7.2/10

Kritik: Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

LEG DICH NICHT MIT RABIYE AN

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Genres: Drama, Komödie, Startdatum: 28.04.2022

Interessante Fakten für…

  • Meltem Kaptan gibt hier ihr Spielfilm-Debut, zuvor stand sie in Musicals auf der Bühne und versuchte sich in Stand Up-Comedy.
  • Nach Gundermann arbeiten hier wieder Alexander Scheer und Andreas Dresen zusammen.

Routinier Andreas Dresen inszeniert mit starken Schauspielern eine außenpolitische Blamage, die nicht vergessen werden darf. Humoristische Zwischentöne sollen das ganze für das Kinopublikum auflockern, doch führt auch ein Weg, der dramatische Pfade verlässt, zum Ziel?

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#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

Herbst 2001, die westliche Welt ist in Aufruhr und Geheimdienste suchen mutmaßliche Terroristen und Drahtzieher. Der in Deutschland aufgewachsene Türke Murat Kurnaz ist zur falschen Zeit am falschen Ort und wird festgenommen. Er landet im Gefangenenlager Guantanamo – ohne endgültige Anklage, Zugang zu juristischem Beistand oder Kontakt zur Außenwelt. Aller Rechte beraubt verbringt er Jahre in diesem juristischen schwarzen Loch. Zuhause in Deutschland verzweifelt seine Mutter Rabiye (Meltem Kaptan) an bürokratischen Hürden. Die USA wollen ihren Sohn nicht ausliefern, weder die deutschen noch die türkischen Behörden fühlen sich zuständig. Erst als sie sich an den Rechtsanwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) wendet, kommt Bewegung in die Sache. Zwischen der hoffnungsvollen Mutter und dem zielstrebigen Anwalt entsteht eine tiefe Freundschaft, während sie einen Weg einschlagen, der sie bis vor den obersten Gerichtshof der USA führen wird.

Auf der Suche nach Recht

Wie erzählt man das Absurde? Mit dieser Frage sieht sich schnell konfrontiert, wer die Geschichte von Murat Kurnaz erzählen möchte – in der Geschichtsschreibung, im Freundeskreis, in einem Drehbuch. Gefangen in einem juristischen Limbus, gefoltert und ohne Ausblick, im blinden Fleck der Weltgemeinschaft.  Diese Geschichte ist dramatisch, doch entfaltet ihre volle Kraft erst, wenn man sich der absurden nicht-Existenz bewusst wird, der Kurnaz in Guantanamo Bay ausgesetzt war.

Für Rabiye Kurnaz hat sich die Geschichte über fünf lange Jahre entfaltet. Sie stand auf der anderen Seite einer undurchdringbaren Wand, konnte zu ihrem Sohn keinerlei Kontakt aufnehmen und wusste doch, er ist da, er ist unschuldig, er leidet. An diesem Angelpunkt hängt das Drehbuch seine Dramaturgie auf. Wie agiert eine Person, die ihrem rechtlosen Sohn zu Recht verhelfen will, die handlungsunfähig ist, aber sich mit aller Kraft auf die Suche nach Handlungsmöglichkeiten macht.

Dieser Perspektivwechsel ist einfallsreich und trägt den Film. Das Ziel der Unternehmung, der geliebte Sohn, ist im Film vollkommen unsichtbar. Keine Ortssprünge, die zeigen, wie es Murat im Gefangenenlager ergeht, keine Zeitsprünge, die belegen oder widerlegen, ob er nun unschuldig ist oder nicht. Damit sind wir ganz dicht dran an der Gefühlswelt seiner Mutter Rabiye, die in der gleichen, eingeschränkten Perspektive leben muss. Der Horror ist häufig am schlimmsten, wenn man ihn sich selbst vorstellen muss – für uns und für sie ganz besonders. Wenn man darüber nachdenkt, was ein Gefangener gerade tut, während man selbst Kuchen backt. Oder wenn die einzigen Eindrücke, die man vom Alltag im Lager erhält, Fotos von Folter sind.

Hier zu humorvoll, dort zu verstaubt

Man fragt sich, welche inspirierenden Geschichten noch erzählt werden könnten, wenn sich Filmemacher:innen öfter trauen würden, eine außenstehende Perspektive zu wählen. Das damit einhergehende Risiko ist jedoch, dass ein starkes Drehbuch und schauspielerische Leistung nötig sind, um die Tragödie an die äußeren Ränder der Handlung zu holen. Das Drama steckt in Guantanamo Bay – wie bildet man die Schwingungen ab, die auch in Deutschland noch spürbar sind? Meltem Kaptan spielt mitreißend und füllt die Rolle ohne Kompromisse aus. Eine kämpferische Mutter durch und durch. Doch kann sie nur spielen, was das Drehbuch ihr vorgibt und dieses ist in der Figurengestaltung manchmal etwas zu frei. Zu sehr versucht es, die Unterschiede zwischen Rabiye, dem Anwalt Docke und der bürokratischen Sisyphos-Arbeit zu unterstreichen.

Rechtsanwalt Bernhard Docke ist sympathisch, aber wohl doch etwas trockener und fader, als das Vorbild aus Fleisch und Blut. „Na, er ist eben Anwalt“, so vermutlich der Gedanke, „je trockener er ist, desto spritziger erscheint Rabiye“. Diese Energie vom ungleichen Team, mit regelkonformen Bürokrat:innen auf der einen und smarten Kreativen auf der anderen Seite funktioniert häufig, egal ob Cop-Movie oder Teenager-Komödie. Doch ist dieser Film in seiner Thematik zu ernst, um seine Figuren der Dramaturgie zu opfern. Die Darstellung von Rabiye Kurnaz ist nicht albern oder respektlos, doch an vielen Stellen zu gewollt komödiantisch. Dann wird auch mal im besten „ich nix verstehe“-Deutsch gefragt: „Und wer is diese Herr Bush?“

Kitsch me if you can

Die Zeitspanne von fünf Jahren wir professionell gerafft, die wichtigen Eckpunkte filmisch umgesetzt ohne erzählerische Lücken zu lassen und ohne den emotionalen Griff zu lockern. Ganz im Gegenteil, manchmal wird er etwas zu sehr angezogen.

Durch die Schauplätze in den USA bricht der Film aus dem typischen Look des Justizdramas aus. Die Szenen in Deutschland spielen sich vor allem im charmant-unprätentiösen Reihenhaus und der muffigen Anwaltskanzlei ab, doch in den USA wählt man Drohnenflüge über Highways und Schauplätze wie das Lincoln Memorial und den Supreme Court. Dadurch wächst der Film deutlich, es ist unbestritten Andreas Dresens internationalster und gefühlt „größter“ Film. Doch findet man die emotionale Tiefe seiner bisherigen Filmografie hier, wenn überhaupt, nur im Ansatz. Die „großen“ Momente triefen häufig vor moralischem Kitsch. Wenn Anwalt Docke in einer spontanen Rede die Linie von Abraham Lincoln zu Rabiye Kurnaz zieht oder letztere in einer Ansprache mit ihrer unbeholfenen, fast komödiantischen Art letztlich doch zu Standing Ovations und Tränen rührt. Emotional, ohne kitschig zu sein, ist eine meisterhafte Aufgabe, die hier nicht immer bewältigt wird.

Doch alles in allen bleibt der Ton sachlich und fängt die Ära gut ein. Bereits Curveball leistete gute Arbeit darin, die nervösen Zuckungen der BRD nach 9/11 zu messen. Auch dieser Film scheut sich nicht, zurückliegende Fehlentscheidungen deutlich anzuprangern und die Verantwortlichen klar zu benennen. So ist Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush eine wertvolle Bereicherung für die deutsche Kinolandschaft. Für deren ewiges Schattendasein darf an dieser Stelle ruhig eine Träne verdrückt werden. Hunderttausende Zuschauer:innen wurden in Hollywood-Filmen wie Vice oder Der Mauretanier über Verstrickungen der US-Politik aufgeklärt. Wohingegen diese deutsche Produktion, die unter anderem auch die unrühmliche Vergangenheit des Bundespräsidenten diskutiert, beim heimischen Publikum vermutlich nicht auf ähnlich großes Interesse stoßen wird. Rabiye Kurnaz würde nüchtern, aber hoffnungsvoll kommentieren: „Is traurig, aber macht nix“.

Fazit

7.2/10
Community-Rating: (1 Votes)
Handlung 8/10
Schauspiel 8/10
Charaktere 6.5/10
Kostüm & Maske 7.5/10
Dialoge 6/10
Details:
Regisseur: Andreas Dresen,
FSK: 6 Filmlänge: 118 Min.
Besetzung: Alexander Scheer, Charly Hübner, Meltem Kaptan,

Die fragile Balance zwischen Drama und komödiantischen Untertönen arbeitet hier zu häufig gegeneinander anstatt sich zu bereichern. Die schauspielerische Leistung ist jedoch fantastisch, zwischen den beiden Protagonist:innen ist eine Chemie spürbar, die durch die Gegensätze zwischen Menschenrechts-Anwalt und kämpferischer Mutter verstärkt wird. Alles in allem ein runder Film, der dem Thema gerecht wird und es hoffentlich zurück ins öffentliche Bewusstsein holt – 16 Jahre nach der Freilassung Kurnaz‘, während noch immer dutzende Gefangene ohne Anklage in Guantanamo Bay einsitzen.

Artikel vom 3. Mai 2022

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