Kritik: Tides

Mud Max
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • In 'Tides' kehrt die emigrierte Menschheit der Zukunft zurück zur Erde und findet ein schlammiges Nichts vor, welches bereits von einer neuen Zivilisation beansprucht wird. Dass sich das ganze Science-Fiction nennt, ist eine Mogelpackung, denn hier ist weder etwas wissenschaftlich, noch überzeugend.  Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Der Klimawandel hat die Erde in einen öden, leblosen Planeten verwandelt. Die überlebenden Menschen haben sich rechtzeitig auf eine Weltraumkolonie zurückgezogen. Nun kehrt eine kleine Gruppe von Astronauten zurück auf die Erde, um die Möglichkeiten einer Wiederbesiedlung zu bewerten. In der von Gezeiten definierten Landschaft stellen sie fest, dass es Überlebende gibt, die den Umständen trotzen. Wann kommt die Flut? Als mutiger Newcomer im deutschen Genrefilm brannte sich Tim Fehlbaum anno 2011 mit dem Global Warming-Thriller Hell in die Filmlandschaft ein. Kein Film der in Erinnerung blieb, aber ein unerschrockenes Debut, welches stolz verkündete: „Auch auf dieser Seite vom großen Teich können wir sowas!“ Nach zehn Jahren Funkstille legt er dieses Jahr nach und wirft uns über einer Erde ab, die halb Albtraum, halb Wetterprognose ist. Dieser Abwurf in einer Raumkapsel ist schnell und actionreich, eröffnet aber bereits eine Vielzahl erzählerischer Probleme, die den Film dominieren. Es passiert Vieles und Weniges ist nachvollziehbar. Die Landung auf der Erde wirkt seltsam laienhaft. Kaum an Land gekrabbelt, setzt sich das Chaos für Astronautin Blake fort. Wo sind wir? Wer hat die Landung überlebt? Ein kurzer Lagebericht wird zur Exposition genutzt: Die Erde heilt, die Luft ist nicht mehr toxisch, eine Rückbesiedlung ist eventuell möglich. Doch die nächste Hiobsbotschaft lautet: Die Flut setzt ein. In einem Film mit selbigem Titel verspricht dies ein monumentales Ereignis zu werden – man denke an die gigantische Welle in Interstellar, ein simples, aber in ihrer Massivität bedrückendes Gefahrenszenario. In Tides hingegen ist die Flut weder gefährlich, noch scheint das Drehbuch selbst an ihr Gefahrenpotential zu glauben. Anstatt die Flut als ernsthafte Bedrohung zu inszenieren, setzt man direkt einen drauf. Hinter dichtem Nebel, kaum zu erkennen, Schatten. Monster? Nein, Menschen! Überlebende Erdbewohner! Freunde oder Feinde? In den ersten 15 Minuten erleben wir viel zu viele Krisen: Absturz, Verletzte, Tote, Flut, unbekannte Wesen, feindliche Menschen. Keine Gefahr schüchtert ein, weil sie nicht voll ausgespielt, sondern direkt abgelöst wird. Nebulöses Skript Dem Film fehlt es an Fokus. Anstatt die Idee einer völlig veränderten Erde zu verfolgen, auf der Gezeiten lebensbedrohlich sind, bekommt man einen Mad Max-Abklatsch im Watt. Statt neuem, kreativem Drama mit unbekannten Gefahren und frischen Abenteuern, wurde lediglich die Kulisse für einen müden Zukunftsthriller umgebaut. Viele der vermeintlichen Gefahren stellen sich als Luftnummern heraus, die Gegenspieler sind ermüdend berechenbar, das „Finale“ verdient seinen Namen fast gar nicht. Ziemlich uninspiriert und hilflos entledigt sich das Skript dem Nemesis, um uns dann mit einem Ende allein zu lassen, welches außer abgedroschener Symbolik von Neubeginn eigentlich nichts zu bieten hat. Werbung So toll die Idee auch ist, eine Rückkehr zur Erde wie die Eroberung eines fremden Planeten zu inszenieren, abseits davon ist die Geschichte leer und beliebig. Die Figuren sind nett, das Schauspiel gut, aber die Leblosigkeit der Story erinnert an schlechtere US-Blockbuster. Der Look des Films beeindruckt, doch auch visuell fehlt der Fokus. Das Setting auf einer Wattenmeer-artigen, postapokalyptischen Erde suggeriert Öde, Weite, Stagnation, meditative Stille. Ein ruhigerer Führungsstil der Kamera wäre stimmiger gewesen. Die weiten Aufnahmen werden stattdessen immer wieder durch einen fragmentarischen Schnitt gebrochen. Das nervt nicht unbedingt, raubt aber den Fokus, anstatt dem Auge Ruhe zu geben, sich in der Welt zurechtzufinden. In den besten, jedoch seltenen, Momenten transportiert uns der Film in diese schlammige, neblige und trostlose Welt, im Zusammenspiel mit dem exzellenten Soundtrack, der genau die Finessen und „Aha“-Momente hervorruft, die das Bild vermissen lässt. Pseudoscience-Fiction Während Fantasy-Filme etwas aus der Mode gekommen sind, wird Science-Fiction am laufenden Band produziert. Ein gängiger Verständnisfehler ist jedoch, dass jeder in der Zukunft spielende Film Science-Fiction ist. Und genau diesem Missverständnis unterliegt auch Tides. Trotz Raumschiffen, Zukunft und Technologie sehen die Kinobesucher:innen lediglich „Fiction“, keine „Science“. Wie kann eine vermeintlich hochmoderne Raumkapsel solch eine Bruchlandung hinlegen, für die sich die NASA selbst in den 1960ern geschämt hätte? Wie können Crew und Equipment so unvorbereitet sein für ihren Einsatz auf dem Planeten, den man seit Dekaden beobachtet? Was ist überhaupt auf der Erde passiert? Wo ist das Wasser hin? Was trinken die Bewohner dieser salzigen Feucht-Wüste? Was essen sie? Wie machen sie Feuer auf einem Planeten ohne Flora? Wie ist in wenigen Jahrzehnten eine völlig neue, scheinbar globale Sprache entstanden? Man kommt kaum dazu sein Popcorn zu essen, weil man sich unentwegt am Kopf kratzt. Während gute Science-Fiction ihre Szenarien ernsthaft beschreibt (z.B. A Quiet Place zum Thema „Anpassung“ oder Arrival zum Thema „Sprache“) wirft uns Tides Szenarien, Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen hin, ohne sie ansatzweise zu erklären. Stattdessen verlangt der Film von uns, dass wir sie einfach glauben. In diesen Momenten verlässt der Film den Pfad der Science-Fiction und ist nichts anderes als Fantasy, nur dass hier mirakulöse Heilkräuter „Medi-Kits“ heißen. Auch die Klimakatastrophe wird so wissenschaftsscheu erzählt, dass man sich fragt, ob die Drehbuchautor:innen uns nur nicht mit Details langweilen wollen oder selbst überhaupt keine Ahnung haben, was in der von ihnen kreierten Welt denn nun eigentlich passiert ist. Selbst Waterworld lieferte mehr Antworten. Fazit: Fokus bitte! Wieder und wieder wird man von Marketingkampagnen ins Kino gelockt, die ein inspirierendes Szenario versprechen, welches sich nachher aber als schnell ausgetauschte Kulisse herausstellt, vor der sich mal wieder ein altbekanntes Drama abspielt. In Tides versuchte man sich am Hollywood-Rezept eines futuristischen Sci-Fi-Thrillers. Man warf von Children of Men bis Elysium alles in den Fleischwolf, was sich zum Thema finden ließ. Heraus kam eine ungewürzte, farb- und geschmacklose Maße, so grau und trist wie das Wattenmeer.
    Kritik: Tides
    Visuelle Umsetzung
    70%
    Tiefgang
    30%
    Atmosphäre
    40%
    Schnitt
    40%
    Soundtrack
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 26.08.2021
    Filmlänge: 104 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Constantin Film
  • YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

Gesamtbewertung:

Enttäuschend
51%

In 'Tides' kehrt die emigrierte Menschheit der Zukunft zurück zur Erde und findet ein schlammiges Nichts vor, welches bereits von einer neuen Zivilisation beansprucht wird. Dass sich das ganze Science-Fiction nennt, ist eine Mogelpackung, denn hier ist weder etwas wissenschaftlich, noch überzeugend. 

Darum geht’s

Der Klimawandel hat die Erde in einen öden, leblosen Planeten verwandelt. Die überlebenden Menschen haben sich rechtzeitig auf eine Weltraumkolonie zurückgezogen. Nun kehrt eine kleine Gruppe von Astronauten zurück auf die Erde, um die Möglichkeiten einer Wiederbesiedlung zu bewerten. In der von Gezeiten definierten Landschaft stellen sie fest, dass es Überlebende gibt, die den Umständen trotzen.

Wann kommt die Flut?

Als mutiger Newcomer im deutschen Genrefilm brannte sich Tim Fehlbaum anno 2011 mit dem Global Warming-Thriller Hell in die Filmlandschaft ein. Kein Film der in Erinnerung blieb, aber ein unerschrockenes Debut, welches stolz verkündete: „Auch auf dieser Seite vom großen Teich können wir sowas!“ Nach zehn Jahren Funkstille legt er dieses Jahr nach und wirft uns über einer Erde ab, die halb Albtraum, halb Wetterprognose ist.

Louise Blake (Nora Arnezeder) betritt die nicht wiederzuerkennende Erde

Dieser Abwurf in einer Raumkapsel ist schnell und actionreich, eröffnet aber bereits eine Vielzahl erzählerischer Probleme, die den Film dominieren. Es passiert Vieles und Weniges ist nachvollziehbar. Die Landung auf der Erde wirkt seltsam laienhaft. Kaum an Land gekrabbelt, setzt sich das Chaos für Astronautin Blake fort. Wo sind wir? Wer hat die Landung überlebt? Ein kurzer Lagebericht wird zur Exposition genutzt: Die Erde heilt, die Luft ist nicht mehr toxisch, eine Rückbesiedlung ist eventuell möglich.

Doch die nächste Hiobsbotschaft lautet: Die Flut setzt ein. In einem Film mit selbigem Titel verspricht dies ein monumentales Ereignis zu werden – man denke an die gigantische Welle in Interstellar, ein simples, aber in ihrer Massivität bedrückendes Gefahrenszenario. In Tides hingegen ist die Flut weder gefährlich, noch scheint das Drehbuch selbst an ihr Gefahrenpotential zu glauben. Anstatt die Flut als ernsthafte Bedrohung zu inszenieren, setzt man direkt einen drauf. Hinter dichtem Nebel, kaum zu erkennen, Schatten. Monster? Nein, Menschen! Überlebende Erdbewohner! Freunde oder Feinde?

In den ersten 15 Minuten erleben wir viel zu viele Krisen: Absturz, Verletzte, Tote, Flut, unbekannte Wesen, feindliche Menschen. Keine Gefahr schüchtert ein, weil sie nicht voll ausgespielt, sondern direkt abgelöst wird.

Nebulöses Skript

Dem Film fehlt es an Fokus. Anstatt die Idee einer völlig veränderten Erde zu verfolgen, auf der Gezeiten lebensbedrohlich sind, bekommt man einen Mad Max-Abklatsch im Watt. Statt neuem, kreativem Drama mit unbekannten Gefahren und frischen Abenteuern, wurde lediglich die Kulisse für einen müden Zukunftsthriller umgebaut.

Gibson (Iain Glen) ist ¼ Messias, ¼ Patriarch, ¼ Sektenguru, ¼ verrückter Wissenschaftler – und nichts Ganzes.

Viele der vermeintlichen Gefahren stellen sich als Luftnummern heraus, die Gegenspieler sind ermüdend berechenbar, das „Finale“ verdient seinen Namen fast gar nicht. Ziemlich uninspiriert und hilflos entledigt sich das Skript dem Nemesis, um uns dann mit einem Ende allein zu lassen, welches außer abgedroschener Symbolik von Neubeginn eigentlich nichts zu bieten hat.

Werbung



So toll die Idee auch ist, eine Rückkehr zur Erde wie die Eroberung eines fremden Planeten zu inszenieren, abseits davon ist die Geschichte leer und beliebig. Die Figuren sind nett, das Schauspiel gut, aber die Leblosigkeit der Story erinnert an schlechtere US-Blockbuster. Der Look des Films beeindruckt, doch auch visuell fehlt der Fokus. Das Setting auf einer Wattenmeer-artigen, postapokalyptischen Erde suggeriert Öde, Weite, Stagnation, meditative Stille. Ein ruhigerer Führungsstil der Kamera wäre stimmiger gewesen. Die weiten Aufnahmen werden stattdessen immer wieder durch einen fragmentarischen Schnitt gebrochen. Das nervt nicht unbedingt, raubt aber den Fokus, anstatt dem Auge Ruhe zu geben, sich in der Welt zurechtzufinden. In den besten, jedoch seltenen, Momenten transportiert uns der Film in diese schlammige, neblige und trostlose Welt, im Zusammenspiel mit dem exzellenten Soundtrack, der genau die Finessen und „Aha“-Momente hervorruft, die das Bild vermissen lässt.

Pseudoscience-Fiction

Während Fantasy-Filme etwas aus der Mode gekommen sind, wird Science-Fiction am laufenden Band produziert. Ein gängiger Verständnisfehler ist jedoch, dass jeder in der Zukunft spielende Film Science-Fiction ist. Und genau diesem Missverständnis unterliegt auch Tides. Trotz Raumschiffen, Zukunft und Technologie sehen die Kinobesucher:innen lediglich „Fiction“, keine „Science“.

Postapokalyptische Nomaden in typischer Aufmachung: Es gibt nichts Neues zu sehen.

Wie kann eine vermeintlich hochmoderne Raumkapsel solch eine Bruchlandung hinlegen, für die sich die NASA selbst in den 1960ern geschämt hätte? Wie können Crew und Equipment so unvorbereitet sein für ihren Einsatz auf dem Planeten, den man seit Dekaden beobachtet? Was ist überhaupt auf der Erde passiert? Wo ist das Wasser hin? Was trinken die Bewohner dieser salzigen Feucht-Wüste? Was essen sie? Wie machen sie Feuer auf einem Planeten ohne Flora? Wie ist in wenigen Jahrzehnten eine völlig neue, scheinbar globale Sprache entstanden? Man kommt kaum dazu sein Popcorn zu essen, weil man sich unentwegt am Kopf kratzt.

Während gute Science-Fiction ihre Szenarien ernsthaft beschreibt (z.B. A Quiet Place zum Thema „Anpassung“ oder Arrival zum Thema „Sprache“) wirft uns Tides Szenarien, Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen hin, ohne sie ansatzweise zu erklären. Stattdessen verlangt der Film von uns, dass wir sie einfach glauben. In diesen Momenten verlässt der Film den Pfad der Science-Fiction und ist nichts anderes als Fantasy, nur dass hier mirakulöse Heilkräuter „Medi-Kits“ heißen. Auch die Klimakatastrophe wird so wissenschaftsscheu erzählt, dass man sich fragt, ob die Drehbuchautor:innen uns nur nicht mit Details langweilen wollen oder selbst überhaupt keine Ahnung haben, was in der von ihnen kreierten Welt denn nun eigentlich passiert ist. Selbst Waterworld lieferte mehr Antworten.

Fazit:

Fokus bitte!

Wieder und wieder wird man von Marketingkampagnen ins Kino gelockt, die ein inspirierendes Szenario versprechen, welches sich nachher aber als schnell ausgetauschte Kulisse herausstellt, vor der sich mal wieder ein altbekanntes Drama abspielt. In Tides versuchte man sich am Hollywood-Rezept eines futuristischen Sci-Fi-Thrillers. Man warf von Children of Men bis Elysium alles in den Fleischwolf, was sich zum Thema finden ließ. Heraus kam eine ungewürzte, farb- und geschmacklose Maße, so grau und trist wie das Wattenmeer.

❯ Alle Artikel
SCHREIBE EINEN KOMMENTAR
Noch kein Kommentar

Antworten

*

*