8.0/10

Kritik: Get Out

MIT CHIRURGENSTAHL AM NERV DER ZEIT

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Genres: Horror, Mystery, Thriller, Startdatum: 04.05.2017

Interessante Fakten für…

  • Jordan Peele sagte, der Titel sei eine Anspielung auf das, was seiner Erfahrung nach schwarze Zuschauer oft während Horrorfilmen tun. Sie schreien eine Figur an: „Verschwinde!“ In diesem Film sagen Rod und Andre das beide zu Chris.
  • Dieser Film wurde in dreiundzwanzig Tagen gedreht.

Get Out hält die USA in Atem: Der Film legt nicht nur den Finger in die eklige Wunde des Rassismus, sondern ist auch einer der am Besten bewerteten Horrorfilme der letzten Jahre. Nur gute PR oder echt so krass? Unsere Kritik Get Out macht den Test!

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#storysüchtig #strangerthings #schwarztee

Darum geht’s

Wer kennt das nicht? Der obligatorische „Antrittsbesuch“ bei den Eltern des neuen Partners steht an. Das kann ja nur schiefgehen, denkt man. Zumindest kann es verdammt awkward werden. Für Chris Washington (Daniel Kaluuya: Black Mirror) kommt erschwerend hinzu, dass er schwarz ist. Was in einer modernen Gesellschaft kein Problem sein sollte, macht ihm Sorgen. Rose Armitage (Allison Williams), seine weiße Freundin, versichert jedoch, dass ihre Eltern keine Rassisten seien.

Als Zuschauer will man dem nicht so ganz glauben. Spätestens als klar wird, dass Roses Mutter (Catherine Keener) Psychaterin ist und Papa Dean Armitage (Bradley Whitford) Chirurg, sollten alle Alarmglocken schrillen. Hätte Chris doch lieber mal uns gefragt, bevor er das mysteriöse Herrenhaus seiner Schwiegereltern besuchte…

Eigentlich ja absurder Blödsinn

Die Story des Horrorfilms lässt sich am besten als verfilmte Verschwörungstheorie bezeichnen: absurd, konstruiert aber auch nicht ganz unmöglich. Wie auch immer: Im Dunkeln des Kinosaals lassen wir uns einlullen und schenken der hypnotischen Erzählweise unseren Glauben. Dabei ist vor allem eins bezeichnend: Dass wir die absurde Story nicht als an den Haaren herbeigezogenen Blödsinn entlarven, zeigt, dass wir der vermeintlich „post-rassistischen“ US-Gesellschaft zumindest im Kern derartig krankes Verhalten zutrauen, wie es Familie Armitage praktiziert. Die US-amerikanischen Reaktionen auf den Film unterstreichen es: Regisseur Jordan Peele hat einen Nerv getroffen.

Chris unterhält sich mit Missy Armitage (Catherine Keener), was er besser nicht getan hätte.

Catherine Keener hypnotisiert Daniel Kaluuya in Get Out 2017

Armutszeugnis für Amerika

Neben dem plakativen Rassismus der weißen Mittelklasse, den der Film anspricht, gibt es jedoch auch eine subtilere Ebene, die weitaus bezeichnender ist. Sobald Chris mit rassistischem Verhalten konfrontiert wird – wie beispielsweise bei einer diskriminierenden Polizeikontrolle – spielt er die Situation zu seinen Ungunsten herunter. Auch die Warnungen seines Freundes Rod Williams (LilRel Howery) ignoriert er:

„Don’t go to a white girl’s parents’ house!“

Chris’ Freund Rod hält nichts vom Familienbesuch

Im Kern hat der New Yorker Chris sich mit dem Alltagsrassismus abgefunden und versucht derartige Situationen lediglich schnell hinter sich zu bringen. Diese Kapitulation, also den Unwillen für sein Recht einzustehen, fängt Peele (als Schauspieler u.a. in Fargo) großartig ein und zeichnet messerscharf eine düstere Bestandsaufnahme einer gespaltenen amerikanischen Gesellschaft, die sich im Widerspruch ihrer Zeit zwischen Ferguson und Obama festgefahren hat.

Wie heftig ist Get Out?

Ist Get Out so schlimm, wie es einen die Film-Promotion glauben machen will? Klare Antwort: Nein.

Aber fangen wir vorne an: Als Zuschauer ahnen wir natürlich bereits, dass Familie Armitage keine weiße Weste hat. Chris erkennt jedoch erst, dass er sich in Gefahr befindet, als es bereits zu spät ist. Was Regisseur Jordan Peele, der auch das Drehbuch schrieb, dabei besonders gut hinbekommt, ist die Spannung, die er wie Daumenschrauben Szene für Szene anzieht. Die kleinen Informationsschnipsel und beiläufigen Bemerkungen setzten sich dabei Stück für Stück zu einem Bild zusammen, das erst gegen Ende seine groteske Fratze offenbart. Im Kern erinnert das an Martin Scorseses junges Meisterwerk Shutter Island. An dessen psychologisch-subtilen Horror kommt Get Out jedoch nicht heran.

Schockstarre: Daniel Kaluuya schlägt sein Publikum in Bann.

Daniel Kaluuya sitzt als Chris Washington gefesselt auf einem Ledersessel und weint in Schockstarre.

Das liegt auch daran, dass die konstant anziehende Handlung in ein seichtes Ende mündet, das der Hauptfigur Chris Washington zu wenig abverlangt. Anders gesagt: der Höhepunkt des Films „flutscht vorbei“ und versäumt mitzureißen – sprich: ernsthaft zu schockieren. Das blutige Splatter-Massaker, das man nach den Trailern erwarten darf, weicht einem konventionellen Hollywood-Ende (nein, das ist kein Spoiler!), was im Missverhältnis zumindest zu meiner Erwartung steht.

Bis in die Nebenrollen präzise geführt

Überzeugend wiederum ist der Cast, der bis in die Nebenrollen präzise geführt wird. Der bisher wenig bekannte Daniel Kaluuya offenbart sich dabei als vielseitiges Talent und wechselt spielerisch zwischen New Yorker Coolness, ausdrucksstarker Sentimentalität und blankem Entsetzen. Es ist vor allem sein fokussiertes Schauspiel, das uns erlaubt, in der albtraumhaften Welt des Films zu versinken.

Aber auch Chris Freundin Rose (Allison Williams: Girls), die zu Anfang wenig mehr als ein Klischee ist, legt im Laufe des Films eine glaubhafte Wandlung hin. Zu erwähnen ist zu dem Betty Gabriel, die ihre Rolle der bewusst klischeehaft-angelegten Haushälterin Georgina in feinster Horror-Manier spielt. Das faszinierendste Close-Up des Films kann sie für sich verbuchen:

Hinter dem Lächeln von Haushälterin Georgina (Betty Gabriel) schlummert etwas Ungutes.

Betty Gabriel lächelt gruselig und verströmt dabei Tränen des seelischen Schmerzes in Get Out

Fazit

8/10
Gut
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 8/10
Schauspiel 8.5/10
Spannung 8/10
Horror 7.5/10
Tiefgang 8/10
Details:

Get Out ist ein messerscharfer Kommentar zur brenzligen Rassismus-Debatte, die in den USA tobt. Den Albtraum der Black Lives Matter-Bewegung pinselt Regisseur Jordan Peele effektiv auf die Leinwand, was sich vor allem in einem fesselnden Hauptdarsteller und konstanter Spannung manifestiert. Jedoch fehlt es der Handlung an Raffinesse, was sich in einem abrupten Ende bemerkbar macht, das den Erwartungen nicht gerecht wird. Was Get Out jedoch so bemerkenswert macht, ist seine Leistung Zeitgeist einzufangen, wie es nur ganz wenige Filme vermögen.

Artikel vom 28. April 2017

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