7.1/10

Kritik: X (Film 2022)

KILLS AND KISSES

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Genres: Horror, Startdatum: 19.05.2022

Interessante Fakten für…

  • Der Titel des Films bezieht sich auf das von 1968 bis 1990 von der MPAA verwendete X-Rating, das angab, dass ein Film nur für ein Publikum ab 16 Jahren geeignet war.

Das Slasher-Genre ist genauso wenig totzukriegen, wie seine Messer schwingenden Killer. Nach „Scream“-Fortsetzungen und „Halloween“ Remakes ist „X“ zwar ein origineller Stoff, doch er tritt ebenfalls in die blutgetränkten Fußstapfen alter Horrorfilme. Lohnt sich der Nostalgietrip oder bleibt der entscheidende X-Faktor aus?

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#ILikeToMoveIt #Mindfuck #Klassikernerd

Darum geht’s

Amerika im Jahr 1979, im Anschluss an die sexuelle Revolution der 60er und 70er Jahre gehören viele Tabus rund um das Thema Sex und Sexualität der Geschichte an und eine junge Generation spricht sich gegen die Prüderie alter Tage aus. Inmitten dieser Entwicklung sieht Pornoproduzent Wayne Gilroy (Martin Henderson) die Möglichkeit für den großen finanziellen Wurf. Denn wenn ein Business durch die enttabuisierte Gesellschaft boomt, dann das Pornobusiness. 

Um sein lukratives Pornomeisterwerk zu schaffen, mietet sich Wayne gemeinsam mit seiner Filmcrew und Hauptdarstellerin Maxine (Mia Goth) in einem abgelegenen Farmhaus ein, um in ungestörter Atmosphäre den perfekten Dreh zu vollziehen. Doch die geplante Landidylle schlägt unverhofft um, als die deutlich betagten Besitzer:innen des Grundstücks beginnen, die „schmutzigen“ Machenschaften ihrer Besucher:innen zu ahnen.

Aus alt mach neu

X eröffnet mit einer vielsagenden Einstellung. Die Zuschauer:innen blicken aus einer Scheune heraus auf ein Farmhaus und die weiten Wiesen drumherum. Das Bild ist dabei links und rechts abgeschnitten, sodass die Optik eines klassischen 4:3 Formats entsteht. Eine Illusion, die jedoch schnell bricht, als die Kamera langsam aus der Scheune herausfährt und sich das Bild in ein modernes Kinoformat streckt. Denn was das Publikum vorher als 4:3 Bildgrenze wahrgenommen hatte, stellt sich als Scheunentür heraus, die das Bild trügerisch einrahmte.

Eine kleine visuelle Spielerei, die stellvertretend für die Natur des darauffolgenden Filmes steht. Denn mit X nimmt sich Regisseur Ti West einen klassischen Slasher-Stoff im Oldschool-Gewand vor, der im Jahr 2022 auf den blutigen Spuren alter Genre-Klassiker wie Texas Chainsaw Massacre wandelt. 

Anfangs schaut Wayne (Martin Henderson) noch lächelnd auf seinen kauzigen Gastgeber (Stephen Ure) herab. Doch dann…

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Seien es die dramatisch erhobenen Messer im roten Scheinwerferlicht, blutige Kills oder die altbekannte Geschichte rund um eine Gruppe junger Menschen auf einer abgelegenen Farm: X greift ganz bewusst tief in die Klischee-Schublade des Slasher-Kinos und zitiert die Genre-Klassiker alter Tage.

A24 meets Michael Myers

Nun ist X, allerdings nicht der erste Horrorstreifen der letzten Jahre, der den Blick nostalgisch in die Vergangenheit wirft. Filme wie die neue Halloween-Trilogie oder das Remake von Texas Chainsaw Massacre versuchten ebenfalls alte Horror-Ikonen neu auferstehen zu lassen, brachten dabei jedoch allenfalls uninspiriertes Gemetzel ohne jeglichen Mehrwert auf die Leinwand. Was macht der Film also anders?

Der perfekte Drehort oder ein abgeschnittenes Horror-Setting? Noch glaubt die Filmcrew an Ersteres.

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Was den Film von seinen faden Genre-Kollegen unterscheidet, ist die Verbindung von klassischem Oldschool-Horror mit der Erzählweise moderner Arthouse-Horrorfilme. Statt augenblicklich in Gewaltorgien und Gemetzel auszubrechen, fährt der Film das Tempo zunächst stark runter und fokussiert sich auf seine Figuren und den allmählichen Aufbau einer unangenehm-angespannten Atmosphäre. Man könnte X auch als klassischen “Slow-Burn” bezeichnen: Der Spannungsbogen steigt in einem kriechenden Tempo, bis zu einem explosiven Finale. 

„Das muss ein verdammt durchgeknallter Horrorfilm sein.“

Sheriff Dentler (James Gaylin) in X

Das bedeutet nicht, dass der erste Teil des Films gänzlich ohne Horror-Elemente auskommt. So passiert ein fantastisch inszenierter Spannungsmoment in einem See bereits im ersten Akt. Doch all diese Momente fühlen sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm. Eine Ruhe, die X sowohl dafür nutzt, um die einzelnen Mitglieder:innen der Filmcrew stärker auszuarbeiten, als auch um eine Handvoll thematischem Subtext einzubauen. 

Obwohl sie im Rampenlicht des Filmes steht, bleibt Maxine (Mia Goth) eine schwer greifbare Figur. Lässt „X“ absichtlich Fragen offen?

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X balanciert genau auf der Mitte zwischen oberflächlichem Spaß-Horror und feinfühlig inszenierter Atmosphäre. Zuschauer:innen müssen dementsprechend ihre eigene Erwartungshaltungen anpassen. Der Film ist zwar kein meisterhafter Kunst-Horror im Stil von Hereditary oder The Witch, doch er fordert mehr Geduld und Aufmerksamkeit von seinem Publikum, als der herkömmliche Slasher-Streifen.

Es fällt auf: hier steht nicht umsonst A24 auf dem Filmplakat.

Ein zu plötzlicher Schluss

Wo die Atmosphäre und die Figuren gewinnen, leidet die jedoch Struktur unter der langsamen Erzählweise der ersten zwei Drittel. Denn im Kontrast zu dem langsamen und vorsichtigen Spannungsaufbau ist die finale Konfrontation (so spaßig wie sie ist) zu plötzlich und schnell vorbei. So wirkten die beiden verschiedenen Hälften des Filmes extrem ungleich und der eigentliche Höhepunkt des Slaher-Finales verliert an Bedeutung. 

Besonders auffallend ist das in der Entwicklung von Protagonistin Maxine zu erkennen. Während sich viele der anderen Figuren eher an amüsanten Klischees bedienen, entsteht bei Maxine schnell das Gefühl, als würde X mehr Tiefe in ihrem Charakter suchen. So verbringt der Film viel Zeit an ihrer Seite, lässt sie nachdenklich in die Kamera schauen oder verwickelt sie in ominöse Gespräche. Viel Set-Up, welches mit dem Eintritt des Finales jedoch augenblicklich verloren geht, als Maxine urplötzlich zur axtschwingenden Kämpferin wird.

Am Ende des Tages bleibt das Gefühl, als hätte man ein Stück des Filmes verpasst. Ein Mittelteil als Brücke zwischen den langsamen Themen und der Gewalteskalation? Ein längerer Showdown, der mehr Zeit für seine Figuren hat, anstatt sie im Checklisten-Style nacheinander um die Ecke zu bringen?

Eine bessere Balance der unterschiedlichen Stimmungen des Filmes hätte beiden Hälften gutgetan und sie dadurch gleich stark wirken lassen.  

Fazit

7.1/10
Ordentlich
Community-Rating:
Handlung 6/10
Schauspiel 7/10
Horror 7.5/10
Atmosphäre 8/10
Humor 7/10
Details:
Regisseur: Ti West,
FSK: 16 Filmlänge: 106 Min.
Besetzung: Brittany Snow, Jenna Ortega, Kid Cudi, Martin Henderson, Mia Goth, Stephen Ure,

Was passiert, wenn man das Drehbuch eines Hirn-aus-Slasher-Films mit der aufwändigen Inszenierung und dem Pacing von modernem Arthouse-Horror kombiniert? Diese oder eine ähnliche Frage wird sich Regisseur Ti West mit Sicherheit vor dem Dreh von X gestellt haben. Denn mithilfe von dichter Atmosphäre und fesselnder Inszenierung kitzelt West schockierend viel Qualität aus einem Stoff heraus, der auch anspruchslose B-Ware hätte sein können. Doch in der Zusammenführung der oldschool-splatter-Elemente mit dem modernen Slow-burn stolpert der Film über strukturelle Probleme. Es hätte mehr Ausgleich zwischen den beiden Genre-Hälften gebraucht, um ihnen gleich viel Spotlight zukommen zu lassen.

Artikel vom 26. Mai 2022

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