Kritik: Wir

Die Albträume des Jordan Peele
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Lupita Nyong'o mit einer Maske in einem Poster für Kritik Wir
  • Jordan Peele ist wieder da! Nachdem der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Filmfans mit seinem sozialkritischen Thriller 'Get Out' begeisterte, meldet er sich nun mit 'Wir' in den Kinos zurück und verspricht einen waschechten Horrorfilm. Ob er mit seinem zweiten Werk an den Erfolg seines Debütfilms anschließen kann, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Wenn der Sommerurlaub zum Alptraum wird Über den Sommer fährt Adelaide Wilson (Lupita Nyongo’o) gemeinsam mit ihrem Ehemann Gabe (Winston Duke) und ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) nach Nordkalifornien. Dort möchte Adelaide mit ihrer Familie in einem Ferienhaus, das sie…
    tba
    1
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    95%
    Tiefgang
    90%
    Spannung
    90%
    Horror
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 21.03.2019
    Filmlänge: 116 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © Universal Pictures International

Gesamtbewertung:

Sehr gut
89%

Jordan Peele ist wieder da! Nachdem der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Filmfans mit seinem sozialkritischen Thriller 'Get Out' begeisterte, meldet er sich nun mit 'Wir' in den Kinos zurück und verspricht einen waschechten Horrorfilm. Ob er mit seinem zweiten Werk an den Erfolg seines Debütfilms anschließen kann, erfahrt ihr in der Kritik.

Wenn der Sommerurlaub zum Alptraum wird

Über den Sommer fährt Adelaide Wilson (Lupita Nyongo’o) gemeinsam mit ihrem Ehemann Gabe (Winston Duke) und ihren Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) nach Nordkalifornien. Dort möchte Adelaide mit ihrer Familie in einem Ferienhaus, das sie oftmals in ihrer Kindheit besuchte, die warmen Tage genießen. Doch als eines nachts vier Fremde in der Einfahrt der Familie auftauchen, die den Wilsons zum Verwechseln ähnlich sehen, wandelt sich der Urlaub vom entspannten Familientrip zum Kampf ums nackte Überleben.

Shooting Star Jordan Peele

Mit Get Out brachte Jordan Peele 2017 einen Überraschungshit in die Kinos, mit dem wohl keiner gerechnet hatte. Mit dem cleveren Mix aus Gesellschaftskritik, Thriller und Horror überzeugte der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent das Publikum und die Kritiker gleichermaßen. Auch die Academy sah, was für ein Kunstwerk Peele mit seinem Debütfilm in die Kinos brachte und ehrte Get Out mit einem Oscar für das beste Originaldrehbuch. Kurz und knapp: Peele hat einen perfekten Start hingelegt. Mit seinem zweiten Spielfilm möchte der Filmschaffende nun vollends in das Horror-Genre eintauchen und serviert einen packenden Home-Invasion/Doppelgänger-Film.

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Das richtige Händchen für das nackte Grauen

Dass Jordan Peele unter dem Druck, der nach der Veröffentlichung von Get Out auf seinen Schultern gelastet haben muss, mit Wir bei einem Budget von 20 Millionen US-Dollar einen so genialen Film auf die Beine gestellt hat, ist beachtlich. Rein technisch gesehen ist Wir was die Regie und das Drehbuch angeht nahezu perfekt. Peele weiß genau, was er mit den von ihm geschriebenen Zeilen ausdrücken will und schafft es, das ohne Verluste in Bilder zu übersetzen. Die Tatsache, dass man nach nur zwei Filmen schon das Gefühl hat sagen zu können „Das ist ganz klar ein Jordan-Peele-Film“ unterstreicht das nur noch. An dieser Stelle muss auch die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (Glass) gelobt werden, der die panische Verzweiflung der Wilsons in wunderschönen Bildern festhält.

Eine Person mit Maske sitzt vor einem Kaminfeuer in einem Bild für Kritik Wir

'Wir' ist trotz kleinen Budgets ein wertig inszenierter Horror-Film mit Bildern, die sich in den Kopf einbrennen.

Horror UND Humor? Kann das funktionieren?

In Wir erzählt der Shooting-Star des Horror-Genres eine packende und verstörende Geschichte, über die man am besten gar nichts wissen sollte. Die Wendungen und Entwicklungen mögen vielleicht für den ein oder anderen versierten Horror-Fan und Hobby-Dramaturgen vorhersehbar sein. Nichtsdestotrotz verlieren sie dank der fantastischen Inszenierung kein bisschen von ihrer Schlagkraft. Aufgelockert wird das Horror-Szenario von lustigen Sprüchen und Humor, der gut funktioniert und dem Publikum zwischen dem ganzen Schrecken kleine Verschnaufpausen einräumt. Nur an wenigen Stellen wirken Witze deplatziert. Dass der Humor so gut mit dem Horror harmoniert ist nur ein weiteres Zeichen dafür, dass Peele genau versteht, was er erzählen möchte und wie er es erzählen muss, damit es auch tatsächlich wirkt.

Aber keine Panik: Wir ist trotz des ganzen Humors durch und durch ein Horrorfilm. In mehr als einem Moment bangt das Publikum um das Leben der Wilsons und möchte bei dem Gedanken an die schaurigen Gegenspieler am liebsten die Hände vor die Augen nehmen. Wie in Get Out verzichtet Peele fast komplett auf Jump Scares und lässt Spannung und Angst auf weitaus subtilere Art und Weise entstehen. Unterstrichen wird dieser Horror von dem genialen Score von Michael Abels, der schon an Get Out mit Peele zusammenarbeitete. Stücke wie Pas De Deux, Anthem oder Finale sorgen in Kombination mit Gioulakis Bildern und Peeles Story für echte Gänsehaut, die noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Allein das macht Wir mindestens hundertmal gruseliger als den Großteil des aktuellen Horror-Kinos, das oft auf übermäßige Gewalt und plumpe Jump Scares setzt.

Doppelrolle – Doppelbrillanz

Ein weiterer Grund, warum Wir so gut funktioniert, ist der Cast, der nur so vor Talent strotz. Die wohl genialste Leistung des Films liefert Lupita Nyong’o in ihrer Doppelrolle ab. Auf der einen Seite überzeugt die kenianisch-mexikanische Schauspielerin, die für ihre Nebenrolle in 12 Years a Slave einen Oscar gewann, als verzweifelte Mutter Adelaide, die ihre Familie vor einer unheimlichen, unberechenbaren Gefahr schützen will. Auf der anderen Seite fasziniert sie als eben genau diese Gefahr in Form der unberechenbaren Doppelgängerin und wird sicherlich für den ein oder anderen Alptraum nach dem Kinobesuch sorgen. Das Level an Kontrolle über Mimik sowie die Darstellung von Emotionen und kleinen Regungen, die Nyong’o hier an den Tag legt, hat man zuletzt so gut bei Toni Collette in Hereditary gesehen. In einer gerechten Welt wird sie für ihre Leistung zumindest für einen Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.

Lupita Nyong'o als böse Doppelgängerin in einem Bild für Kritik Wir

Lupita Nyong'o besticht mit einer ausdrucksstarken Mimik, die einem Gänsehaut bereitet.

Doch nicht nur Nyong’o kann auf der Leinwand in ihrer Doppelrolle überzeugen. Sowohl Winston Duke (Black Panther), der in der Rolle des Vaters Gabe für die meisten Lacher sorgt, als auch die Nachwuchsdarsteller Shahadi Wright Jospeh und Evan Alex begeistern mit ihrer Leistung als Opfer und Täter. Es muss schon schwer genug für Schauspielerinnen und Schauspieler sein, eine Rolle glaubhaft auf die Leinwand zu bringen. Die Tatsache, dass man dem Cast von Wir sowohl die Rolle der gejagten Familie als auch die Rolle der mordlustigen Doppelgänger vollends abkauft, spricht nur für das Talent des Casts.

Vielschichtiger Horror mit Tiefgang

Ein weiterer Aspekt, der Wir zu so einem faszinierenden Film macht, sind die zahlreichen Deutungsmöglichkeiten. Bewegen wir uns auf der Oberfläche haben wir es mit einem „klassischen“ Home-Invasion/Doppelgänger-Horrorfilm zu tun. Je tiefer man aber gräbt und je länger man über den Film nachdenkt, desto mehr Ebenen und Interpretationsmöglichkeiten werden einem offenbart. Dass der Film nicht die eine klare Botschaft vermitteln möchte, mag für manche vielleicht ein Kritikpunkt sein. Wir sehen das aber nicht so. Dank der zahlreichen Interpretationswege bietet sich Wir ideal für mehrere Rewatches an, in denen man immer mehr Vorzeichen erkennen und neue Schlüsselszenen entdecken kann, die den Film nur weiter bereichern.

Fazit:

'Wir' ist einer der faszinierendsten Horrorfilme der letzten Jahre

Mit einer packenden Story, einem mehr als talentierten Cast und einem eindringlichen Score überzeugt Wir auf ganzer Linie. Scheinbar mühelos schafft es Jordan Peele, an den Erfolg seines Erstlingswerkes Get Out anzuknüpfen, ohne dessen Vorzüge nur stumpf zu kopieren. Wir ist ein sehr eigenständiger und bei Zeiten auch sehr eigenwilliger Horrorfilm, dem man die Handschrift des aufstrebenden Horror-Meisters aber trotzdem sofort anerkennt. Hinzu kommt die in den Punkten Regie und Kamera sehr gelungene Umsetzung des genialen und vielschichtigen Drehbuchs. Wir ist schon jetzt ein Must-See-Film des modernen Horrorkinos.

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