Kritik: Die Verlegerin

So lahm können Oscar-Filme sein
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Tom Hanks und Meryl Streep laufen eine steile Treppe hinauf im Film Die Verlegerin
    © 2018 Universal Pictures International
  • Verdacht[glossary_exclude] auf Oscar-Baiting: Steven Spielberg schickt einen informativen und nicht sehr spannenden Film mit politischem Subtext ins Rennen. Meryl Streep geht für die Hauptrolle klar. Damit ist 'Die Verlegerin' ein waschechter Kandidat für die Academy Awards. Warum aber der Film abseits seiner dringlichen Message ziemlich enttäuschend ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.[/glossary_exclude] Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: 1971 regiert Nixon die USA mit eiserner Hand und investiert weiter in den aussichtslosen Vietnam-Krieg. Der ist sogar so aussichtslos, dass die Regierung die unausweichliche Niederlage vor der Öffentlichkeit vertuscht. Lieber weiterkämpfen und die Kapitulation auf eine andere Amtszeit verschieben.…
    Kritik: Die Verlegerin tba
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    66%

    Ganz okay

    Handlung
    70%
    Spannung
    55%
    Schauspieler
    75%
    Tiefgang
    55%
    Visuelle Umsetzung
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 22.02.2018
    Filmlänge: 116 Minuten
    FSK: 6
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2018 Universal Pictures International

Gesamtbewertung:

Ganz okay
66%

Verdacht auf Oscar-Baiting: Steven Spielberg schickt einen informativen und nicht sehr spannenden Film mit politischem Subtext ins Rennen. Meryl Streep geht für die Hauptrolle klar. Damit ist 'Die Verlegerin' ein waschechter Kandidat für die Academy Awards. Warum aber der Film abseits seiner dringlichen Message ziemlich enttäuschend ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.

Darum geht’s:

1971 regiert Nixon die USA mit eiserner Hand und investiert weiter in den aussichtslosen Vietnam-Krieg. Der ist sogar so aussichtslos, dass die Regierung die unausweichliche Niederlage vor der Öffentlichkeit vertuscht. Lieber weiterkämpfen und die Kapitulation auf eine andere Amtszeit verschieben. Mit dieser Verlogenheit kann Analyst Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) nicht leben und kopiert sämtliche geheime Dokumente, um sie an Zeitungen zu verteilen und die Bevölkerung von der Verkommenheit ihrer Regierung zu unterrichten. Es handelt sich um die berühmten „Pentagon Papers“.

Die New York Times bekommt die Story zuerst. Ganz grün vor Neid, versucht das Lokalblatt The Washington Post ebenfalls an den Informanten zu kommen. Dabei wollte Katherine Graham (Meryl Streep), die erste weibliche Zeitungsverlegerin der USA, doch eigentlich nur ihr Unternehmen sicher an die Börse bringen. Der Plan verliert an Priorität, als die Post ebenfalls einen Batzen der Pentagon Papers in die Hand gedrückt bekommt. Ungünstig, dass die Regierung eine einstweilige Verfügung auf das Veröffentlichen von geheimen Informationen gelegt hat. Doch zusammen mit dem hitzigen Chief-Editor Ben Bradlee (Tom Hanks), erfüllen sie ihre Pflicht als unabhängige Medienmarke und arbeiten trotz allem an einer Veröffentlichung…

Meryl Streep und Tom Hanks in einem Büro in einem Szenenbild für Kritik Die Verlegerin

Tom Hanks und Meryl Streep, zwei Hollywood-Spießer in einem spießigen Büro eines spießigen Spielberg-Films.

Ganz eindeutig Spielberg

So unterschiedlich Spielberg-Filme auch sein mögen, sie alle besitzen eine unverkennbare Handschrift, die der Kult-Regisseur über Jahrzehnte hinweg entwickelt und beibehalten hat. Dabei ist die Prämisse von Die Verlegerin für Spielberg-Verhältnisse ziemlich trocken und nicht-cineastisch. Schließlich geht es nur um eine Redaktion, die Regierungspapiere abdrucken will. Doch sobald ein jugendlicher Informant rastlos durch die Straßen rennt um eine wichtige Information zu vermitteln, erkennt man, dass hier nicht gerade David Fincher Regie geführt hat.  Steven Spielbergs „Euphorie“ wirkt dabei eher kitschig als auflockernd und erinnert an schwächere Werke wie Bridge of Spies und Die Gefährten, die sich ebenfalls im Spielberg-Kitsch baden.

Diese überambitionierte Inszenierung ist wie ein schmatzender Esser am Mikrofon – es nervt einfach, besonders weil man weiß, dass er es mit Absicht macht. Dazu gehört zum Beispiel eine langsame Dolly-Fahrt auf einen Charakter, der jetzt gleich etwas Inspirierendes sagt, unterstrichen von John Williams sentimentalem Score. Oder ein wackelnder Arbeitstisch im Großraumbüro der Washington Post, der ankündigt, dass im Untergeschoss gerade eine sehr wichtige Zeitungsausgabe gedruckt wird. Soll das jetzt an die Eisberg-Kollision aus Titanic erinnern, als in den Lagerräumen der Bug vollläuft und die Matrosen oben auf der Brücke ein Zittern verspüren? So weit hergeholt der Vergleich auch klingt, es sieht wirklich danach aus.

Warum sind die Charaktere so eindimensional?

Meryl Streep, Everybodys-Darling bei den Damen und Herren der Academy, wurde schon wieder für den Oscar nominiert. Aber warum? Keine Oscars ohne Streep? Ihre Darstellung ist solide, doch gleichzeitig auch extrem oberflächlich und eindimensional. Der Charakter Kay Graham wird auf rudimentäre Weise idealisiert und vollkommen ohne Ecken und Kanten dargestellt – ein Meryl Streep Pappaufsteller hätte mehr Tiefe bewiesen. 

Meryl Streep gibt eine belanglose Performance

Das ist ärgerlich, denn man hätte aus der Vorlage so Einiges rausholen können. Schließlich bietet die Rolle der Katherine Graham viele Konflikte auf persönlicher und geschäftlicher Ebene.

Einerseits muss Kay in einer chauvinistischen Arbeitswelt um Anerkennung und Autorität kämpfen, andererseits muss sie ihr Familienunternehmen vor den Krallen der Regierung schützen. Doch diese Konflikte werden nur angerissen und nie wirklich spürbar gemacht.

Das Problem aller Charaktere ist eine fehlende Einführung. Dieses „In medias res“-Storytelling („Mitten ins Geschehen“) hat vielleicht in Dunkirk funktioniert, doch ein Schauspiel-Drama ist auf markante Charakterzeichnungen angewiesen. Nebenrollen von Hochkarätern wie Bob Odenkirk (Better Call Saul), Alison Brie (Bojack Horseman, The Disaster Artist) und Bruce Greenwood wirken wie Schmuckstücke und sind einfach nur da. Nur Tom Hanks (Sully, Bridge of Spies) als sturer Editor zeigt echtes Charisma – auch wenn das vermutlich zu 50 Prozent seinem Toupet geschuldet ist.

Warum wird Spannung verschenkt?

Vor zwei Jahren hat Spotlight bewiesen, dass Journalismus-Thriller verdammt packend sein können. Der hitzige Film um die investigative Aufklärung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche hat zurecht den „Bester Film“-Oscar eingepackt. Nun ist auch Die Verlegerin unter den diesjährigen Oscar-Kandidaten. Dabei kann der Film nicht einmal ansatzweise die subtil-brodelnde Spannung erzeugen, die sein Pendant aus dem Jahr 2016 so einzigartig machte. Spielberg versucht es noch nichtmal – muss er ja auch nicht. Doch mit was soll der Film sonst überzeugen? Das Geschehen fühlt sich viel mehr an wie ein abgespeckter Scorsese-Streifen, der locker flockig seine Story erzählt, aber alle Details über Bord geworfen hat, um eine kurze Laufzeit anzupeilen.

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Die Einführung ist eine Kriegsszene im Vietnam, die souverän inszeniert aber total Fehl am Platz wirkt. Sie ist mehr ein Bonus-Schauwert, den Spielberg unbedingt in seinem Film haben wollte. Ist das notwendig? Die Spannung muss sich in Redaktionen und Gerichtssälen abspielen! Umso unverständlicher, warum der Kult-Regisseur potentiell spannende Szenarios schnell hinter sich bringt. Besonders im letzten Drittel übergeht er einige Schlüsselszenen, die der Handlung einen Höhepunkt hätten geben können. Stattdessen entschied man sich für einen genrelosen und semi-informierenden Film, der ein paar Stunden nach dem Kino wieder vergessen ist.

Meryl Streep, Tom Hanks und andere Männer in Anzug in einem Gericht in einem Szenenbild für Kritik Die Verlegerin

Man hätte aus 'Die Verlegerin' einen genialen Gerichts-Thriller machen können. Doch letztendlich ist der Film irgendwie nichts richtig.

Ist Spielberg über- oder unterfordert?

Eventuell braucht der "Regisseur der Regisseure" wirklich mehr Dramatik in seiner Vorlage, um einen starken Film zu drehen. Seine Bemühungen, das Geschehen mit typischen Spielberg-Klischees aufzuwerten sind ja offensichtlich. Doch er ist beim besten Willen kein Meister der subtilen Spannung. Ohne einen T-Rex im Rückspiegel oder eine Steinkugel im Nacken wird das nichts. Büros und Schreibmaschinen haben auch schon in Bridge of Spies nicht funktioniert. Vielleicht sollte Spielberg back-to-the-roots, oder sich wenigstens an ambitionierteren Themen versuchen. Im Gegensatz zu Martin Scorsese, verliert Spielberg nämlich langsam seinen Biss.

Oscar-Nominierungen für diesen Film
  • Oscar-Nominierung für 'Bester Film' (Steven Spielberg)
  • Oscar-Nominierung für 'Beste Schauspielerin' (Meryl Streep)

'Die Verlegerin' konnte bei den Oscars 2018 keinen Preis für sich gewinnen.

Hommage an die Pressefreiheit

Der Film hat seine Daseinsberechtigung, auch wenn er das ganz und gar dem politischen Kontext schuldet, in dem sich die USA gerade befindet. Trumps Geschrei über „Fake News“ und „Alternative Facts“ lässt sich kaum aus dem Bewusstsein drängen, wenn wir Nixons Bemühungen sehen, das Datenleck-Debakel mit seiner Staatsgewalt auszubaden. Spielberg verwendet hierfür ein interessantes Stilmittel: Wir sehen Nixon stets nur als Außenstehender durch ein Fenster, ein Hinterkopf im Oval-Office, der über das Telefon seine hitzigen Befehle abgibt. Durch diese Inszenierung wird dem mächtigsten Mann der Welt seine Macht genommen – er ist bloß ein Mensch, isoliert von der Bevölkerung, dessen Macht von der Fügsamkeit seiner Marionetten abhängig ist.

Fazit:

'Die Verlegerin' ist keine Oscar-Nominierung wert

Spielberg hat einen erstaunlich durchschnittlichen Film abgeliefert, der sich auf Meryl Streep und seiner politischen Relevanz ausruht, aber in keiner Weise den Zuschauer fesseln kann. Die Verlegerin hat keinen Auftakt und kein befriedigendes Finale, sondern erzählt die wahre Geschichte der Washington Post mit der Spannung eines Schulfilms. Da wirken selbst die Spielberg-typischen Klischees nichtmehr euphorisch. Im Gegensatz zu Spotlight ist dieser Film kein hitziger Journalismus-Thriller, sondern eine Geschichtsstunde, die komischerweise zum spannendsten Moment einfach abbricht. Bekommen wir etwa noch ein Watergate-Sequel? Das Ende fühlt sich tatsächlich an wie ein frecher Cliffhanger. Doch Spielberg sollte in Zukunft lieber die Finger von „kleinen“ Geschichten lassen und sich wieder opulenteren Filmen widmen. P.S.: Die Washington Post fand den Film übrigens super und vergibt Höchstpunktzahl. 

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