Kritik: Green Book – Eine besondere Freundschaft

Harmonie der Gegensätze
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Viggo Mortensen und Mahershala Ali in einem Poster für Kritik Green Book
  • Das Negro Motorist Green Book war in den Sechzigern ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen aufführt, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Trotz der bedrückend Thematik ist 'Green Book' einer der schönsten Feel-Good-Movies der letzten Jahre. Wie er das schafft erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: In diesem Road- und Buddy Film reist Anfang der sechziger Jahre der intellektuelle und hochbegabte schwarze Konzertpianist Don Shirley (Mahersahala Ali) mit seinem italoamerikanischen Fahrer und Bodyguard Tony Lip (Viggo Mortenson) durch die Südstaaten der USA. Dabei lernen sie sich näher kennen, überwinden Rassen- und…
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    1
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    100%
    Humor
    85%
    Emotionen
    85%
    Musik
    95%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 31.01.2019
    Filmlänge: 130 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: © 2019 20th Century Fox

Gesamtbewertung:

Sehr gut
90%

Das Negro Motorist Green Book war in den Sechzigern ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen aufführt, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Trotz der bedrückend Thematik ist 'Green Book' einer der schönsten Feel-Good-Movies der letzten Jahre. Wie er das schafft erfahrt ihr in der Kritik.

Darum geht's:

In diesem Road- und Buddy Film reist Anfang der sechziger Jahre der intellektuelle und hochbegabte schwarze Konzertpianist Don Shirley (Mahersahala Ali) mit seinem italoamerikanischen Fahrer und Bodyguard Tony Lip (Viggo Mortenson) durch die Südstaaten der USA. Dabei lernen sie sich näher kennen, überwinden Rassen- und kulturelle Schranken und haben am Ende eine äußerst unwahrscheinliche Freundschaft geschlossen. Der Weg dahin ist gepflastert mit vielen tragikomischen und zutiefst menschlichen Momenten, die absolut gute Unterhaltung versichern.

Mortensen ist der geborene Italoamerikaner

Als Peter Farelly (Dumm und dümmer) auf die Idee kam, die Geschichte von Tony „Lip“ Vallelonga filmisch zu erzählen, ging er auf volles Risiko. Nicht nur heuerte er den dänisch-amerikanischen Schauspieler Viggo Mortensen an, der bisher mehr in Helden- oder Verbrecherrollen als in Komödien Erfahrung hatte, er überließ das Drehbuch auch dem Sohn von Tony Lip (Nick Vallelonga), der kurzerhand als Darsteller für die italienische Großfamilie mehrere Mitglieder seiner "echten" Familie – alle ohne schauspielerische Erfahrung – engagierte. Nick besitzt zahlreiche Tonbandaufnahmen, in denen sein Vater Tony über seine Reise berichtete. Diese bilden die Basis des Drehbuchs.

Viggo Mortensen als Tony Lip in einem Szenenbild für Green Book

Viggo Mortensen ist als Tony Lip kaum wieder zu erkennen.

Tony wurde in seinem späteren Leben Schauspieler und verkörperte u.a. Rollen in Der Pate, Good Fellas und Die Sopranos. Deshalb bestand für Farelly kein Grund, jedes Klischee des aus der Bronx stammenden Italoamerikaners zu vermeiden, im Gegenteil, er tut es mit augenscheinlicher Freude. Für den Zuschauer ist es aber zunächst eher ungewohnt, den königlichen Helden Aragorn mit zusätzlichen Kilos und in unsäglichen Unterhosen mit einem verrückten Bronxslang durch die Kulissen trampeln zu sehen, pausenlos essend und gleichzeitig rauchend, intellektuell eher unterbelichtet, dafür aber schlau und skrupellos auf den eigenen Vorteil bedacht.

Zu Hause dann die ach so typische italienische Großfamilie, dauerquatschend und gestikulierend, die Frau aber herzlich und lieb. Als zwei schwarze Handwerker den Abfluss in der Küche reparieren, tauchen ungefragt mehrere Verwandte auf, um aufzupassen, dass der Hausfrau nichts passiert und Tony wirft die benutzten Trinkgläser, aus denen die Handwerker getrunken haben, angewidert in den Mülleimer.

Was für ein herrlicher Spaß, als dieser Tony dann ein Angebot als Fahrer für einen „Doktor“ bekommen hat, von dem er weder weiß, dass er kein Mediziner sondern Pianist ist und außerdem schwarz.

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Es lebe der Gegensatz

Das ist der Motor dieser Geschichte und er schnurrt wie ein Kätzchen. Wo es an dreidimensionalen Nebencharakteren, Action und einer komplexen Handlung mangelt, saugt dieser Film sein Lebenselixier aus dem Talent der beiden Hauptdarsteller, die ihn mühelos tragen. Man merkt den beiden an, dass sie sich nahtlos ergänzen und jeden für sich in seiner Rolle glänzen lassen. Viele Szenen spielen während des Fahrens, Tony vorne mit dem ständigen Bedürfnis zu reden und alles, was ihm durch den Kopf geht, zu kommentieren, Don Shirley hinten mit den Augen rollend und scheitern beim Versuch, diesen Redefluss zu stoppen.

Die Fressorgien von Tony sind gleichzeitig abstoßend und urkomisch und finden ihren Höhepunkt in einem Eimer voll mit Fried Chicken. Der intellektuelle Künstler würde sowas natürlich nie essen, aber ein Italiener akzeptiert nicht, wenn man sein Essensangebot ablehnt, völlig unmöglich, sodass am Ende der Kinosaal vor Freude gluckst wenn Don Shirley mit spitzen Fingern ein Hähnchenbein anknabbert und dabei – oh Wunder – auf den Geschmack kommt. „Und was machen wir mit den Knochen“ – kein Problem, Fenster auf und raus damit! Als aber der Pappbecher hinterherfliegt, schwenkt die Kamera auf die Außenperspektive. Der Wagen stoppt, fährt zurück, die Tür geht auf und eine Hand sammelt den Becher wieder ein. Symbolischer und gleichzeitig lustiger hätte man diese Szene nicht darstellen können.

Die Musik – das tragende und verbindende Element

Donald Walbridge „Don“ Shirley war ein großer Künstler, schon früh ein Wunderkind am Flügel, aber dass ein Schwarzer klassische Musik in den großen Sälen spielt, wurde in dieser Zeit nicht akzeptiert. Shirley findet seinen Weg, allerdings nicht ohne Bedauern, und vermischte klassische Elemente mit Jazz in einer virtuosen Weise, die absolut mitreißend war. Als Tony bei der ersten Vorstellung nur von außen zuschaut, spiegelt sich seine Begeisterung in seinem Gesichtsausdruck. Dieser harte Typ, der als Rausschmeißer in den Clubs sicherlich schon viel gehört hat, erkennt hier das Besondere und Große und sagt es zu seinem späteren Zeitpunkt auch Don Shirley, als dieser mal wieder an seiner besonderen Lebenssituation verzweifelt:

Jeder kann Chopin oder Beethoven spielen. Aber was du spielst, ist was Besonderes.

Tony Lip

Die Konzerttour durch die Südstaaten war offensichtlich seine Art eines gewaltfreien Protests wie Martin Luther King es in der Zeit vorlebte. Und die Annäherung der beiden Hauptcharaktere hauptsächlich durch Gespräche und sich gegenseitig Zuhören ist eine besondere und besonders heute sehr wichtige Aussage des Films.

Als nach vielen guten und schlechten Erfahrungen während der Reise die Geduld von Don Shirley aufgebraucht ist, als am Ende sein Vorsatz, immer seine Würde zu waren, ausgereizt ist, weil man ihm bei seinem letzten Konzert in Birmingham, wo er der Star des Weihnachtskonzerts sein soll, verweigert, mit seiner Band im Hotelrestaurant zu essen und er und Tony dann einvernehmlich den Manager sitzen lassen mit seiner düpierten eleganten Gesellschaft und anstatt dessen in einem Club nur für Schwarze landen – da erfährt Don endlich auch seine andere, die schwarze Seite seiner Existenz. Man fordert ihn zum Klavierspielen auf und es ist dieses Mal kein Steinway sondern nur ein klappriges Klavier auf einer verrauchten und kleinen Bühne. Und hier endlich ertönt plötzlich Chopin’s Winter Wind Etüde. Der Effekt auf das Publikum ist umwerfend, besonders als Shirley dann unversehends in Little Richard Art halb stehend alle mit einer Rock’n Roll Darbietung von den Füßen reißt. Das hat er nämlich von Tony und seinem Autoradio gelernt, es gibt auch großartige Kunst jenseits der Klassik, wie Aretha Franklin, von der er noch nie gehört hat. Tony kann es nicht fassen – „Das sind doch deine Leute!“

Viggo Mortensen als Tony Lip und Mahershala Ali als Don Shirley an einem Tresen in einer Bar in einem Szenenbild für Kritik Green Book

Die Szenen zwischen Don Shirley und Tony sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch voller Energie, Humor und Menschlichkeit.

Dass Mahershala Ali ein toller Schauspieler ist, wissen wir schon lange. Die Rolle des eleganten Intellektuellen mit der sanften Stimme passt ausgezeichnet zu ihm. Allerdings konnte er überhaupt kein Klavier spielen. Der begabte Kris Bowers, der die Musikaufnahmen von Shirley, von denen es kein Notenmaterial gab, in kurzer Zeit nach Gehör aufschrieb und für den Film vorbereite, trainierte ihn in wenigen Monaten so, dass er ein Meister des "Fake Klavierspielens" wurde, Haltung, Ausdruck, alles passt und wo man nur die Hände sieht, sind dies natürlich die von Kris Bowers.

Die Klischeeweisheit, dass Musik über alle Grenzen und Unterschiede hinweg verbindet, ist die Essenz des Films, die man einfach so annehmen kann, wenn man sich nur einfach darauf einlässt. 

Fazit:

'Green Book' ist ein Crowd-Pleaser mit Anspruch

Green Book ist ein toller Unterhaltungsfilm, die Message ist zwar schlicht, doch die Umsetzung durch die beiden Hauptdarsteller ist grandios und holt das Maximum aus dieser Prämisse. Ob die mehrfache Oscar -Nominierung gerechtfertigt ist, wird wie immer diskutiert werden. Wenn man aber einen Abend einfach abtauchen will mit guter, aber keineswegs seichter Unterhaltung, die auch bittersüße Momente der dunklen Seiten von Rassentrennung und vielfältigen Vorurteilen nicht vermeidet, sollte man sich diesen Film gönnen. Die vielen menschlichen Aspekte und Emotionen sind es wert.

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