6.7/10

Kritik: Plan A – Was würdest du tun?

Rache ist koscher

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Genres: Drama, Thriller, Startdatum: 09.12.2021

Interessante Fakten für…

  • Der Film basiert auf der real existierenden Nakam-Gruppe, die Anschläge auf ehemalige Anhänger des NS-Staats plante und durchführte. Dina Porat schrieb hierzu das Buch Die Rache ist Mein allein und stand dem Produktionsteam beratend zur Seite.

Filme über den Holocaust gibt es viele. Dass nicht alle Deutschen Täter waren, hat das Kino viel thematisiert, doch Verfolgte des NS-Regimes bleiben oft hilflose Opfer. Ein wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, erzählt mit einigen Schwächen.

johannes 1
#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Der Shoah-Überlebende Max (August Diehl) hat im Nachkriegsnürnberg keine Familie und kein Zuhause mehr. An Ausreise kann er nicht denken, die Vergangenheit fesselt ihn an deutschen Boden. Er ist zerrissen von Ohnmacht, dem Wunsch nach Wiedergutmachung und schließlich sogar Rache. Zusammen mit einer Partisanengruppe plant er einen Vergeltungsakt am deutschen Volk: Die Wasserversorgung mehrere Großstädte zu vergiften.

Neues Kapitel eines alten Stoffs

Dem Kino mangelt es nicht an Filmen über den 2. Weltkrieg, den Holocaust oder Nachkriegsdeutschland. Ungezählte Stunden erzählen von diesem tiefen Einschnitt in die Weltgeschichte. In Inhalt, Qualität und Emotionalität reicht die Bandbreite von großem Schund zu nachhaltigen Meisterwerken. Gibt es, so provokant die Frage auch scheint, zu diesem Thema überhaupt noch Neues zu erzählen? Die Antwort ist so eindeutig wie hoffnungsvoll: Ja, das Erzählen hört nie auf, weil das Zuhören nie aufhören darf.

Plan A erzählt nun nicht nur von einem wenig bekannten Kapitel der Nachkriegszeit, sondern eröffnet der Historizität der deutschen Juden eine neue Perspektive. Keine stereotype Darstellung mehr von schwächlichen Opfern, die ausgemergelt, im Kerzenschein Schabbat feiernd, dem Willen der Deutschen ausgeliefert sind, sondern aktive, handelnde Personen mit eigenen Motiven. Das, wovon guter Film lebt, wird nun im Mainstream-Kino für deutsche Juden verfügbar.

Wobei, ganz neu ist das nicht: Als erste Referenz drängt sich natürlich Inglorious Basterds (2009) auf, doch da sich diese raue Truppe derart tarantinoesque durch die Wehrmacht mähte, wird sie eher weniger zur Glaubhaftigkeit echter, historischer Wehrhaftigkeit von Juden getan haben.

Diehl stark wie immer

Die einzelnen Figuren in Plan A sind manchmal eindimensional aber zeigen in ihrer Gesamtheit eine weite Bandbreite der jüdischen Nachkriegsbevölkerung. Sie sind Opfer, aber nicht hilflos, sie sind böse, verbittert, verstört, vom Glauben abgefallen. Die Tragik des Stoffs ist, dass sie als Überlebe zurückmüssen in eine Gesellschaft, deren Türen verschlossen bleiben. Tatkräftig, beim Schutt wegkarren oder als Fabrikarbeiter:innen beleben sie ein Land wieder, welches sich nicht wie ihres anfühlt.

August Diehl macht mit diesem Film quasi einen dramatischen Hattrick voll, nachdem er bereits mehrfach Nazis mimte (zuletzt in München), schlüpfte er für Terrence Malick in die Rolle eines Antifaschisten und nun sogar in die Haut eines Überlebenden mit KZ-Tattoo. Gerade sein erster Auftritt als zerlumpter Heimgekehrter bleibt in Erinnerung. Bis auf das letzte Stückchen Dreck unter seinen Fingernägeln sehen wir einen gebrochenen Mann, der dem Terror der Shoah ins Gesicht geblickt hat. Aus dieser Gebrochenheit heraus kommt Max zu Kräften und die menschlichen Lebensgeister kehren zurück. Von Szene zu Szene wird aus dem bemitleidenswerten Opfer ein moralisches Wesen mit Zielen, die über die nächste Essensration hinausgehen. Umgeben von einem Team anderer Mitstreiter nimmt die Gruppe die Selbstjustiz in die Hand, jedoch ohne die draufgängerische Coolness der Basterds.

Als Opfer, die Täter werden, gibt der Film ihnen und auch uns Raum, über Vergeltung nachzudenken. Wo fängt Schuld an, wann hört sie auf? Kann Rache ein Gleichgewicht der Schuld herstellen? Kann man Deutschen die andere Wange hinhalten? Oder, wie es Max in einer starken Eröffnungssequenz formuliert:

„Was wenn ich dir sagen würde, dass deine Familie ermordet wurde. Deine Kinder, Brüder, Schwester, einfach alle. Und das ohne jeglichen Grund. Was würdest du tun?“

Max in Plan A

Ärgerlich uninspirierte Figuren

Die Handlung ist, obwohl sie wie der Stoff eines unter Spannung stehenden Thrillers klingt, zeitweise doch etwas zäh. Die zusätzlichen Beziehungen der Figuren sind anregend, dann aber doch etwas zu viel des Guten. Der Knoten, der sich zum Ende des Films auflöst, wird zwischendurch sehr verworren geknüpft. Eine Schwäche, die sich der Film vorzuwerfen hat, ist Anna, die einzig relevante weibliche Figur. Zwar bekommt sie einen starken ersten Auftritt, verkümmert dann jedoch zu schwachem Beiwerk. Als weiblicher Kontaktpunkt zu Hauptfigur Max befürchtet man im Laufe des Films, sie könnte die unumgängliche Love Interest werden. Ein regelrecht peinlicher Moment als es dann wirklich so kommt und sich das Skript dem Klischee unterwirft, dass Männlein und Weiblein in Krisenzeiten schließlich immer auch irgendwie romantische Gefühle entwickeln müssen. Obwohl, von romantisch kann hier keine Rede sein. Wer hätte das gedacht aber nach Das Privileg ist dies bereits der zweite Film, der mit einer sehr seltsamen Sexszene in Erinnerung bleibt – warten wir ab, was 2022 noch kommen soll.

Die Kameraarbeit ist sehr stark, die Menschen nehmen das Bild voll ein, die bereits erwähnte Reise durch die Phasen einzelner Figuren wird kunstfertig eingefangen, ihre Falten, Augen und Körperhaltung lassen sich lesen wie Untertitel. Das Szenenbild ist auf der Höhe der Zeit, nicht ganz so dreckig wie die Nachkriegszeit wohl wirklich war aber auch weit entfernt von der verblendeten Trümmer-Romantik vergangener Produktionen.

Fazit

6.7/10
Ganz okay
Community-Rating:
Charaktere 5/10
Schauspiel 8/10
Spannung 6/10
Tiefgang 7/10
Emotionen 7.5/10
Details:
Regisseur: Doron Paz, Yoav Paz,
FSK: 12 Filmlänge: 110 Min.
Besetzung: August Diehl, Ishai Golan, Milton Welsh, Sylvia Hoeks, Tim Wilde,

Ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte erzählt die deutsch-israelische Ko-Produktion ohne Frage, doch verschenkt der Film fast alles Potential, das er hat. Bis auf August Diehl sind die Figuren uninspiriert, obwohl gut gespielt. Der Plot ist vielversprechend, aber schaltet nie in die höheren Gänge. Die moralischen Fragestellungen sind viele, doch nicht immer ganz klar formuliert. Ein wertvoller Beitrag zur filmischen Holocaust-Geschichte, von den Stärken der großen Werke jedoch weit entfernt.

Artikel vom 6. März 2022

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