie halten kann, erfährst du in der Kritik.

Darum geht’s:

Jesse (Aaron Paul) flieht aus den Fängen der White Supremacy Gang von Jack Welker. Sein Fluchtauto, einen El Camino, muss er schnell loswerden und gleichzeitig Geld für einen sauberen Exit zusammentreiben. Die Flucht vor der Polizei führt ihn zurück zu den Geistern seiner Vergangenheit.

Alte Gesichter, bekannte Orte

Wer hätte jemals mit einem Breaking Bad-Spielfilm gerechnet? Marketing und PR um den Film waren derart kryptisch und mysteriös, dass man gar nicht wusste, was man von El Camino überhaupt erwarten darf.

Nun steht fest: El Camino ist kein eigenständiger Film und viel mehr eine Doppelfolge Breaking Bad. Der Film nimmt es sich zur Mission, ein bereits perfektes Finale noch perfekter zu machen. Welches Ende nun das „echte“ Ende der Serie sei, bleibt jedem Fan selbst überlassen.

Und ja: Es gibt etliche Cameos, die mal mehr und mal weniger unerwartet sind. El Camino ist Fan-Service at its best.

Jesse „Bruce“ Pinkman

Wir kennen zwei Jesses: Den pubertären und lauten „Yo, b*tch!’-Jesse und den gebrochenen, müden „F*ck it.“-Jesse. In El Camino sehen wir beide Gesichter, wenn auch mehr das blutige und dreckige Gesicht, das in den letzten Folgen der Serie bis zur Schockstarre gefoltert und gedemütigt wurde.

Aaron Paul spielt Jesse Pinkman mit solch einer Souveränität, dass man meinen könnte, er sei unterfordert. Lange Monolog-Passagen, wie z.B. der „Problemhund“-Wutanfall aus der gleichnamigen Folge aus Breaking Bad, die Jesse zum komplexesten Charakter der Serie gemacht haben, gibt es in El Camino leider nicht. Aaron Paul muss weniger sprechen und mehr „tun“ - physisches Schauspiel, statt zitierwürdige Momente.

Dennoch funktioniert Jesse als Protagonist eines psychologischen Thrillers einwandfrei, auch wenn man wenig neue Facetten des Charakters kennen lernt - bis auf seinen Zweitnamen „Bruce“.

Todd - unser Lieblings-Psycho

Tatsächlich wird Aaron Paul von einem Charakter die Show gestohlen. Jesse Plemons als Todd ist die mit Abstand beste Gastrolle aus Breaking Bad, die El Camino beschmücken durfte. In einer Reihe von Rückblenden bekommen wir einen Roadtrip mit Todd und Jesse zu sehen, der den aufgedunsenen Matt Damon Doppelgänger noch fieser und widerlicher darstellt, als wir es jemals in Breaking Bad miterlebt haben.

Aaron Paul als Jesse Pinkman und Jesse Plemons als Todd in einem Szenenbild aus El Camino

In 'El Camino' stechen vor allem die Rückblenden mit Todd (Jesse Plemons) heraus.

Breaking Bad mit Kino-Flair

Mit jeder neuen Staffel Breaking Bad wurde die Serie immer cinematischer und visuell anspruchsvoller. Better Call Saul setzte noch einen drauf und El Camino schafft es letztendlich, das mittlerweile schon als Kult zu bezeichnende Setting um Albuquerque in neuer Bildgewalt einzufangen.

Mit den gestochen scharfen Bildern der Arri Alexa 65, die unter anderem auch für die bombastischen Landschaftsaufnahmen in The Revenant gesorgt hat, erschafft El Camino mit seinen hellen, gelben und dennoch unterkühlten Farben eine ganz eigene Atmosphäre, die den Spirit der guten, alten Breaking Bad -Tage wiederbelebt.

Der Film sieht aus wie Art House und schmeckt auch so. Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Vince Gilligan nutzt lieber die feineren Werkzeuge der Filmkunst als die groben Schlaghammer der Hollywood-Blockbuster. Ausgefeilte Kamerafahrten, intensive Close-Ups und schon beinahe comicartige Point-of-View-Aufnahmen lockern die sonst eher konservative, aber bis ins kleinste Detail durchdachte Bildsprache von Gilligan auf - seine Handschrift ist so stilsicher wie eh und je.

Grundriss einer Wohnung in einem Szenenbild für Kritik El Camino

Vince Gilligan spielt erneut mit exzentrischen Kamera-Einstellung - ganz im Stile von 'Breaking Bad'.

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Suspense à la Gilligan

El Camino ist erstaunlich viel Thriller und wenig Drama. Nachdem Gilligans erstes Spin-Off Better Call Saul beinahe alle Blutbäder und Schießereien aus der Story verbannt hat, ist dieser Film wieder in bester Manier der letzten Breaking Bad-Folgen: Die Pistolen sind beinahe über die komplette Laufzeit bereit zum Abschuss. Somit sorgt Gilligan trotz des schleichenden Erzähltempos immer wieder für Bluthochdruck.

Jesse wird konstant in ausweglose Situationen geworfen, die sich meist auf unerwartete Weise entwickeln und lösen. Besonders spannend ist ein Versteckspiel zwischen Jesse und zwei Polizisten in einer leerstehenden Wohnung, das durch seine clevere und provokant ruhige Inszenierung schon beinahe unerträgliche Höhen an Suspense erreicht. Der pumpende, elektronische Score von Dave Porter gibt den Rest.

Unnötig oder unverzichtbar?

El Camino geht null Risiko ein. Überraschungen gibt es kaum, auch bleibt die Handlung aus Breaking Bad weitgehend unangetastet. Der Film ist ein Epilog, ein Add-On, der das Ende der Serie abrundet und glättet wie ein Nagelfeiler. Mehr wäre auch nicht nötig gewesen. Warum etwas reparieren, was nicht kaputt ist?

Damit ist El Camino eigentlich unnötig. Ich denke nun nicht besser oder schlechter vom originalen Ende für Jesse Pinkman. Dennoch ist der Film ein gelungenes Encore für die beste Serie aller Zeiten, das Vince Gilligan nun endgültig in das Kinofilm-Geschäft katapultieren könnte.

Fazit:

'El Camino' ist ein starkes, risikoarmes Geschenk für Fans

Nach diesem Film hat niemand gefragt. Dennoch muss sich El Camino nicht rechtfertigen, bloße Franchise-Ausschlachtung zu sein. Vielmehr ist dieses alternative Ende des Breaking Bad-Epos ein Paradebeispiel für gut umgesetzten Fan-Service. Der Geist der Serie wird mit jedem Frame eingefangen und die risikoarme Story, die absolut nichts neues oder unerwartetes etabliert, wirkt dennoch authentisch und erzählenswert. Auch wenn El Camino nicht die Tiefe oder die Emotionen der letzten Breaking Bad-Folgen erreicht, ist der Film erstaunlich spannend und stilsicher. Das Experiment ist geglückt.

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