Kritik: The Disaster Artist

Die Legende des besten schlechtesten Films aller Zeiten
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • James Franco als Tommy Wiseau und Dave Franco als Greg Sestero in einem Kinosaal auf dem Titelbild für Kritik The Disaster Artist
  • The Room ist der größte Inside-Gag der Filmgeschichte. Das desaströse „Meisterwerk“ von Tommy Wiseau ist bereits 15 Jahre alt und besitzt mittlerweile eine beachtliche Fanbase. Nun erzählt 'The Disaster Artist' die Geschichte hinter dem schlechtesten Film aller Zeiten und weiht das große Publikum in die Faszination 'The Room' ein. Ob Regisseur James Franco den Katastrophen-Künstler ehrt oder sich einfach nur über ihn lustig macht, erfahrt ihr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s: Greg Sestero, Tommy Wiseaus bester Freund und Schauspieler in The Room, schrieb ein Buch über seine lustigen und grotesken Erfahrungen am Set – absolut passend…

    85%

    Stark

    Handlung - 85%
    Schauspieler - 90%
    Humor - 85%
    Emotionen - 80%
    Tiefgang - 85%

    'The Disaster Artist' erzählt die faszinierende Story in zu kurzen 104 Minuten. Dennoch hat James Franco genug Zeit um als Wiseau zu brillieren, den Film mit Herz und Humor zu füllen und eine wunderbare Aussage zu treffen.

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  • Erscheinungsdatum: 01.02.2018
    Filmlänge: 104 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , ,
    Bildrechte: © Warner Bros

Gesamtbewertung:

Stark
85%

The Room ist der größte Inside-Gag der Filmgeschichte. Das desaströse „Meisterwerk“ von Tommy Wiseau ist bereits 15 Jahre alt und besitzt mittlerweile eine beachtliche Fanbase. Nun erzählt 'The Disaster Artist' die Geschichte hinter dem schlechtesten Film aller Zeiten und weiht das große Publikum in die Faszination 'The Room' ein. Ob Regisseur James Franco den Katastrophen-Künstler ehrt oder sich einfach nur über ihn lustig macht, erfahrt ihr in der Kritik.

Darum geht’s:

Greg Sestero, Tommy Wiseaus bester Freund und Schauspieler in The Room, schrieb ein Buch über seine lustigen und grotesken Erfahrungen am Set – absolut passend taufte er es The Disaster Artist. James Franco war von Sesteros Werk so fasziniert, dass er sich sofort die Rechte für eine Verfilmung sicherte.

Der Film erzählt die Geschichte von Anfang an: Tommy (James Franco) und Greg (Dave Franco) sind zwei erfolglose Schauspieler mit einem großen Traum. Da Castings ihr schlummerndes Talent nicht erkennen wollen, machen sich die Beiden einfach selbstständig. Tommy sitzt nämlich auf einem Batzen Geld und ist bereit, in ein großes, eigenes Filmprojekt zu investieren. Dabei erklärt er sich selbst zum Produzent, Regisseur, Drehbuchschreiber und Hauptdarsteller. Was dabei herauskam, ist heute als The Room bekannt.

Die Filmcrew von The Room mit Co-Regisseur Sandy (Seth Rogen) und Greg Sestero (Dave Franco)

Der Filmcrew von 'The Room' dämmert es langsam: Tommy Wiseau hat nichts auf dem Kasten.

Nachäffer oder Charaktermime?

Das Paradox: Man muss ein guter Schauspieler sein, um einen schlechten Schauspieler zu imitieren. Tatsächlich schafft es James Franco, sich in einen perfekten Tommy-Doppelgänger zu verwandeln. Hier sitzt jede Aussprache, jede Mimik und jede Geste. Wer The Room nicht kennt, wird die Performance vermutlich als albernes Nachäffen empfinden, doch da Tommy Wiseau selbst seine eigene Karikatur ist, kann man Franco diesen Vorwurf kaum machen. Tommy-Imitiationen sind bereits ein beliebter Partytrick unter Filmkennern, doch James knechtet sie alle.

I did not hit her, it's not true, it's bullshit, i did not hit her! I did nawwht! Oh, hi Mark.

Tommy Wiseau als Johnny in 'The Room' / James Franco als Tommy in 'The Disaster Artist'

Eine Oscar-Nominierung war trotzdem nicht drin. Das ist auch verständlich, für einen Academy-Award fehlt hier die Tiefe und Subtilität. Das müsste auch echt komisch für Wiseau sein, zuzuschauen, wie James Franco einen Schauspiel-Oscar für die Imitation seines schlechten Schauspiels bekommt. Ironie vom feinsten.


Filme, die stattdessen für den Oscar nominiert wurden: 

Doch nicht nur Franco, sondern auch der restliche Cast hatte sichtlich Spaß dabei, die Charaktere aus The Room zu studieren und nachzuahmen. Dave Franco als Greg ist zwar nicht ganz so überzeugend wie sein großer Bruder in der Hauptrolle (Dave ist zu klein), bildet aber einen energiegeladenen und wunderbar funktionierenden Counterpart zu James lethargischer Performance. Die Chemie zwischen den Beiden ist das Herz des Films. Liegt es vielleicht einfach daran, dass James und Dave Brüder sind?

The Disaster Artist ist bis in die Nebenrollen stark besetzt. Seth Rogen als genervter Co-Regisseur Sandy ist zum Schreien komisch, besonders während seiner Fehden mit Tommy. Nur die Rolle von Alison Brie (Bojack Horseman) als Love-Interest von Greg wirkt etwas gezwungen und Fehl am Platz. Dafür gibt's einen kleinen Gastauftritt von Bob Odenkirk (Better Call Saul)!

So gut ist Franco als Regisseur

Nein, The Disaster Artist ist nicht James Francos Regiedebüt. Tatsächlich saß der Schauspieler schon öfter auf dem Klappstuhl. Dennoch dürfte sein neuester Film auch seine größte Herausforderung gewesen sein. Nicht nur musste er Regie und Hauptrolle gleichzeitig meistern (darüber würde Wiseau nur lachen), er musste auch mehrere Parteien gleichzeitig zufriedenstellen: Die The Room-Fans wollen Detailverliebtheit, das breite Publikum einen schlüssigen Film, und die Crew hinter The Room eine respektvolle Erzählung ihrer Geschichte. The Disaster Artist ist ein beinahe perfekter Kompromiss. Franco inszenierte den Film mit einer ungezwungenen Leichtigkeit und ansteckenden Euphorie, die alle bestens unterhalten sollte – egal in welcher Beziehung man zu The Room steht.

Dennoch gibt es einen unerwarteten Wermutstropfen: Der Film ist zu kurz. Mit knapp über 100 Minuten Laufzeit muss der Film sichtlich hetzen, um die Story von Anfang bis Ende zu erzählen. Viel Zeit für Tiefe bleibt nicht. Nach einem grandiosen Auftakt, wirkt der Film im Mittelteil hin und wieder wie eine Zusammenfassung der Ereignisse. 15 Minuten mehr wären tatsächlich besser gewesen. Besonders bei der Inszenierung der Dreharbeiten zu The Room hätte man noch einiges mehr an Potential ausschöpfen können.

Doch zum Glück nagelt Franco das Finale an die Wand. Lustig und traurig zu gleich, beschwört The Disaster Artist eine kathartische Schlussszene herauf, die schon beinahe an den Schlussakt des Meisterwerks Whiplash erinnert.

Tommy braucht nicht beleidigt sein

Tommy Wiseau (James Franco) vor einem Greenscreen auf dem Set von The Room in einem Szenenbild für Kritik The Disaster Artist

Tommy (James Franco) ist an seinem ersten Drehtag sehr nervös. Seine erste Line musste er 32 mal wiederholen, bis ihm Greg eine leere Plastikflasche in die Hand drückte, um ihn zu beruhigen. Es hat geklappt!

Die Faszination hinter The Room basiert natürlich zum Teil auf Schadenfreude. Der missratene Versuch einer Truppe von Schauspielern, einen anspruchsvollen Independent-Film zu drehen, endete in unzähligen Internet-Memes und Running-Gags, über die man sich herzlich amüsieren kann. Das ist natürlich unangenehm für Tommy, aber umso schlimmer für „Mittäter“ Greg Sestero, der mit seinem Buch The Disaster Artist die Vergangenheit verarbeitete und aus The Room viel mehr machte, als einen Witz. Es ist eine Geschichte gescheiterter Träume.

Zum Glück hat James Franco die Message verstanden. Statt sich über die Personen hinter The Room lustig zu machen, erklärt er einfühlsam und nachvollziehbar, wie der schlechteste Film aller Zeiten überhaupt zu Stande kommen konnte. Urkomisch ist das trotzdem, doch zu keiner Zeit werden die Charaktere als Idioten oder Versager dargestellt. Stattdessen war der Dreh von The Room schon beinahe so etwas wie eine Naturkatastrophe, die niemand wollte und keiner kommen sehen konnte – und dennoch war am Ende jeder betroffen.

Tommy Wiseau, der komische Kauz, von dem man bis heute nicht weiß wie alt er ist, woher er kommt und wie er The Room finanzieren konnte, wird mit The Disaster Artist geehrt. Zwar wird er als Charakter mit Schwächen dargestellt, doch gleichzeitig als Inspirationsfigur gepusht, sich von nichts und niemand kleinkriegen zu lassen und seine Träume zu verfolgen. Kein Wunder also, dass Tommy The Disaster Artist „zu 99 Prozent“ gefällt.

Sollte man The Room davor anschauen?

Man muss Tommy Wiseaus Meisterwerk nicht gesehen haben, um The Disaster Artist zu verstehen. Aber es wird mit Sicherheit dabei helfen, die vielen Insider wahrzunehmen. Außerdem dürfte es gerade für Kenner von The Room interessant sein, die Entstehungsgeschichte dieses surreal miesen Films erzählt zu bekommen. Wer sich einen kompletten Durchlauf von The Room trotzdem nicht zutraut, kann sich auf YouTube die vielen Best Ofs und Kritiken ansehen. Das dürfte als Vorbereitung reichen!

Fazit:

'The Disaster Artist' macht glücklich und hat eine starke Aussage

James Franco hat sein Herzensprojekt souverän umgesetzt. The Disaster Artist ist ein Feel-Good-Film, der neben seinen urkomischen Einschlägen auch einige emotionale Seitenhiebe austeilt. Tommy Wiseau und Co. werden nicht diffamiert und ausgelacht – stattdessen erzählt Franco eine faszinierende Geschichte vom Träumen und Scheitern, die mit einem kleinen Lichtblick endet. The Disaster Artist schöpft nicht sein volles Potential aus, da gerade der Mittelteil zu kurz und gehetzt wirkt, doch insgesamt wird jede Gruppe von Zuschauern zufrieden aus dem Kino gehen. Egal, ob ihr The Room mitsprechen könnt, das Phänomen erst kennenlernen wollt, oder Tommy Wiseau seid. Anyway, how is your sex life?

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