Kritik: The End Of The F***cking World – Staffel 1

"Kill your Darlings" im wahrsten Sinne des Wortes
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Alex Lawther sitzt auf einem Sofa und hält ein Messer in der Hand im Titelbild für die Kritik The End Of The F***cking World
    © 2018 Netflix
  • Was passiert, wenn man zwei psychisch angeknackste Charaktere aufeinander loslässt und diese dann gemeinsam Reißaus nehmen? Das ist das Szenario, das in der kurzweiligen Mini-Serie 'The End of the F***ing World' durchgespielt wird. Landet Netflix damit den nächsten Serienhit? Erfahrt es in unserer Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Du trinkst deinen Kaffee lieber schwarz? Das wird dich interessieren:  Black Mirror: Interpretation und Bewertung aller Folgen Kritik: Bojack Horseman – Staffel 4  Kritik: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri Worum geht es? Der 17-jährige James (Alex Lawther, Black Mirror) ist ein Psychopath. Zumindest ist er selbst fest davon überzeugt. Der Außenseiter verbringt…
    Kritik: The End Of The F***cking World – Staffel 1 tba
    1

    86%

    Sehr gut

    Handlung
    80%
    Schauspiel
    85%
    Humor
    90%
    Charaktere
    90%
    Emotionen
    85%

    'The End of the F***ing World' ist eine genial geschriebene Coming-of-Age-Geschichte der anderen Art. Zwischen derbem Humor blitzt die stets eine nachvollziehbare Menschlichkeit durch. Die Darsteller hauchen ihren fein ausgearbeiteten Charakteren glaubhaft Leben ein.

    User Rating: 4.25 ( 1 votes)
  • Staffelstart: 05.01.2018
    Episoden: 8 in 1 Staffel
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Showrunner:
    Besetzung: , ,
    Bildrechte: © 2018 Netflix

Gesamtbewertung:

Sehr gut
86%

Was passiert, wenn man zwei psychisch angeknackste Charaktere aufeinander loslässt und diese dann gemeinsam Reißaus nehmen? Das ist das Szenario, das in der kurzweiligen Mini-Serie 'The End of the F***ing World' durchgespielt wird. Landet Netflix damit den nächsten Serienhit? Erfahrt es in unserer Kritik.


Du trinkst deinen Kaffee lieber schwarz? Das wird dich interessieren: 


Worum geht es?

Der 17-jährige James (Alex Lawther, Black Mirror) ist ein Psychopath. Zumindest ist er selbst fest davon überzeugt. Der Außenseiter verbringt seine Freizeit schon auch mal mit dem Töten unterschiedlichster Tiere. Irgendwann ist ihm das nicht mehr genug. Also beschließt er, einen Menschen umzubringen. Als er mit der toughen Alyssa (Jessica Barden) anbandelt, glaubt er, das richtige Opfer gefunden zu haben.

Alyssa selbst ist von ihrer familiären Situation sichtlich angefressen, da ihr weder Mutter noch Stiefvater Beachtung schenken. Kurzerhand haut sie von Zuhause ab – und überredet James dazu, sie zu begleiten. Der wiederum sieht das als perfekte Möglichkeit, seinen tödlichen Plan auszuführen...

Alex Lawther und Jessica Barden küssen sich in Szenenbild für Kritik The End Of The F***cking World.

Alyssa (Jessica Barden) ist schwer verliebt, doch James (Alex Lawther) schwelgt in ganz anderen Fantasien...

Tragik, Humor & spruchkalenderreife Lines

The End of the F***ing World geht dahin, wo's wehtut. Die Themen, die hier behandelt werden, sind zwar immer menschlich, werden aber mit aller Konsequenz over the top und rabenschwarz ausgespielt. Das erschafft ein spannendes Mosaik aus irrwitziger Situationskomik, Tragik, Emotionen und einem Hauch Brutalität – und das ist in der Kombination richtig unterhaltsam. Allein die ersten Sätze, die die Protagonisten miteinander wechseln, sind Weltklasse:

"I've seen you skateing. You're pretty shit."

Alyssa

"Fuck off!"

James

Während sich die Geschichte entfaltet, bekommen auch James und Alyssa mehr und mehr Profil. Vor allem die familiären Hintergründe werden dem Zuschauer oftmals zynisch präsentiert. Dadurch erschließt sich schnell, warum Alyssa konstant gegen jegliche Authorität aufbegehren muss. Oder warum James auf seinem finsteren Mordtrip ist. Oder warum die zwei sich in aller Tragik doch so gut ergänzen. Es soll nicht zu viel verraten werden, aber die Coming-of-Age-Geschichte ist nicht nur zum Schreien komisch, sondern trifft auch einen emotionalen Nerv.

Dabei sind die bekannten Themen um Akzeptanz, Wut, Enttäuschung und erster Liebe keineswegs eine Revolution der Serienlandschaft - doch wie diese Themen transportiert werden, ist ganz feines Storytelling. Immer wieder erfährt der Zuschauer einen kleinen Aha-Effekt, auch wenn die Lebensweisheiten in The End of the F***ing World gut auf einem Sprüchekalender aufgehoben wären. Aussagen à la "Wenn dein Leben scheiße läuft, dann ändere was" oder "Wer sich ständig ablenkt, nimmt sich selbst nicht mehr wahr" sind so simpel wie auch effektiv.

Kurz & knackig inszeniert

Während Netflix' letzter Streich Bright durchaus zu einer Serie getaugt hätte, ist es bei The End of the F***ing World genau andersherum.  Die acht Folgen sind in zweieinhalb Stunden locker runtergeschaut und hätten ebenso gut als Film funktioniert. Ein großes Plus ist hier, dass die Geschichte nicht unnötig auf 13 Folgen aufgebläht wurde, wie es öfters zuvor im Netflix-MCU geschehen ist. Die Geschichte ist ausführlich genug erzählt, um zu funktionieren und knackig genug, um durch die Bank weg exzellent zu unterhalten.

Optisch gibt es allerhand nette Einfälle zu bestaunen. Die kreativen Köpfe hinter der Kurzserie spielen geschickt mit Titeln, Rückblenden und Foreshadowing, während die verschiedenen Settings farblich und bildtechnisch sehr gut eingefangen werden. Die Tristesse der englischen "Vorstadthölle" ist ein starker Kontrast zu den lichtdurchfluteten Wäldern, in denen die jugendlichen Protagonisten das erste Mal ihre lang ersehnte Freiheit spüren. Abgerundet werden die Episoden mit einem fantastischen Soundtrack, der nicht nur stets die passende Stimmung erzeugt, sondern dessen Lyrics oftmals auch akkurat zu den Ereignissen passen.

Jessica Barden und Alex Lawther stehen auf einer Wiese in Szenenbild für Kritik The End Of The F***cking World

Endlich frei: Alyssa und James befreien sich aus ihren vergifteten Elternhäusern und entdecken sich selbst – wohin auch immer das führen mag.

Zwei Jungdarsteller im Fokus

Es ist wahrlich "cringeworthy", wie Hauptdarsteller Alex Lawther aufspielt. Der junge Darsteller dürfte einigen schon aus Black Mirror (S3E3, "Shut Up and Dance") bekannt sein und auch hier zeigt er, dass er die Rolle des eigenartigen Außenseiters aus dem Effeff beherrscht. Anfangs sind es noch stille Blicke und eine unglaublich passive Haltung, die seine Figur wirken lässt, als wäre sie in einem komplett falschen Kontext platziert. Doch im Laufe der Geschichte taut das kalte Herz des Protagonisten auf – eine nachvollziehbare Wandlung, die Alex Lawther glaubhaft rüberbringt. Trotzdem möchte man den pubertierenden Depri machmal einfach nur packen und wach rütteln.

"Okay."

James' Antwort auf 99 Prozent aller Fragen

Der kontrastreiche Gegenpart Alyssa wird von Jessica Barden ebenfalls sehr stark verkörpert. Die angriffslustige Rebellin haut in fast jeder Szene so dermaßen über die Stränge, dass man nicht anders kann, als sie bei ihrem anarchistischen Aufbegehren gegen die Authorität anzufeuern. Jessica Barden spielt mutig und ohne Kompromisse. Ihre Alyssa treibt dabei nicht nur die Story voran, sondern entpuppt sich schrittweise auch als Identifikationsfigur für den Zuschauer. Ihre teils sehr drastischen Handlungen sind ein wirksames Komplementär zur Handlungsarmut von James – und werden von Barden mit der größten Selbstverständlichkeit dargestellt.

Um das Zweiergespann werden immer wieder groteske und teils tieftragische Figuren eingeführt, die für etliche ausgefallene Begegnungen sorgen. Dabei geht The End of the F***ing World natürlich ebenfalls an die Grenze. Ob Pädophiler (Geoff Bell), Frauenmörder (Jonathan Aris) oder der sprücheklopfende, aber innerlich komplett zerbrochene Familienvater (Steve Oram) – das Ensemble fügt sich immer passgenau in die absurden Situationen. Als kleine Überraschung hat auch Ghemma Whelan (bekannt aus Game of Thrones) einen einprägsamen Auftritt, der deshalb so auffällt, weil ihre Figur noch am "normalsten" scheint und zudem ein vorbildhaftes Wertegerüst an den Tag legt, das allen anderen Figuren grundlegend zu widersprechen scheint.

Eine schnelle Reise in die Menschlichkeit

Einmal mehr schafft es ein Netflix Original, teils konträre Elemente zu einem wunderbaren Gesamtwerk zusammenzuführen. Was trotz derber Sprüche, ausufernder Gewalt, zerbrochener Charaktere und heftiger Gags immer durchscheint, ist Menschlichkeit in all ihren Facetten. Oft traurig, manchmal herzerwärmend, immer nachvollziehbar. Die feine Charakterzeichnung ist eine der größten Stärken der Serie. Und wenn der Abspann der letzten Folge über den Homescreen rollt, weiß man wahrlich nicht, wohin mit all seinen Gefühlen. The End of the F***ing World ist eine Perle unter dem Überangebot von Netflix & Co.

Fazit:

'The End of the F***ing World' ist witzig und tragisch zugleich

Es gibt wenige Serien, die durchgehend so unterhaltsam sind, wie dieses britische Netflix Original. Der Humor ist erfrischend derb und die Geschichte schreckt weder vor Tabuthemen noch vor Gewaltdarstellung zurück. Doch nichts davon ist reiner Selbstzweck. In The End of the F***ing World geht es um glaubhafte Figuren und deren tragisches Schicksal. Es geht um die Art und Weise, wie diese Figuren mit den Karten spielen, die ihnen ausgeteilt wurden. Und es geht um die Freundschaft zweier Außenseiter, die sich in einem turbulenten Abenteuer kennen- und schätzen lernen. Das feine Storytelling kombiniert wahnwitzige Situationskomik, starke Charakterentwicklung und glaubhafte, tief menschliche Facetten zerbrochener Charaktere. Ein klassischer Bingewatch, den man aber auch noch Tage später im Kopf hat.

NEUE ARTIKEL
Werbung
Werbung
❯ Alle Artikel