Kritik: Der Mauretanier

Guantanamo bye?
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • Endlich geht es los und die Kinos öffnen wieder! 'Der Mauretanier' ist eine der ersten Veröffentlichungen. Wieso der Politthriller über die Folgen von 9/11 sich auf jeden Fall lohnt und keine Veröffentlichung von der Halde ist, erfährst du in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht's? Kurz nach den Anschlägen des elften Septembers ist die Welt im Ausnahmezustand. Die US-Geheimdienste versuchen panisch, die Verantwortlichen zu fassen, und jeder zweite Einwohner islamisch geprägter Länder steht unter Generalverdacht. In diesem Klima wird der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) eines abends während einer Hochzeit von der Polizei abgeholt und verschwindet. Jahre später hört die Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) von Slahi, der inzwischen als Häftling in Guantanamo einsitzt und als Rekrutierer für Al Quida die Hauptattentäter des elften Septembers angeworben haben. Sie nimmt sich seines Falles an und es beginnt ein Kampf gegen das undurchschaubare System eines Militärstaates. Der Mauretanier ist die Verfilmung der Guantanamotagebuchs des zwischen 2002 und 2016 inhaftierten Mohamedou Ould Slahi. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und nimmt sich vor, die unrechten Machenschaften der USA in Reaktion auf die Terroranschläge des elften Septembers 2001 vorzuführen. Der Film verfolgt einer klare politischen Agenda und klagt die USA an. Zwar nicht ganz so schonungslos, wie sie es verdient hätten, doch begrüßenswert unverblümt. Werbung Visuell unaufgeregt Als Film ist Der Mauretanier eigentlich ziemlich schnell abgehandelt. Denn er hat eigentlich nicht viele, aus filmästhetischer Sicht, hervorstechende Merkmale zu bieten. Der Großteil der Handlung spielt entweder in diversen Gefängniszellen und Verhörräumen oder Aktenlagern und Büros, die sich allesamt durch eine ganz außergewöhnlich gewöhnliche Tristesse auszeichnen. Und der Film macht auch gar keine Versuche, hier irgendwas zu “stylen” oder anders und neu zu betrachten. Das meiste ist sehr direkt abgefilmt. Die Kamerabewegungen über gewaltige Aktenberge, die verdeutlichen sollen, wie gewaltig das Vorhaben der Verteidigung ist und wie groß der Widerstand des Systems, kennt man auch schon alle aus anderen Gerichtsdramen. Und dass die Rückblickszenen in 4:3 sind, ist auch wirklich nicht originell. Doch das ist alles gar nicht schlimm. Denn der Film macht etwas ganz Bemerkenswertes. Er ist vor allem an seiner eigenen Geschichte interessiert und konzentriert sich darauf, diese zu erzählen. An der unfassbaren Unrechtsgeschichte, die Slahi widerfährt, gibt es auch gar nichts zu stylen. Wie sehr sich die Geheimdienste, die doch das Gute verteidigen wollen, mit ihrer Handlung ins Unrecht setzen, ist so offenbar, dass es keiner großen cineastischen Gesten bedarf. Schöne Folterszenen? Die einzigen Szenen, die auch in der visuellen Machart etwas wagen, sind die wohl Streitbarsten des ganzen Films. Es ist jedem bekannt, was in Guantanamo passiert. Das die USA, um Freiheit und Gerechtigkeit zu verteidigen ganz bewusst einen Raum außerhalb von Recht und Gesetz geschaffen haben, um dort systematisch ohne Begründung oder Beweise entführte Männer einzusperren und zu foltern, ist seit langem eine bewiesene Tatsache. Es stellt sich daher die Frage, ob ein Film, der über Guantanamo berichtet, überhaupt Folter darstellen muss. Oder ob es nicht auch unangenehme Züge von Exploitation hat, wenn minutenlang vorgeführt wird, wie Slahi von Militär und Geheimdienst brutal misshandelt wird, bis er kurz davor ist, den Verstand zu verlieren. Und es ist auch schwer, diese Szenen aus Sicht ihrer visuellen Umsetzung zu bewerten. Denn sie sind zu einem gewissen Punkt sehr gelungen. Als sich die Realität für Slahi aufzulösen beginnt und selbst die sonst so neutral eingestellte Kamera nicht mehr vertrauenswürdig ist und verschiedene Realitätsebenen verschwimmen, da hat der Film plötzlich eine extreme, filmische Kraft. Möglicherweise gerade aus dem Grund, da er sonst so nüchtern daherkommt. Unangenehm sind diese Szenen in jedem Fall. So sehr, dass man dem Film an einer Stelle einen ganz lauten Vorwurf der Blödheit machen muss. Selbst wenn man die obige Frage negativ beantwortet und es für nötig hält, den Horror auch zeigen zu müssen, stört man sich spätestens an der Stelle, als der Film aus der Folterzelle zur in einer Akte über die Folterungen lesenden Jodi Foster schneidet, um eine Träne in ihren Augen zu zeigen – ein Kommentar, dessen es nicht bedurft hätte. Wer nicht allein beim Anblick dieser Gräueltaten merkt, wie schlimm ist, was da passiert, wer noch eine weinende Jodie Foster braucht, um das einordnen zu können, der ist sowieso verloren. Politisches Schauspiel Über die Schauspielleistung gibt es kaum etwas zu sagen, außer dass sie auf höchstem Niveau ist. Vor allem Tahar Rahim brilliert in der Rolle. Es ist bemerkenswert, wie glaubhaft er die absoluten Ausnahmesituationen, in die die Figur geworfen wird, darzustellen vermag. An keiner Stelle ist sein Spiel plump oder exploitativ. Auch Jodie Foster überzeugt in der Rolle der hartgesottenen Anwältin. Ebenso Benedict Cumberbatch, der in der Rolle des Anwalts der Anklage den überzeugten Christen und ebensolchen Soldaten gibt. Viel wichtiger als das Schauspiel, das die Darsteller abliefern, ist allerdings das, was der Film portraitiert. Denn Guantanamo ist genau das, ein unmöglich scheinendes Schauspiel der politischen Perversion. Eine Farce, die vier Präsidenten in fünf Legislaturperioden nicht beendet haben. Guantanamo ist noch immer in Betrieb. Und das ist der Antrieb des Films, auf diesen Missstand, der ein ausgewachsenes Verbrechen ist, hinzuweisen. Der Mauretanier ist engagiertes Kino in Reinform, das, wenn es so gut gemacht ist, sehr zu begrüßen ist. Denn die titelgebende Frage muss derzeit noch klar mit Nein beantwortet werden. Es sieht nicht so aus, als würden die USA ihr Unrechtslager in Guantanamo bald schließen. Fazit: Anschauen, aufregen Ein aus politischer Sicht sehr gelungener Film, der überzeugt, auch wenn er filmisch nicht besonders heraussticht. Starkes Schauspiel, beklemmende Handlung, kein Film für einen leichten Kinoabend und dennoch eine Empfehlung. Die Ereignisse liegen teilweise zwanzig Jahre zurück und sind dennoch so zeitgemäß und dringlich, wie man es sich denken kann. Ein sehr guter Auftakt einer wieder beginnenden Kinophase. Man schaue ihn sich an und rege sich über dieses Unrecht auf!
    Kritik: Der Mauretanier
    Handlung
    60%
    Schauspiel
    80%
    Visuelle Umsetzung
    65%
    Spannung
    70%
    Tiefgang
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 10.06.2021
    Filmlänge: 130 Minuten
    FSK: 12
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    Regisseur:
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    Bildrechte: GEM Entertainment
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
71%

Endlich geht es los und die Kinos öffnen wieder! 'Der Mauretanier' ist eine der ersten Veröffentlichungen. Wieso der Politthriller über die Folgen von 9/11 sich auf jeden Fall lohnt und keine Veröffentlichung von der Halde ist, erfährst du in der Kritik.

Worum geht's?

Kurz nach den Anschlägen des elften Septembers ist die Welt im Ausnahmezustand. Die US-Geheimdienste versuchen panisch, die Verantwortlichen zu fassen, und jeder zweite Einwohner islamisch geprägter Länder steht unter Generalverdacht. In diesem Klima wird der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) eines abends während einer Hochzeit von der Polizei abgeholt und verschwindet. Jahre später hört die Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander (Jodie Foster) von Slahi, der inzwischen als Häftling in Guantanamo einsitzt und als Rekrutierer für Al Quida die Hauptattentäter des elften Septembers angeworben haben. Sie nimmt sich seines Falles an und es beginnt ein Kampf gegen das undurchschaubare System eines Militärstaates.

Der Mauretanier ist die Verfilmung der Guantanamotagebuchs des zwischen 2002 und 2016 inhaftierten Mohamedou Ould Slahi. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und nimmt sich vor, die unrechten Machenschaften der USA in Reaktion auf die Terroranschläge des elften Septembers 2001 vorzuführen. Der Film verfolgt einer klare politischen Agenda und klagt die USA an. Zwar nicht ganz so schonungslos, wie sie es verdient hätten, doch begrüßenswert unverblümt.

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Visuell unaufgeregt

Als Film ist Der Mauretanier eigentlich ziemlich schnell abgehandelt. Denn er hat eigentlich nicht viele, aus filmästhetischer Sicht, hervorstechende Merkmale zu bieten. Der Großteil der Handlung spielt entweder in diversen Gefängniszellen und Verhörräumen oder Aktenlagern und Büros, die sich allesamt durch eine ganz außergewöhnlich gewöhnliche Tristesse auszeichnen. Und der Film macht auch gar keine Versuche, hier irgendwas zu “stylen” oder anders und neu zu betrachten. Das meiste ist sehr direkt abgefilmt. Die Kamerabewegungen über gewaltige Aktenberge, die verdeutlichen sollen, wie gewaltig das Vorhaben der Verteidigung ist und wie groß der Widerstand des Systems, kennt man auch schon alle aus anderen Gerichtsdramen. Und dass die Rückblickszenen in 4:3 sind, ist auch wirklich nicht originell.

Tahir Samir als Mohamedou Ould Slahi in der Verhörzelle.

Tahar Samin brilliert in der Hauptrolle und versteht es, sich sehr umsichtig in der sensiblen Thematik zu bewegen.

Doch das ist alles gar nicht schlimm. Denn der Film macht etwas ganz Bemerkenswertes. Er ist vor allem an seiner eigenen Geschichte interessiert und konzentriert sich darauf, diese zu erzählen. An der unfassbaren Unrechtsgeschichte, die Slahi widerfährt, gibt es auch gar nichts zu stylen. Wie sehr sich die Geheimdienste, die doch das Gute verteidigen wollen, mit ihrer Handlung ins Unrecht setzen, ist so offenbar, dass es keiner großen cineastischen Gesten bedarf.

Schöne Folterszenen?

Die einzigen Szenen, die auch in der visuellen Machart etwas wagen, sind die wohl Streitbarsten des ganzen Films. Es ist jedem bekannt, was in Guantanamo passiert. Das die USA, um Freiheit und Gerechtigkeit zu verteidigen ganz bewusst einen Raum außerhalb von Recht und Gesetz geschaffen haben, um dort systematisch ohne Begründung oder Beweise entführte Männer einzusperren und zu foltern, ist seit langem eine bewiesene Tatsache. Es stellt sich daher die Frage, ob ein Film, der über Guantanamo berichtet, überhaupt Folter darstellen muss. Oder ob es nicht auch unangenehme Züge von Exploitation hat, wenn minutenlang vorgeführt wird, wie Slahi von Militär und Geheimdienst brutal misshandelt wird, bis er kurz davor ist, den Verstand zu verlieren.

Und es ist auch schwer, diese Szenen aus Sicht ihrer visuellen Umsetzung zu bewerten. Denn sie sind zu einem gewissen Punkt sehr gelungen. Als sich die Realität für Slahi aufzulösen beginnt und selbst die sonst so neutral eingestellte Kamera nicht mehr vertrauenswürdig ist und verschiedene Realitätsebenen verschwimmen, da hat der Film plötzlich eine extreme, filmische Kraft. Möglicherweise gerade aus dem Grund, da er sonst so nüchtern daherkommt.

Jodie Foster als Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander im Gerichtssaal.

Auch Jodie Foster geht ihre Darstellung der Anwältin Nancy Hollander mit dem gebührenden Respekt für das Thema an und kann durch "Understatement" überzeugen.

Unangenehm sind diese Szenen in jedem Fall. So sehr, dass man dem Film an einer Stelle einen ganz lauten Vorwurf der Blödheit machen muss. Selbst wenn man die obige Frage negativ beantwortet und es für nötig hält, den Horror auch zeigen zu müssen, stört man sich spätestens an der Stelle, als der Film aus der Folterzelle zur in einer Akte über die Folterungen lesenden Jodi Foster schneidet, um eine Träne in ihren Augen zu zeigen – ein Kommentar, dessen es nicht bedurft hätte. Wer nicht allein beim Anblick dieser Gräueltaten merkt, wie schlimm ist, was da passiert, wer noch eine weinende Jodie Foster braucht, um das einordnen zu können, der ist sowieso verloren.

Politisches Schauspiel

Über die Schauspielleistung gibt es kaum etwas zu sagen, außer dass sie auf höchstem Niveau ist. Vor allem Tahar Rahim brilliert in der Rolle. Es ist bemerkenswert, wie glaubhaft er die absoluten Ausnahmesituationen, in die die Figur geworfen wird, darzustellen vermag. An keiner Stelle ist sein Spiel plump oder exploitativ. Auch Jodie Foster überzeugt in der Rolle der hartgesottenen Anwältin. Ebenso Benedict Cumberbatch, der in der Rolle des Anwalts der Anklage den überzeugten Christen und ebensolchen Soldaten gibt.

Benedict Cumberbatch als Stuart Couch, der Anwalt der Anklage.

Es ist ungewohnt, Benedict Cumberbatch als Amerikaner zu sehen, dennoch schafft er es die Rolle auszufüllen.

Viel wichtiger als das Schauspiel, das die Darsteller abliefern, ist allerdings das, was der Film portraitiert. Denn Guantanamo ist genau das, ein unmöglich scheinendes Schauspiel der politischen Perversion. Eine Farce, die vier Präsidenten in fünf Legislaturperioden nicht beendet haben. Guantanamo ist noch immer in Betrieb. Und das ist der Antrieb des Films, auf diesen Missstand, der ein ausgewachsenes Verbrechen ist, hinzuweisen. Der Mauretanier ist engagiertes Kino in Reinform, das, wenn es so gut gemacht ist, sehr zu begrüßen ist. Denn die titelgebende Frage muss derzeit noch klar mit Nein beantwortet werden. Es sieht nicht so aus, als würden die USA ihr Unrechtslager in Guantanamo bald schließen.

Fazit:

Anschauen, aufregen

Ein aus politischer Sicht sehr gelungener Film, der überzeugt, auch wenn er filmisch nicht besonders heraussticht. Starkes Schauspiel, beklemmende Handlung, kein Film für einen leichten Kinoabend und dennoch eine Empfehlung. Die Ereignisse liegen teilweise zwanzig Jahre zurück und sind dennoch so zeitgemäß und dringlich, wie man es sich denken kann. Ein sehr guter Auftakt einer wieder beginnenden Kinophase. Man schaue ihn sich an und rege sich über dieses Unrecht auf!

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