Kritik: Curveball – Wir machen die Wahrheit

Lügen haben langen Atem
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Schlampige Arbeit, Bürokratie und uneinsichtige Vorgesetzte sind die Schrecken deutscher Behörden, mit denen wohl jede:r schon Kontakt hatte. In 'Curveball' mischt der Bundesnachrichtendienst einen Spionage-Cocktail aus eben diesen Zutaten – nach einer wahren Begebenheit!   Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Im Jahr 1999 tritt der irakische Geflüchtete Rafid Alwan (Dar Salim) an den Bundesnachrichtendienst heran – er habe im staatlichen Labor des Irak an der Herstellung chemischer Kampfstoffe gearbeitet. Seit Jahren vermutet man derartiges unter Saddam Husseins Regime. Weder der BND noch das CIA oder Mossad hatten Beweise. Nachdem der Experte für biologische Kampfstoffe Dr. Wolf (Sebastian Blomberg) die Aussage vorläufig geprüft hat, wird der Kronzeuge zur Sensation deutscher Geheimdienstarbeit. Als Alwans Geschichte dann unter weiteren Nachforschungen Dr. Wolfs zu wackeln beginnt, ist der erste Dominostein bereits gefallen und die Wahrheit gerät unter die Räder der globalen Politikmaschine. Wahre Begebenheiten Am Ende ist man immer schlauer. Dann sieht man, warum es so kam, wie es kam und was man hätte anders machen sollen, wo man falsch abgebogen ist. Nach dem Abspann von Curveball – wir machen die Wahrheit ist man um einiges schlauer. Schlauer über den Wert der Wahrheit, die Arbeit internationaler Geheimdienste und dem Räderwerk internationaler Politik, welches sich, erstmal in Gang gebracht, nur schwer stoppen lässt. Werbung Zuletzt tat sich z.B. Regisseur Adam McKay mit Filmen hervor, die auf unterhaltsame Weise unscheinbare Momente des Weltgeschehens beleuchteten und dokumentieren, wie deren Dynamiken bis heute nachwirken. Ein Skript wie ein fünfseitiger Artikel aus dem Politikressort, umgesetzt wie ein leicht fließender Thriller mit humoristischem Biss. Curveball entspringt genau diesem postmodernen Genre, der Verbindung von Hintergrund und Unterhaltung, Filme bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, sobald man sich in Erinnerung ruft, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen. Schreibtischhengste auf der Piste Golfkrieg, Saddam Hussein, Milzbrand, Terrorgefahr, 9/11… diese geläufigen Schlagwörter werden gut in Kontext gesetzt, der Film ist gut aufgeräumt und fokussiert sich auf die Elemente, die wichtig für diesen wilden Ritt durch deutsche Außenpolitik sind. Rafid Alwan tritt an den BND heran und verspricht als heiße Quelle Details über die Pläne von Husseins Regime, von denen andere Geheimdienste nur träumen können. Der BND wittert einen "Knüller", mit knallenden Sektkorken feiert man die Nasenlänge Vorsprung, die Deutschland dank dem Informanten nun auf dem globalen Parkett hat. Zweifel, Faktencheck, Bescheidenheit? Fehlanzeige. Stattdessen wird sich auf die Schulter geklopft und von Beförderungen fantasiert. Als die Aussage des Informanten Lücken aufweist und das Kartenhaus zusammenzufallen droht, verliert mancher den Kopf, welcher eben noch getätschelt wurde und statt befördert wird so mancher beurlaubt, zwangsversetzt oder gleich gefeuert. Die Scherben werden unter den Teppich gekehrt, siehe Filmplakat. Kleine, menschliche Fehler bringen große Entwicklungen in Gang. Die Dialoge und das Schauspiel sind überzeugend, wir werden Zeugen davon, wie Menschen vorgeben, alles unter Kontrolle zu haben, während sie mit Volldampf Richtung Eisberg schippern. Vor allem Sebastian Blomberg brilliert als Experte mit Scheuklappen, so euphorisiert vom eigenen Spürsinn, dass er nicht bemerkt, wenn er die Fährte verlässt. Die Ausstaffierung der Kulissen und Figuren ist manchmal klischeebeladen, die BND-Büros etwas muffiger und die Anzüge etwas grauer, als sie es Ende der 1990er vermutlich waren. Schade, aber es scheint, als gäbe es im beauftragten Kostümverleih nur die Sektionen „Kalter Krieg“ und „Alles nach 2000“. Der Klimax des Drehbuchs ist unverschämt mutig, actionreich, riskiert viel und gewinnt alles. Das stereotype Spionage-Feeling, welches zuvor zynisch wirkte, wird hier auf die Spitze getrieben. Es gibt Verfolgungsjagten auf der Straße und Schneepiste, Verkleidungen und fliegende Fäuste. Was als Routineermittlung zwischen verstaubten Aktenbergen beginnt, endet als Hommage an die 007-Auftritte der 1960er. Regisseur Johannes Naber hält den Film kontrolliert an der Leine, in diesem Höhepunkt lässt er ihn mit Slapstick flirten, jedoch ohne albern zu werden. Es fehlt die Würze Was dem Film letztlich dann aber fehlt, ist die Konstanz, das durchgängie Halten der Aufmerksamkeit. Die Geschichte bietet Twists, Schocks und erhellender Momente, ist dazwischen jedoch etwas träge. Hier wurde kein Justiz-Drama inszeniert, das Ziel ist definitiv Unterhaltung, doch um wirklich Spaß zu machen fehlt den Dialogen das letzte Fünkchen Witz, den Figuren die charmanteren Macken. Auch ein treibender, zeitgenössischer Soundtrack hätte gut getan. Im Vergleich zu anderen Filmen, die derartige Irrungen und Wirrungen erzählen, wirkt Curveball manchmal etwas fad. Insgesamt bleibt die Geschichte hinter dem Film das Interessante und das, was hängenbleibt. Man wird Freunden von der Story um Rafid „Curveball“ Alwan erzählen, wie Wahrheit zur Ware und kleine Lügen zu großen Lügen werden, wie die BRD in einen Strudel von Spionage und Falschinformation gelangte, von dem die meisten nur wenig mitbekommen haben. Doch man wird nicht von einem ungeheuer lustigen, spannungsreichen, coolen Film erzählen. Lebensfreude und Kurzweil kann man dem Film nicht absprechen, in Anbetracht der Konkurrenz durch US-Filme ähnlicher Art hat der Film jedoch noch Luft nach oben. Filme, die uns nachhaltig prägen, involvieren uns emotional, machen Spaß und berühren uns. Im besten Fall lehren sie uns noch etwas Neues, das ist dann die letzte Zutat, die dem ganzen den Mehrwert verleiht, quasi der Löffel Zucker in der Tasse Kaffee. In Curveball scheint der Zucker zuerst in die Tasse geschüttet worden zu sein, anschließend wird er mit Kaffee aufgegossen, der doch etwas heißer und kräftiger sein könnte. Fazit: Mehr davon! Curveball erzählt deutsche Zeitgeschichte so locker-flockig, wie es sich Hollywood bereits seit Jahren traut. Häufig vermisst man jedoch schmerzlich das letzte Fünkchen Situationskomik, Dialoggespür, Action und Soundtrack. Ein bisschen mehr Würze würde das manchmal etwas langsame Drehbuch in eine Komödie übersetzen, die nachhallt und eine fesselnde Geschichte erzählt, ohne die Seriösität des Themas preiszugeben. Dennoch hat man einen tollen Filmabend und in Zukunft kann die Zeile „Nach einer wahren Begebenheit“ im Vorspann wieder für Vorfreude sorgen.
    Kritik: Curveball – Wir machen die Wahrheit
    Handlung
    85%
    Schauspiel
    75%
    Spannung
    70%
    Humor
    65%
    Tiefgang
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 09.09.2021
    Filmlänge: 108 Minuten
    FSK: 12
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    Regisseur:
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    Bildrechte: Filmwelt Verleihagentur
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
74%

Schlampige Arbeit, Bürokratie und uneinsichtige Vorgesetzte sind die Schrecken deutscher Behörden, mit denen wohl jede:r schon Kontakt hatte. In 'Curveball' mischt der Bundesnachrichtendienst einen Spionage-Cocktail aus eben diesen Zutaten – nach einer wahren Begebenheit!

 

Darum geht’s

Im Jahr 1999 tritt der irakische Geflüchtete Rafid Alwan (Dar Salim) an den Bundesnachrichtendienst heran – er habe im staatlichen Labor des Irak an der Herstellung chemischer Kampfstoffe gearbeitet. Seit Jahren vermutet man derartiges unter Saddam Husseins Regime. Weder der BND noch das CIA oder Mossad hatten Beweise. Nachdem der Experte für biologische Kampfstoffe Dr. Wolf (Sebastian Blomberg) die Aussage vorläufig geprüft hat, wird der Kronzeuge zur Sensation deutscher Geheimdienstarbeit. Als Alwans Geschichte dann unter weiteren Nachforschungen Dr. Wolfs zu wackeln beginnt, ist der erste Dominostein bereits gefallen und die Wahrheit gerät unter die Räder der globalen Politikmaschine.

Wahre Begebenheiten

Am Ende ist man immer schlauer. Dann sieht man, warum es so kam, wie es kam und was man hätte anders machen sollen, wo man falsch abgebogen ist. Nach dem Abspann von Curveball – wir machen die Wahrheit ist man um einiges schlauer. Schlauer über den Wert der Wahrheit, die Arbeit internationaler Geheimdienste und dem Räderwerk internationaler Politik, welches sich, erstmal in Gang gebracht, nur schwer stoppen lässt.

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Zuletzt tat sich z.B. Regisseur Adam McKay mit Filmen hervor, die auf unterhaltsame Weise unscheinbare Momente des Weltgeschehens beleuchteten und dokumentieren, wie deren Dynamiken bis heute nachwirken. Ein Skript wie ein fünfseitiger Artikel aus dem Politikressort, umgesetzt wie ein leicht fließender Thriller mit humoristischem Biss. Curveball entspringt genau diesem postmodernen Genre, der Verbindung von Hintergrund und Unterhaltung, Filme bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, sobald man sich in Erinnerung ruft, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen.

Schreibtischhengste auf der Piste

Golfkrieg, Saddam Hussein, Milzbrand, Terrorgefahr, 9/11… diese geläufigen Schlagwörter werden gut in Kontext gesetzt, der Film ist gut aufgeräumt und fokussiert sich auf die Elemente, die wichtig für diesen wilden Ritt durch deutsche Außenpolitik sind. Rafid Alwan tritt an den BND heran und verspricht als heiße Quelle Details über die Pläne von Husseins Regime, von denen andere Geheimdienste nur träumen können. Der BND wittert einen "Knüller", mit knallenden Sektkorken feiert man die Nasenlänge Vorsprung, die Deutschland dank dem Informanten nun auf dem globalen Parkett hat.

Dr. Wolf (Michael Blomberg) klopft das Geständnis von Rafid Alwan (Dar Salim) ab

Zweifel, Faktencheck, Bescheidenheit? Fehlanzeige. Stattdessen wird sich auf die Schulter geklopft und von Beförderungen fantasiert. Als die Aussage des Informanten Lücken aufweist und das Kartenhaus zusammenzufallen droht, verliert mancher den Kopf, welcher eben noch getätschelt wurde und statt befördert wird so mancher beurlaubt, zwangsversetzt oder gleich gefeuert. Die Scherben werden unter den Teppich gekehrt, siehe Filmplakat. Kleine, menschliche Fehler bringen große Entwicklungen in Gang.

Die Dialoge und das Schauspiel sind überzeugend, wir werden Zeugen davon, wie Menschen vorgeben, alles unter Kontrolle zu haben, während sie mit Volldampf Richtung Eisberg schippern. Vor allem Sebastian Blomberg brilliert als Experte mit Scheuklappen, so euphorisiert vom eigenen Spürsinn, dass er nicht bemerkt, wenn er die Fährte verlässt. Die Ausstaffierung der Kulissen und Figuren ist manchmal klischeebeladen, die BND-Büros etwas muffiger und die Anzüge etwas grauer, als sie es Ende der 1990er vermutlich waren. Schade, aber es scheint, als gäbe es im beauftragten Kostümverleih nur die Sektionen „Kalter Krieg“ und „Alles nach 2000“.

Wieso sie plötzlich im Schlafanzug auf dem Schlitten vor dem CIA flüchten, wissen die beiden selbst nicht – doch hier macht der Film uneingeschränkt Spaß!

Der Klimax des Drehbuchs ist unverschämt mutig, actionreich, riskiert viel und gewinnt alles. Das stereotype Spionage-Feeling, welches zuvor zynisch wirkte, wird hier auf die Spitze getrieben. Es gibt Verfolgungsjagten auf der Straße und Schneepiste, Verkleidungen und fliegende Fäuste. Was als Routineermittlung zwischen verstaubten Aktenbergen beginnt, endet als Hommage an die 007-Auftritte der 1960er. Regisseur Johannes Naber hält den Film kontrolliert an der Leine, in diesem Höhepunkt lässt er ihn mit Slapstick flirten, jedoch ohne albern zu werden.

Es fehlt die Würze

Was dem Film letztlich dann aber fehlt, ist die Konstanz, das durchgängie Halten der Aufmerksamkeit. Die Geschichte bietet Twists, Schocks und erhellender Momente, ist dazwischen jedoch etwas träge. Hier wurde kein Justiz-Drama inszeniert, das Ziel ist definitiv Unterhaltung, doch um wirklich Spaß zu machen fehlt den Dialogen das letzte Fünkchen Witz, den Figuren die charmanteren Macken. Auch ein treibender, zeitgenössischer Soundtrack hätte gut getan. Im Vergleich zu anderen Filmen, die derartige Irrungen und Wirrungen erzählen, wirkt Curveball manchmal etwas fad.

Love Interest Leslie (Virginia Kull) vom CIA ist plötzlich nicht mehr nur an Dr. Wolf, sondern auch seinem Zeugen interessiert.

Insgesamt bleibt die Geschichte hinter dem Film das Interessante und das, was hängenbleibt. Man wird Freunden von der Story um Rafid „Curveball“ Alwan erzählen, wie Wahrheit zur Ware und kleine Lügen zu großen Lügen werden, wie die BRD in einen Strudel von Spionage und Falschinformation gelangte, von dem die meisten nur wenig mitbekommen haben. Doch man wird nicht von einem ungeheuer lustigen, spannungsreichen, coolen Film erzählen. Lebensfreude und Kurzweil kann man dem Film nicht absprechen, in Anbetracht der Konkurrenz durch US-Filme ähnlicher Art hat der Film jedoch noch Luft nach oben.

Filme, die uns nachhaltig prägen, involvieren uns emotional, machen Spaß und berühren uns. Im besten Fall lehren sie uns noch etwas Neues, das ist dann die letzte Zutat, die dem ganzen den Mehrwert verleiht, quasi der Löffel Zucker in der Tasse Kaffee. In Curveball scheint der Zucker zuerst in die Tasse geschüttet worden zu sein, anschließend wird er mit Kaffee aufgegossen, der doch etwas heißer und kräftiger sein könnte.

Fazit:

Mehr davon!

Curveball erzählt deutsche Zeitgeschichte so locker-flockig, wie es sich Hollywood bereits seit Jahren traut. Häufig vermisst man jedoch schmerzlich das letzte Fünkchen Situationskomik, Dialoggespür, Action und Soundtrack. Ein bisschen mehr Würze würde das manchmal etwas langsame Drehbuch in eine Komödie übersetzen, die nachhallt und eine fesselnde Geschichte erzählt, ohne die Seriösität des Themas preiszugeben. Dennoch hat man einen tollen Filmabend und in Zukunft kann die Zeile „Nach einer wahren Begebenheit“ im Vorspann wieder für Vorfreude sorgen.

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