Interessante Fakten für…

  • Memoria ist für Regisseur Apichatpong Weerasethakul bereits der sechst Film, der als Beitrag bei den Filmfestspielen von Cannes lief. Und der vierte, der dort auch ausgezeichnet wurde.
  • In den USA wurde der Film in einem „Never-ending release“ immer nur in einem Kino gezeigt, bevor er ins nächste Kino in der nächsten Stadt weiterzog. So sollte er eher einer Ausstellung als einem Film gleichen, die durch die Städte tourt.
  • Ebenso wurde angekündigt, dass der Film nie auf DVD oder via Streaming veröffentlicht werden solle.

7.3/10

Kritik: Memoria

PULL FOCUS CLOSE UP YOU AND ME, NOBODY’S LEAVING‘

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Genres: Drama, Fantasy, Startdatum: 05.05.2022

Der Hohepriester des langsamen Kinos, Apichatpong Weerasethakul, stellt in seinem neuen Film erneut Langsamkeitsrekorde auf. In Zusammenarbeit mit Tilda Swinton erkundet er in “Memoria” – eigentlich alles, hauptsache langsam. Ob sich das lohnt?

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#KebabimKino #Arthaus #Cronenberg

Darum geht’s

Eines Morgens wird Jessica (Tilda Swinton) von einem lauten Knall, oder metallischem kurzen Dröhnen (das unverständlicherweise im Trailer durch einen ganz anderen Klang ersetzt wurde) aus dem Schlaf gerissen. Anfangs hält sie es für Baustellenkrach, doch es begegnet ihr auch in anderen Kontexten und lässt sie nicht los. Als sich herausstellt, dass sie die einzige Person ist, die das Geräusch hören kann, begibt sie sich auf die Suche, kontaktiert Wissenschaftler, bittet einen Sounddesigner, das Geräusch zu rekonstruieren. Doch je näher sie einer Antwort kommt, desto weniger Sinn scheint alles zu ergeben…

Schau her!

Regisseur Apichatpong Weerasethakul ist bekannt für seine extrem langsam erzählten Filme. Gerne dauert eine Einstellung bei ihm mehrere Minuten. Noch lieber passiert augenscheinlich gar nichts über weite Abschnitte des Films. Mal schauen wir minutenlang einer Jazzband beim Spielen zu. Beziehungsweise beobachten wir Tilda Swinton, wie sie zuschaut, denn die Band selber ist erst lange gar nicht zu sehen. Dann ist mal einfach nur der Himmel, ein Parkplatz, ein Flur lange im Bild, ohne dass dort etwas passiert. 

Lars von Trier – über ihn kann und sollte in anderen Belangen durchaus gestritten werden – hat für sein eigenes Arbeiten einmal erklärt, dass in jede Szene, jede Einstellung so spät wie möglich hereinzugehen und sie nur genau so lang wie nötig zu halten sei. Sobald das Wichtige gesagt, sobald gezeigt wurde, was zu sehen sein muss, ob ein Gegenstand, ein Ort, ein Blick, sei sofort zu schneiden. Es sei jedes Verweilen zu vermeiden.

Wenn diese Regel auf Weerasethakuls Filme übertragen würde, blieben, wenn von konventionellem Erzählen ausgegangen wird, oft nur ein Bruchteil übrig. Memoria könnte wahrscheinlich in unter einer Stunde erzählt werden. Doch jetzt schlicht mit der augenrollenden Ach-herrje-Arthaus-Klatsche draufzuschlagen, wird dem Langsamkeitskino nicht gerecht.

Weiter! Bitte!

Weerasethakul – der seinen Namen, selber, um  (ironischerweise) Zeit zu sparen, oft zu “Joe” abkürzt – ist unbestreitbar ein Kunstfilmer. Doch ist sein starrer Kamerablick, der geradezu ein Starren ist, sein Verweilen ein ganz bewusstes Unterwandern von erlernten Sehgewohnheiten. Memoria fühlt sich oft sehr merkwürdig an, weil “eigentlich geschnitten werden müsste”. Man will längst weg, längst weiter.

Als zuschauende Person wird man ständig gezwungen, sich einem Bild, einer Aufnahme auszusetzen. In dieser zwingen Art ist Memoria durchaus ein gewaltvoller Film. Es gilt, das Bild viel länger auszuhalten, als man erwarten würde, viel länger, als man es gewohnt ist.

Ohne Frage ist Memoria ein sehr anstrengender Film, weil er nicht weniger fordert, als eine neue Art des Schauens zu erlernen. Durch das dem Gezeigten ausgesetzt Sein verändert sich der Blick. Plötzlich beginnt man, alles zu sehen – Beim Schauen zerfällt die erlernte Art zu schauen.

Zum Einschlafen

Doch die Kunsttheorie beiseite. Es muss gesagt werden, dass manche Szenen in ihrer Nötigung, die ganze Zeit hinzuschauen, besser funktionieren als andere. Die erwähnte Jazz-Szene ist meisterlich gemacht. Hier schwebt der Film geradezu und es fühlt sich an, als übertrage sich die in der Filmwelt diffundierend ausbreitende Ungewissheit über die Leinwand hinaus in die Welt.

In einer späteren Szene besucht Jessica einen abgelegen lebenden Mann, der sich offenbar hauptsächlich damit befasst, Fische zu entschuppen. Und evtl. ist er auch ein anderer Mann, dem sie schon einmal begegnet ist, aber in anderer Gestalt. Vielleicht aber auch nicht. Nach einer Unterhaltung über Schlaf und Träume jedenfalls, legt er sich ins Gras, um fünf Minuten mit offenen Augen zu schlafen. Ohne Schnitt. Eine Szene, bei der das Schauenskonzept sehr hart an seine Grenzen gerät und ein bisschen mehr konventioneller Schnitt wünschenswert wäre.

Über die Themen, die Memoria behandelt, sei nicht zu viel gesagt. Schlicht, weil das den Rahmen dieses Textes sprengt. Von Fragen der Erinnerung, dem Besitz von Erinnerungen, über Jazz und bildende Kunst bis zu Evolutionsbiologie denkt Memoria über sehr vieles visuell nach. Getragen wird dieses ganze Monstrum von Konstrukt und Konzept hauptsächlich von der herausragenden Schauspielleistung von Tilda Swinton. Mit einer extremen Körperlichkeit, die zerrüttet und die ganze Zeit wie kurz vor dem ausbrechenden Schrei wirkt, schafft sie es, die unterschiedlichen Ebenen und Themen zu verbinden.

Fazit

7.3/10
Ordentlich
Community-Rating:
Handlung 6.5/10
Schauspiel 8.5/10
Visuelle Umsetzung 7/10
Atmosphäre 7.5/10
Schnitt 7/10
Details:
Regisseur: Apichatpong Weerasethakul,
FSK: 12 Filmlänge: 136 Min.
Besetzung: Agnes Brekke, Daniel Giménez Cacho, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Tilda Swinton,

Memoria ist beeindruckendes Kunstkino, das für ein sich willig den festgelegten Regeln unterwerfendes Publikum sehr viel zu bieten hat. Wer bereit ist, nicht nur die eigenen Sehgewohnheiten, sondern das eigene Sehen selbst zu hinterfragen, wird einiges aus diesem Film mitnehmen und eine beeindruckende darstellerische Leistung einer wieder einmal großartigen Tilda Swinton erleben können.

Artikel vom 5. Mai 2022

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