Kritik: Das Gift

Von Müttern und Kindern
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Was bedeutet es, Mutter zu sein? Eine Frage, die jüngst immer häufiger und kontroverser diskutiert wird. Mit dem Thriller-Drama 'Das Gift' von Claudia Llosa setzt sich nun auch Netflix damit auseinander. Doch ob dem Film eben diese Auseinandersetzung gelingt? Wenig Zeit? Zum Fazit! Seit einigen Jahren setzt Netflix in Sachen Film- und Serienproduktionen zunehmend auf Internationalität. Entstanden sind dadurch unter anderem Hits wie Dark (2017-2020), Lupin (2021 -) und zuletzt auch Squid Game (2021). Jetzt präsentiert man mit Das Gift ein Thriller-Drama aus Peru, Chile, Spanien und den U.S.A., basierend auf einem Roman der argentinischen Autorin Samanta Schweblin, der Themen wie Mutterschaft und Umweltschutz miteinander vereint. Darum geht's Amanda (María Valverde) wacht in der Nacht in einem dunklen Wald auf, bewegen kann sie sich nicht. Nur David (Emilio Vodanovich), der entfremdete Sohn ihrer Freundin Carola (Dolores Fonzi) ist bei ihr. Während der Junge Amanda über den Boden zieht, versucht sie herauszufinden, was sie an diesen Punkt gebracht hat, wo ihre Tochter Nina (Guillermina Sorribes) ist und ob David ihr helfen möchte, oder doch etwas Böses plant. Werbung Im Handlungsnebel An sich hat Das Gift spannende Inhalte: Mutterschaft, die Beziehung zwischen Mutter und Kind oder auch Umweltzerstörung. Der Film nimmt sich viel Zeit, um sich dem Thema Mutterschaft anzunähern. Er versucht, die zwei gegensätzlichen Modelle von Müttern und Mutterschaft, repräsentiert durch Amanda und Carola, gegenüberzustellen und nimmt sich der Frage an, was es eigentlich bedeutet, Mutter zu sein. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen kommt teilweise durchaus verkopft daher, sodass man mehr als einmal zwischen den Zeilen lesen muss, um alles zu verstehen. Das Gift glänzt aber vor allem in den Momenten der Gegenüberstellung und wird einigen Zuschauer:innen sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben. Doch leider lässt sich das nicht für alle großen Themen sagen. Es wirkt so, als hätte man sich für die knapp 90 Minuten Laufzeit zu viel vorgenommen. Das resultiert darin, dass der Umweltzerstörung, eines der großen Themen von Schweblins literarischer Vorlage, nicht genug Platz eingeräumt wird. So verkommt dieses durchaus wichtige und spannende Thema zu einem relativ kleinen Plotpoint, der nicht vollends ausgeschöpft wird. An dieser Stelle sind das Pacing, also die Geschwindigkeit des Films, und die Struktur der Handlung zwei wichtige Punkte. Es gibt viele Filme und Serien, die ihre Geschichte langsam oder komplex, aber trotzdem spannungsvoll erzählen. Aber es gibt auch viele Werke, bei denen sowohl Pacing als auch Struktur einfach nicht stimmen. Ein mögliches Resultat ist, dass sich der Film zieht und frustriert, wie es stellenweise auch bei Das Gift der Fall ist. Während man noch einigermaßen gut durch die zweite Hälfte des Films kommt, fühlt sich die erste Hälfte streckenweise zu langatmig an. Die besondere Erzählstruktur, die oftmals mit Flashbacks arbeitet, ist durchaus ein spannender Kniff, um die gemächliche Handlung etwas aufzupeppen. Das Experiment geht aber nur teilweise auf, weshalb Das Gift oftmals zu langsam und konfus wirkt. Zwei Mütter wie Tag und Nacht? Während handlungstechnisch bei Das Gift also nicht alles glatt läuft, kann man vom Cast des Films das Gegenteil behaupten. Nicht nur sind die zwei Protagonistinnen Amanda und Carola in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten sehr stark gezeichnet, sie werden auch noch erstklassig gespielt! Auf der einen Seite steht María Valverde, die das eher stereotypische Bild der sich aufopfernden Mutter Amanda mit all seinen schönen, aber eben auch nicht so schönen Facetten wiedergibt. Und auf der anderen Seite steht Dolores Fonzi, deren Carola die Verbindung zu ihrem Sohn verloren zu haben scheint und sich mit einer Sinnkrise konfrontiert sieht: dem vermeintlichen Bruch mit der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an sie als Mutter. Treffen diese zwei Figuren und Schauspielerinnen aufeinander, stimmt die Chemie und die Funken fliegen – sowohl im Guten als auch im Schlechten. Zu diesem starken Zweiergespann gesellt sich Emilio Vodanovichs David, der die Rolle des undurchschaubaren und möglicherweise bösen Kindes übernimmt. Und tatsächlich wirkt Emilio bis zum Ende hin undurchschaubar. Lange weiß man nicht, ob er Freund oder vielleicht doch Feind sein soll. Das hält David und dessen Rolle bis zum Ende hin spannend und beweist, dass das häufig angebrachte Gespött über Jungdarsteller:innen oftmals unberechtigt ist. Fazit: Starke Ideen, aber nur durchschnittliche Ausführung Das Gift ist ein Thriller-Drama, dass mit spannenden Themen und tollen schauspielerischen Leistungen lockt und stellenweise gut unterhält. Jedoch trüben eine zum Teil zu verkopfte Auseinandersetzung mit den Themen und unstimmiges Pacing den Spaß und halten den Film davon ab, nicht nur okay, sondern richtig gut zu sein.
    Kritik: Das Gift
    Handlung
    65%
    Schauspiel
    75%
    Spannung
    55%
    Tiefgang
    75%
    Emotionen
    65%
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  • Erscheinungsdatum: 13.10.2021
    Filmlänge: 93 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: Netflix
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Gesamtbewertung:

Ganz okay
67%

Was bedeutet es, Mutter zu sein? Eine Frage, die jüngst immer häufiger und kontroverser diskutiert wird. Mit dem Thriller-Drama 'Das Gift' von Claudia Llosa setzt sich nun auch Netflix damit auseinander. Doch ob dem Film eben diese Auseinandersetzung gelingt?

Seit einigen Jahren setzt Netflix in Sachen Film- und Serienproduktionen zunehmend auf Internationalität. Entstanden sind dadurch unter anderem Hits wie Dark (2017-2020), Lupin (2021 -) und zuletzt auch Squid Game (2021). Jetzt präsentiert man mit Das Gift ein Thriller-Drama aus Peru, Chile, Spanien und den U.S.A., basierend auf einem Roman der argentinischen Autorin Samanta Schweblin, der Themen wie Mutterschaft und Umweltschutz miteinander vereint.

Darum geht's

Amanda (María Valverde) wacht in der Nacht in einem dunklen Wald auf, bewegen kann sie sich nicht. Nur David (Emilio Vodanovich), der entfremdete Sohn ihrer Freundin Carola (Dolores Fonzi) ist bei ihr. Während der Junge Amanda über den Boden zieht, versucht sie herauszufinden, was sie an diesen Punkt gebracht hat, wo ihre Tochter Nina (Guillermina Sorribes) ist und ob David ihr helfen möchte, oder doch etwas Böses plant.

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Im Handlungsnebel

An sich hat Das Gift spannende Inhalte: Mutterschaft, die Beziehung zwischen Mutter und Kind oder auch Umweltzerstörung. Der Film nimmt sich viel Zeit, um sich dem Thema Mutterschaft anzunähern. Er versucht, die zwei gegensätzlichen Modelle von Müttern und Mutterschaft, repräsentiert durch Amanda und Carola, gegenüberzustellen und nimmt sich der Frage an, was es eigentlich bedeutet, Mutter zu sein.

María Valverde in Das Gift.

Für Amanda (María Valverde) wird der Ausflug auf das Land zu einer Zerreißprobe.

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen kommt teilweise durchaus verkopft daher, sodass man mehr als einmal zwischen den Zeilen lesen muss, um alles zu verstehen. Das Gift glänzt aber vor allem in den Momenten der Gegenüberstellung und wird einigen Zuschauer:innen sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben.

Doch leider lässt sich das nicht für alle großen Themen sagen. Es wirkt so, als hätte man sich für die knapp 90 Minuten Laufzeit zu viel vorgenommen. Das resultiert darin, dass der Umweltzerstörung, eines der großen Themen von Schweblins literarischer Vorlage, nicht genug Platz eingeräumt wird. So verkommt dieses durchaus wichtige und spannende Thema zu einem relativ kleinen Plotpoint, der nicht vollends ausgeschöpft wird.

Emilio Vodanovich und María Valverde in Das Gift.

Das Mysterium um die Charaktere entwickelt sich teilweise zu langsam.

An dieser Stelle sind das Pacing, also die Geschwindigkeit des Films, und die Struktur der Handlung zwei wichtige Punkte. Es gibt viele Filme und Serien, die ihre Geschichte langsam oder komplex, aber trotzdem spannungsvoll erzählen. Aber es gibt auch viele Werke, bei denen sowohl Pacing als auch Struktur einfach nicht stimmen. Ein mögliches Resultat ist, dass sich der Film zieht und frustriert, wie es stellenweise auch bei Das Gift der Fall ist.

Während man noch einigermaßen gut durch die zweite Hälfte des Films kommt, fühlt sich die erste Hälfte streckenweise zu langatmig an. Die besondere Erzählstruktur, die oftmals mit Flashbacks arbeitet, ist durchaus ein spannender Kniff, um die gemächliche Handlung etwas aufzupeppen. Das Experiment geht aber nur teilweise auf, weshalb Das Gift oftmals zu langsam und konfus wirkt.

Zwei Mütter wie Tag und Nacht?

Während handlungstechnisch bei Das Gift also nicht alles glatt läuft, kann man vom Cast des Films das Gegenteil behaupten. Nicht nur sind die zwei Protagonistinnen Amanda und Carola in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten sehr stark gezeichnet, sie werden auch noch erstklassig gespielt!

Auf der einen Seite steht María Valverde, die das eher stereotypische Bild der sich aufopfernden Mutter Amanda mit all seinen schönen, aber eben auch nicht so schönen Facetten wiedergibt. Und auf der anderen Seite steht Dolores Fonzi, deren Carola die Verbindung zu ihrem Sohn verloren zu haben scheint und sich mit einer Sinnkrise konfrontiert sieht: dem vermeintlichen Bruch mit der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an sie als Mutter. Treffen diese zwei Figuren und Schauspielerinnen aufeinander, stimmt die Chemie und die Funken fliegen – sowohl im Guten als auch im Schlechten.

Dolores Fonzi und María Valverde in Das Gift.

Die Chemie zwischen Dolores Fonzi und María Valverde kann überzeugen!

Zu diesem starken Zweiergespann gesellt sich Emilio Vodanovichs David, der die Rolle des undurchschaubaren und möglicherweise bösen Kindes übernimmt. Und tatsächlich wirkt Emilio bis zum Ende hin undurchschaubar. Lange weiß man nicht, ob er Freund oder vielleicht doch Feind sein soll. Das hält David und dessen Rolle bis zum Ende hin spannend und beweist, dass das häufig angebrachte Gespött über Jungdarsteller:innen oftmals unberechtigt ist.

Fazit:

Starke Ideen, aber nur durchschnittliche Ausführung

Das Gift ist ein Thriller-Drama, dass mit spannenden Themen und tollen schauspielerischen Leistungen lockt und stellenweise gut unterhält. Jedoch trüben eine zum Teil zu verkopfte Auseinandersetzung mit den Themen und unstimmiges Pacing den Spaß und halten den Film davon ab, nicht nur okay, sondern richtig gut zu sein.

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