6.8/10

Kritik: 1899 – Staffel 1

ALBTRAUM AUF DEM ATLANTIK

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Genres: Mystery, Startdatum: 17.11.2022

Interessante Fakten für…

  • Mit einem Budget von 48 Millionen Euro ist „1899“ die bis dato teuerste deutsche Produktion von Netflix.

Mit „1899“ präsentiert das deutsche Filmemacher-Duo Jantje Friese und Baran bo Odar ihr nächstes Projekt. Kann die Mystery-Serie in Sachen Spannung und Komplexität mit der Erfolgsserie „Dark“ mithalten?

Darum geht’s

Im Jahr 1899 verlässt das Passagierschiff „Kerberos“ Europa und macht sich auf den Weg nach Amerika. Vier Monate, bevor die Kerberos in See stach, hat bereits ein anderer Dampfer der selben Reederei Europa verlassen: die „Prometheus“, die seitdem als verschollen gilt. Als der Kapitän der Kerberos, Eyk Larsen, ein Signal von dem verschwundenen Schwesterschiff bekommt, ist er fest entschlossen, die Fahrt nach New York zu unterbrechen, um die Prometheus zu suchen. Das führt zu Unmut unter den Passagieren, die das amerikanische Festland so schnell wie möglich erreichen wollen. Doch schon bald nimmt ihre Reise eine unerwartete Wendung..

Neue Technik kommt zum Einsatz

Mit ihrer Erfolgsserie Dark hat das Filmemacher-Ehepaar Jantje Friese und Baran bo Odar bewiesen, dass auch deutsche Produktionen international erfolgreich sein können. Die Mysterie-Serie, die 2020 nach drei Staffeln ihren Abschluss fand, überzeugte sowohl Kritiker als auch Fans und zeigte, dass der deutsche Fernsehmarkt mehr zu bieten hat als einen dauergrinsenden Matthias Schweighöfer und einen nuschelnden Til Schweiger. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an die zweite Serie des deutschen Ehepaars. Auch Netflix scheint sich von dem Projekt viel zu erhoffen, mit einem Budget von 48 Millionen Euro ist 1899 die bis dato teuerste deutsche Produktion des Streaming-Anbieters.

Und das sieht man der Serie auch an, die größtenteils in dem neuen Volume-Studio in Babelsberg gedreht worden ist. Die Volume ist ein runder Raum, der von einer LED-Wand umgeben wird. Auf diese Wand können die verschiedensten Hintergründe projiziert werden, im Falle von 1899 war das hauptsächlich der Atlantik. Mit dieser neuen Technik lassen sich nicht nur eine Menge Produktionskosten sparen, auch die Schauspieler können sich anhand der echt aussehenden Umgebung besser in die Situation hineinversetzten als bei einem Dreh vor einem Greenscreen. Die Technik wurde erstmals bei der Stars Wars-Serie The Mandalorian eingesetzt.

Düstere Bilder und enge Gänge

Insgesamt überzeugt das Setting und die Ausstattung von 1899. Die engen Gänge des Schiffes erzeugen beim Zuschauer ein klaustrophobisches Gefühl. Während die Kabinen der ersten Klasse weiträumig und gepflegt sind, sitzen die Passagiere der dritten Klasse eng aufeinander gedrängt in einem düsteren und schmutzigen Raum. Der Himmel über dem rauen Atlantik ist dunkel, kein Sonnenstrahl dringt durch. Ähnlich wie bei Dark fängt die Kamera bei 1899 überwiegend düstere Bilder ein und erzeugt so eine unheimliche Atmosphäre.

Mit den Entscheidungen von Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) sind nicht alle Crew-Mitglieder einverstanden.

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Friese und bo Odar schaffen es, Spannung zu erzeugen und den Zuschauer vor viele Rätsel zu stellen. Merkwürdige Dinge passieren auf dem Schiff und viele Fragen tun sich auf: Wer ist der mysteriöse Junge? Warum funktionieren der Kompass und der Telegraf auf einmal nicht mehr? Und was hat es mit dieser Pyramide auf sich? Genau wie in Dark wird auch in 1899 viel mit Symbolen gespielt. Eine Gänsehaut ergreift den Zuschauer, als plötzlich ganz viele Passagiere aufstehen und wie fremdgesteuert auf das Deck des Schiffes laufen. Was steckt dahinter, eine übernatürliche Kraft etwa? In diesem Moment fühlt sich die Serie fast schon wie ein Horrorfilm an.

Komplexe Charaktere

Umso trauriger ist es daher, dass es die Serie nicht schafft, in der zweiten Hälfte den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Bereits ab der vierten Folge wird dem Zuschauer langsam klar, was hinter der ganzen Sache steckt. Werden am Anfang der Serie noch kleine Hinweise verteilt, die die Neugierde des Zuschauers wecken, wird in den letzten Folgen ein Plot Twist nach dem anderen enthüllt. Dementsprechend zieht sich 1899 in der zweiten Hälfte und vernachlässigt gerade das, was das größte Potential der Produktion ist, nämlich die Charaktere.

An Bord der Kerberos befinden sich unter anderem die britische Ärztin Maura Franklin, die vermutet, dass ihr Bruder Passagier auf der Prometheus war, und der deutsche Kapitän Eyk Larsen, der durch ein tragisches Ereignis seine Frau und seine drei Töchter verloren hat. Alle Passagiere des Schiffes haben ihre Geheimnisse und werden von den Geistern ihrer Vergangenheit eingeholt. Ihre Motive und ihr Handeln kann man nachvollziehen und durch ihre Vielschichtigkeit lassen sie sich schwer in Gut-oder-Böse-Kategorien einteilen.

Auflösung überzeugt nicht

Auf dem Papier ist 1899 zwar eine deutsche Serie, jedoch ist der Cast europäisch. Gesprochen wird unter anderem Englisch, Deutsch, Französisch, Dänisch und Spanisch. Die Interaktionen der Charaktere, die sich teilweise aufgrund von sprachlichen Barrieren nicht verstehen, machen die Serie interessant und zeigen: Man muss nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen, um miteinander kommunizieren zu können. Daher empfiehlt es sich, die Serie im Original zu schauen und nicht in der deutschen Synchronisation, bei der dieser Reiz verloren geht. Im Gegensatz zu Dark, wo es ein fast schon zu großes Ensemble gab, das dann auch noch teilweise miteinander verwandt ist, gibt 1899 den Protagonisten zumindest am Anfang genug Raum, um sich zu entfalten.

Die Situation auf dem Schiff droht zu eskalieren.

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Insgesamt überzeugt der Cast schauspielerisch auf voller Länge. Besonders hervorzuheben ist der deutsche Schauspieler Andreas Pietschmann, der bereits in Dark sein Talent unter Beweis stellen konnte. Pietschmann strahlt eine unglaubliche Präsenz aus, die der Zuschauer von Beginn an spürt, und verleiht seinem Charakter Eyk Larsen eine tragische Tiefe. Auch harmoniert er wunderbar mit seiner britischen Kollegin Emily Beecham, welche Maura Franklin verkörpert.

Doch die schauspielerische Leistung und die interessanten Charaktere lassen das Ende der Serie leider nicht vergessen. Eine Mystery-Serie wie 1899 steht und fällt eben mit der Auflösung. Und diese hinterlässt den Zuschauer leider mit einem enttäuschenden Gefühl. Denn das, was Friese und bo Odar dem Publikum nach acht Folgen präsentieren, hat der Zuschauer bereits in anderen und vor allem besseren Filmen gesehen.

Die Auflösung ist weder originell noch sorgt sie beim Zuschauer für einen überraschenden Wow-Effekt, da es sich schon länger angebahnt hatte, in welche Richtung es gehen wird. Mit der Komplexität, die Dark drei Staffeln lang lieferte, kann das Ende von 1899 leider nicht mithalten.

Fazit

6.8/10
Ganz okay
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 6/10
Charaktere 8/10
Atmosphäre 7/10
Visuelle Umsetzung 7/10
Spannung 6/10
Details:
Showrunner: Baran bo Odar, Jantje Friese,
FSK: 16 Episoden: 8
Besetzung: Andreas Pietschmann, Emily Beecham, Gabby Wong, Isabella Wei, Miguel Bernardeau,

1899 nimmt seine Zuschauer mit auf eine zunächst spannende Reise nach Amerika und schafft es wie auch Dark eine düstere und mysteriöse Atmosphäre zu erschaffen und mit Symbolen und Rätseln zu spielen. Doch leider verliert sich der Spannungsbogen in der Mitte und die Serie schafft es nicht, den Zuschauer mit einer komplexen und durchdachten Handlung zu fesseln wie bei Dark. Auch werden die interessanten Charaktere langsam aus den Augen verloren, die mit ihrer Vielschichtigkeit überzeugen. Das Ende lässt die Zuschauer dann leider mit einem enttäuschenden Gefühl zurück. Schade, denn hier wäre viel mehr drin gewesen.

Artikel vom 30. Dezember 2022

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