Kritik: The Father

Der Horror des Vergessens
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Mit 'The Father' erreicht der Letzte der großen Oscar-Abräumer endlich auch die deutschen Kinos. Ist das Drama rund um Anthony Hopkins wirklich die schauspielerische Spitzenleistung des Jahres oder hätte der Stoff auf den Theaterbühnen bleiben sollen? Ihr erfahrt es in dieser Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's Nach Jahren der Pflege ihres schwer an Demenz erkrankten Vaters Anthony (Anthony Hopkins), in denen sie ihr Privatleben hinten anstellen musste, erkennt Anne (Olivia Colman), dass eine angestellte Pflegekraft sowohl für ihren Vater als auch ihr eigenes Leben unerlässlich ist. Als Anthony jedoch mehrere Pflegekräfte abweist oder zur Kündigung treibt, sieht sich Anne gezwungen, ihren Vater aus dessen Wohnung zu holen und in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Mann Paul (Rufus Sewell) unterzubringen. Während Anne letzte Bemühungen für eine Pflegekraft anstellt, verschlimmert sich Anthonys Zustand jedoch rapide, als er in der neuen Wohnung allmählich sämtliche Orientierung und Bezüge zur Realität verliert. Werbung Von der Bühne in den Kinosaal Leinwand-Magie und die Bretter, die die Welt bedeuten. Der Film und das Theater gehören fraglos zu den einflussreichsten Medien unserer Gesellschaft. Zwei Kunstformen, die sich in ihrer Art des Geschichtenerzählens ähneln und gleichzeitig drastisch unterscheiden, die sich unabhängig weiterentwickeln und voneinander lernen. Dennoch bleiben filmische und Theater-eigene Stoffe meist unter sich. Im direkten Vergleich zu den Heerscharen an Romanadaptionen, die die Kinos Jahr für Jahr überfluten, kommt einem die erfolgreiche Adaption eines Theaterstückes beinahe schon wie eine exotische Neuentdeckung im Kino-Urwald vor. Kammerspiel der Emotionen Wie beeindruckend die Kombination beider Kunstformen allerdings funktionieren kann, hat uns The Father dieses Jahr mit seinem unaufhaltsamen Siegeszug durch sämtliche Filmpreise Hollywoods eindrücklich bewiesen. Regisseur und Autor des Originals Florian Zeller inszeniert The Father eigenhändig und verleiht seinem Filmdebüt dadurch sämtliche Stärken eines Stückes, welches sich auf wenige Schauplätze und fabelhaft geschriebene Dialoge verlässt. Die vielen Gesprächen zwischen Anthony und Anne, ihrem Ehemann oder verschiedenen Pflegekräften bewegen sich zwischen gegenseitiger Liebe und Wertschätzung, Verachtung und Hilflosigkeit und desorientierter Verwirrung. Dabei sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Emotionen derartig subtil und die Gefühle selbst so authentisch, dass in jedem gesprochenen Wort alle Facetten der Figuren mitzuschwingen scheinen. Goodbye Dr. Lecter. Hallo Anthony! Ohne einen mehr als genialen Cast drohen Filme, die sich derartig stark im Setting und in der Figurenanzahl begrenzen, allerdings schnurstracks auseinanderzufallen. Ein Problem, welches nach der Nennung der Namen Olivia Colman und Anthony Hopkins selbstredend nicht mehr die größten Kopfschmerzen bereiten sollte, doch wie grandios das Spiel der beiden Schauspielgrößen tatsächlich ist, ist atemberaubend. Dabei ist neben Colman, die Anne und all ihre Konflikte aus jeglichen Seiten faszinierend beleuchtet, natürlich Hopkins der große Star des Filmes. Die Rolle des Anthony, der mit Hopkins nicht nur den Vornamen, sondern auch das Geburtsdatum teilt, ist der Schauspiellegende wie auf den Leib geschrieben. In Sekundenbruchteilen wechselt Anthony zwischen den unterschiedlichsten Gefühlslagen, wird ausfallend und beleidigt seine Tochter, nur, um augenblicklich zurück zum liebevollen und charmanten Vater zu wechseln, der die Szene mit einer heiteren Stepptanz-Nummer abschließt. Hopkins' Spiel deckt über 90 Minuten zahllose Facetten ab, berührt zutiefst und ist allein für sich längst das Kinoticket wert. Wenn die eigene Realität zum Feind wird Nun könnte man das Risiko sehen, dass Zeller seine Theatervorlage lethargisch abfilmt und die 90 Minuten Dialoge kaum filmischen Mehrwert bieten. Es stellt sich die berechtigte Frage nach dem Grund der Adaption. Die Antwort darauf findet sich vor allem in der Erzählperspektive des Filmes. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass The Father sich konsequent auf Anthonys Sicht der Welt beschränkt. Da diese durch die weit vorangeschrittene Demenz allerdings höchst unzuverlässig ist, stürzt uns der Film gemeinsam mit Anthony in absolute Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Dialoge scheinen sich in Zeitschleifen zu wiederholen, völlig fremde Personen tauchen aus dem Nichts auf und Handlungsstränge verschwimmen miteinander. Was nun auf dem Papier wie ein Nolan-esquer Mindfuck-Film klingen könnte, wird bei The Father zu einem der beklemmendsten Filmerlebnisse des Jahres, das in seiner Intensität schon beinahe einem Horrorfilm gleicht. Da seine eigene Wahrnehmung und geistige Gesundheit aus Anthonys Perspektive noch vollkommene Klarheit haben, wirkt es für uns, als hätte sich seine Umwelt und alle Figuren darin gegen ihn verschworen. Zu diesem Zweck bedient sich The Father bewusst mehrerer Mittel des Mystery-Thriller-Genres. Wenn die Kamera beispielsweise langsam hinter Anthony herfährt, während sich die Wohnung um ihn herum immer weiter ins Absurde zu verändern scheint, beginnen wir direkt mit ihm gemeinsam nach Lösungen hinter den unerklärlichen Vorfällen suchen, obwohl wir schnell verstehen, dass es diese nicht geben kann. "Ich brauche von niemandem Hilfe. Und ich werde meine Wohnung nicht verlassen. Ich will nur, dass sich jeder verpisst. Trotzdem. . . war es mir eine große Freude. Au Revoir." Anthony in The Father Diese sanften Kameraführungen und nahtlose Übergänge sorgen dabei dafür, dass sich all diese verwirrenden Elemente wie in einem Fluss aneinanderhängen, bis wir selber nicht mehr den Finger auf Start oder Endpunkte von Szenen setzen können. So macht uns The Father eine mögliche Version des Albtraums, den Demenz bedeutet, greifbarer als je zuvor. Fazit: Ein wichtiger Perspektivwechsel Es ist beinahe unmöglich sich vorzustellen, dass irgendjemand nach The Father unberührt den Kinosaal verlassen wird. Die Kombination aus schauspielerischer Tour-de-Force von Olivia Colman und Anthony Hopkins und der beklemmenden Inszenierung schafft ein derartig intensives Drama, das sogar manche Horror- oder Psychothriller in seiner Wucht harmlos aussehen lässt. Dabei zeichnet den Film besonders das konsequente Einnehmen der Betroffenenperspektive aus, die uns über den Film Schritt für Schritt in die vollkommene Verwirrung treibt. The Father ist ein herausragender Film, der durch seine vielschichtige und empathische Darstellung eines Krankheitsbildes über die knappe Laufzeit hinaus zum Nachdenken über Demenz und das gemeinsame Miteinander anregt.
    Kritik: The Father
    Handlung
    80%
    Schauspiel
    100%
    Atmosphäre
    85%
    Emotionen
    90%
    Dialoge
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 26.08.2021
    Filmlänge: 97 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: TOBIS Film
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Sehr Gut
88%

Mit 'The Father' erreicht der Letzte der großen Oscar-Abräumer endlich auch die deutschen Kinos. Ist das Drama rund um Anthony Hopkins wirklich die schauspielerische Spitzenleistung des Jahres oder hätte der Stoff auf den Theaterbühnen bleiben sollen? Ihr erfahrt es in dieser Kritik.

Darum geht's

Nach Jahren der Pflege ihres schwer an Demenz erkrankten Vaters Anthony (Anthony Hopkins), in denen sie ihr Privatleben hinten anstellen musste, erkennt Anne (Olivia Colman), dass eine angestellte Pflegekraft sowohl für ihren Vater als auch ihr eigenes Leben unerlässlich ist. Als Anthony jedoch mehrere Pflegekräfte abweist oder zur Kündigung treibt, sieht sich Anne gezwungen, ihren Vater aus dessen Wohnung zu holen und in der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Mann Paul (Rufus Sewell) unterzubringen. Während Anne letzte Bemühungen für eine Pflegekraft anstellt, verschlimmert sich Anthonys Zustand jedoch rapide, als er in der neuen Wohnung allmählich sämtliche Orientierung und Bezüge zur Realität verliert.

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Von der Bühne in den Kinosaal

Leinwand-Magie und die Bretter, die die Welt bedeuten. Der Film und das Theater gehören fraglos zu den einflussreichsten Medien unserer Gesellschaft. Zwei Kunstformen, die sich in ihrer Art des Geschichtenerzählens ähneln und gleichzeitig drastisch unterscheiden, die sich unabhängig weiterentwickeln und voneinander lernen. Dennoch bleiben filmische und Theater-eigene Stoffe meist unter sich. Im direkten Vergleich zu den Heerscharen an Romanadaptionen, die die Kinos Jahr für Jahr überfluten, kommt einem die erfolgreiche Adaption eines Theaterstückes beinahe schon wie eine exotische Neuentdeckung im Kino-Urwald vor.

Kammerspiel der Emotionen

Wie beeindruckend die Kombination beider Kunstformen allerdings funktionieren kann, hat uns The Father dieses Jahr mit seinem unaufhaltsamen Siegeszug durch sämtliche Filmpreise Hollywoods eindrücklich bewiesen. Regisseur und Autor des Originals Florian Zeller inszeniert The Father eigenhändig und verleiht seinem Filmdebüt dadurch sämtliche Stärken eines Stückes, welches sich auf wenige Schauplätze und fabelhaft geschriebene Dialoge verlässt.

Vater und Tochter in der gemeinsamen Wohnung. Der Dreh- und Angelpunkt der Handlung von 'The Father'.

Die vielen Gesprächen zwischen Anthony und Anne, ihrem Ehemann oder verschiedenen Pflegekräften bewegen sich zwischen gegenseitiger Liebe und Wertschätzung, Verachtung und Hilflosigkeit und desorientierter Verwirrung. Dabei sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Emotionen derartig subtil und die Gefühle selbst so authentisch, dass in jedem gesprochenen Wort alle Facetten der Figuren mitzuschwingen scheinen.

Goodbye Dr. Lecter. Hallo Anthony!

Ohne einen mehr als genialen Cast drohen Filme, die sich derartig stark im Setting und in der Figurenanzahl begrenzen, allerdings schnurstracks auseinanderzufallen. Ein Problem, welches nach der Nennung der Namen Olivia Colman und Anthony Hopkins selbstredend nicht mehr die größten Kopfschmerzen bereiten sollte, doch wie grandios das Spiel der beiden Schauspielgrößen tatsächlich ist, ist atemberaubend. Dabei ist neben Colman, die Anne und all ihre Konflikte aus jeglichen Seiten faszinierend beleuchtet, natürlich Hopkins der große Star des Filmes.

Anne (Olivia Colman) geht die Kraft, die sie für Anthonys Pflege benötigt, langsam aber sicher aus.

Die Rolle des Anthony, der mit Hopkins nicht nur den Vornamen, sondern auch das Geburtsdatum teilt, ist der Schauspiellegende wie auf den Leib geschrieben. In Sekundenbruchteilen wechselt Anthony zwischen den unterschiedlichsten Gefühlslagen, wird ausfallend und beleidigt seine Tochter, nur, um augenblicklich zurück zum liebevollen und charmanten Vater zu wechseln, der die Szene mit einer heiteren Stepptanz-Nummer abschließt. Hopkins' Spiel deckt über 90 Minuten zahllose Facetten ab, berührt zutiefst und ist allein für sich längst das Kinoticket wert.

Wenn die eigene Realität zum Feind wird

Nun könnte man das Risiko sehen, dass Zeller seine Theatervorlage lethargisch abfilmt und die 90 Minuten Dialoge kaum filmischen Mehrwert bieten. Es stellt sich die berechtigte Frage nach dem Grund der Adaption. Die Antwort darauf findet sich vor allem in der Erzählperspektive des Filmes. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass The Father sich konsequent auf Anthonys Sicht der Welt beschränkt. Da diese durch die weit vorangeschrittene Demenz allerdings höchst unzuverlässig ist, stürzt uns der Film gemeinsam mit Anthony in absolute Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Dialoge scheinen sich in Zeitschleifen zu wiederholen, völlig fremde Personen tauchen aus dem Nichts auf und Handlungsstränge verschwimmen miteinander.

Oft verschweigt Anthony (Anthony Hopkins), dass er nicht mehr weiß, was tatsächlich um ihn herum geschieht.

Was nun auf dem Papier wie ein Nolan-esquer Mindfuck-Film klingen könnte, wird bei The Father zu einem der beklemmendsten Filmerlebnisse des Jahres, das in seiner Intensität schon beinahe einem Horrorfilm gleicht. Da seine eigene Wahrnehmung und geistige Gesundheit aus Anthonys Perspektive noch vollkommene Klarheit haben, wirkt es für uns, als hätte sich seine Umwelt und alle Figuren darin gegen ihn verschworen. Zu diesem Zweck bedient sich The Father bewusst mehrerer Mittel des Mystery-Thriller-Genres. Wenn die Kamera beispielsweise langsam hinter Anthony herfährt, während sich die Wohnung um ihn herum immer weiter ins Absurde zu verändern scheint, beginnen wir direkt mit ihm gemeinsam nach Lösungen hinter den unerklärlichen Vorfällen suchen, obwohl wir schnell verstehen, dass es diese nicht geben kann.

"Ich brauche von niemandem Hilfe. Und ich werde meine Wohnung nicht verlassen. Ich will nur, dass sich jeder verpisst. Trotzdem. . . war es mir eine große Freude. Au Revoir."

Anthony in The Father

Diese sanften Kameraführungen und nahtlose Übergänge sorgen dabei dafür, dass sich all diese verwirrenden Elemente wie in einem Fluss aneinanderhängen, bis wir selber nicht mehr den Finger auf Start oder Endpunkte von Szenen setzen können. So macht uns The Father eine mögliche Version des Albtraums, den Demenz bedeutet, greifbarer als je zuvor.

Fazit:

Ein wichtiger Perspektivwechsel

Es ist beinahe unmöglich sich vorzustellen, dass irgendjemand nach The Father unberührt den Kinosaal verlassen wird. Die Kombination aus schauspielerischer Tour-de-Force von Olivia Colman und Anthony Hopkins und der beklemmenden Inszenierung schafft ein derartig intensives Drama, das sogar manche Horror- oder Psychothriller in seiner Wucht harmlos aussehen lässt. Dabei zeichnet den Film besonders das konsequente Einnehmen der Betroffenenperspektive aus, die uns über den Film Schritt für Schritt in die vollkommene Verwirrung treibt. The Father ist ein herausragender Film, der durch seine vielschichtige und empathische Darstellung eines Krankheitsbildes über die knappe Laufzeit hinaus zum Nachdenken über Demenz und das gemeinsame Miteinander anregt.

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