Kritik: Nobody

Better Call an Ambulance
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Titelbild für Kritik Nobody mit Bob Odenkirk für 4001Reviews
  • Wir kennen Bob Odenkirk als quirligen Winkeladvokaten aus 'Breaking Bad'. Doch wie es aussieht, wenn Saul Goodman plötzlich mit Fäusten statt mit Worten kämpft, zeigt uns der kompromisslose, filmgewordene Arschtritt namens 'Nobody'. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht’s Hutch (Bob Odenkirk, Better Call Saul, Fargo) ist ein ganz normaler, alltagsfrustrierter, amerikanischer Dad – gefangen im Hamsterrad, keine Aussicht auf Entkommen. Als zwei amateurhafte Einbrecher den Frieden seines Einfamilienhauses stören, verpasst Hutch die einmalige Chance, seine Männlichkeit zu beweisen und den beiden Eindringlingen so richtig aufs Maul zu geben. Eine Entscheidung, die er bitter bereut und so schnell wie möglich rückgängig machen will. Die Perversion der Selbstjustiz Was Nobody als „männlich“ erachtet, wird von den Charakteren ohne Zweideutigkeit auf den Punkt gebracht: „Du musst deine Familie verteidigen.“ Ohne Wenn und Aber, und wenn du Gewalt anwenden musst, dann aber so richtig. Nutze das amerikanische Gesetz der Notwehr aus und biege es so weit zur Selbstjustiz, bis Mord und Totschlag zum Kavaliersdelikt werden, denn spätestens seit Breaking Bad oder Der Pate oder der Gründung der Vereinigten Staaten ist das moralisch kein Problem. Nobody ist das mittlerweile archetypische Märchen eines Racheengels, das wir bereits kennen aus Filmen wie John Wick, The Punisher, Mandy, 96 Hours, The Equalizer, Kill Bill, etc. etc. Bis auf einen unerwarteten Schlenker im ersten Drittel des Films gibt es auch keine weiteren Überraschungen. Doch braucht es die überhaupt? Eier, wir brauchen Eier Nobody ist eine Achterbahnfahrt, die nicht nur Adrenalin, sondern auch Testosteron freisetzt. Sobald Bob Odenkirk sein „Stank Face“ aufsetzt und sich in Total-Aufnahmen einer Gruppe Straßengangster gegenüberstellt, läuft der Film ungedrosselt gegen Wände, mit Anlauf, ohne Helm, Nase und Knöchel blutend, mit Vollgas einfach gerade drauf zu. Denn in Nobody bedeutet Männlichkeit einen Hang zur Selbstzerstörung zu haben. Erst, nachdem Hutch ein Dutzend Gangster getötet und das eigene Haus in Brand gesteckt hat, funktioniert es wieder im Bett. Die Leidenschaft der Liebe, egal ob für Frau oder Kinder, setzt eine Auslebung des inneren Biestes voraus, ansonsten würde der „Mann“ vor lauter Müll-Raustragerei noch eingehen wie eine vertrocknete Zimmerpflanze. Im Laufe des Filmes wird diese fragwürdige Moral niemals diskutiert, schon gar nicht revidiert. Während ähnliche Filme wie John Wick oder The Equalizer mit diesem Thema etwas sensibler umgehen, die tragischen Konsequenzen des dunklen Alter-Egos skizzieren, wird in Nobody von Anfang bis Ende die Brutalität abgefeiert und mit tosendem Applaus beklatscht. Aber – warum auch nicht? Der Film hat nicht den Anspruch, moralisch zu sein, wie kann man ihm also eine moralische Aussage vorhalten, die quasi nicht existiert. Dabei geht es mehr um das gewisse „Extra“, die versteckte Seele eines scheinbar gefühlslosen Actionfilms, die man hier vermisst, und die andere vergleichbare Filme Nobody voraushaben. Ich bin direkt: Nobody ist einfach ein baumstumpfer Actionfilm. Und wenn es kracht, dann richtig. Werbung Bob in Action Noch nie haben wir Bob Odenkirk als Lead eines Actionfilms gesehen. Das erste Fazit? Passt! Wer hätte gedacht, was ein Dreitagebart an Unterschied machen kann. Odenkirk überzeugt voll und ganz als blutrünstiger Racheengel, die ikonische Figur Saul Goodman scheint zu keiner Zeit durch. Noch beeindruckender ist die Inszenierung der Kampfszenen, die mehr Bums haben als die Fights aus 96 Hours oder The Equalizer, aber weniger gestylt wirken als jene aus der John Wick-Reihe, sondern gutbürgerlich und deftig, so wie das Schnitzel mit Pommes aus dem Wirtshaus drei Straßen weiter. Es wird geschossen und geschlagen, getreten und geboxt, mit Gebrauchsgegenständen geworfen und gemordet, der Toaster zur Hiebwaffe umfunktioniert, die Griffstange eines Linienbusses als Katana gebraucht, und alles wird untermalt mit meist jazzigen Balladen, wie zum Beispiel What a Wonderful World von Louis Armstrong, um einen selbstironischen Unterton zu schaffen. Letzteres wird wohl zu viel des guten verwendet und die Selbstironie wird ein wenig zur Selbstbeweihräucherung der Coolness des Films. Doch darüber hinaus wurde keine einzige Requisite umsonst zerschlagen. Die Action macht einfach Bock. Wo ist die Gefahr? Unterhaltsam ist der Film. Doch spannend ist er leider nicht. Das liegt vor allem an der suggerierten Überlegenheit, die Bob Odenkirks Charakter gegenüber allen anderen Personen hat. Er kämpft sich durch die Schlachtfelder wie ein Jedi durch einen Haufen Sturmtruppen. Zwar gibt es hin und wieder eine Wunde zu flicken, doch niemals verliert Hutch die Oberhand – er hat jede Situation voll im Griff. So ein Vollprofi ist nicht einmal John Wick. Voll definiert, kein Gramm zu viel So viel Spaß der Film auch macht, so schnell ist er auch wieder vorbei. 92 Minuten. Der Begriff „kurzweilig“ trifft es nicht ganz, denn sobald die Endcredits zu rollen beginnen, erschleicht einen das Gefühl, es wurde mehr versprochen. Und wieder sind wir beim Hauptproblem von Nobody: Der Film ist nichts abseits seiner Action und seinem Lead. Keine Moral wartet am Ende gesprochen zu werden, kein Twist beleuchtet das Geschehen von einer anderen Seite – und so abgedroschen sich diese Zutaten auch anhören mögen, so sehr fallen sie auf, wenn sie nicht da sind. Nobody ist wie sein Name, ein leeres, beinahe nihilistisches Stück Unterhaltung – gute Unterhaltung. Fazit: 'Nobody' is not perfect Für einen kurzweiligen Film- oder Kinoabend mit den besten Kumpels gebe ich Nobody die uneingeschränkte Empfehlung. Dennoch hätte dem Film mehr Ambition gutgestanden. Abseits der grandiosen Action-Szenen und den selbstironischen Momenten bietet er selbst für einen unkomplizierten Actionfilm nicht viel. Daher wird er leider weniger lange in Erinnerung bleiben, als er es aus technischer Sicht eigentlich verdient hätte.
    Kritik: Nobody
    Handlung
    40%
    Action
    85%
    Spannung
    65%
    Schauspiel
    75%
    Visuelle Umsetzung
    80%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 01.07.2021
    Filmlänge: 92 Minuten
    FSK: 16
    Genre: , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: Universal Pictures International
  • YouTube

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Gesamtbewertung:

Ganz Okay
69%

Wir kennen Bob Odenkirk als quirligen Winkeladvokaten aus 'Breaking Bad'. Doch wie es aussieht, wenn Saul Goodman plötzlich mit Fäusten statt mit Worten kämpft, zeigt uns der kompromisslose, filmgewordene Arschtritt namens 'Nobody'.

Darum geht’s

Hutch (Bob Odenkirk, Better Call Saul, Fargo) ist ein ganz normaler, alltagsfrustrierter, amerikanischer Dad – gefangen im Hamsterrad, keine Aussicht auf Entkommen. Als zwei amateurhafte Einbrecher den Frieden seines Einfamilienhauses stören, verpasst Hutch die einmalige Chance, seine Männlichkeit zu beweisen und den beiden Eindringlingen so richtig aufs Maul zu geben. Eine Entscheidung, die er bitter bereut und so schnell wie möglich rückgängig machen will.

Die Perversion der Selbstjustiz

Was Nobody als „männlich“ erachtet, wird von den Charakteren ohne Zweideutigkeit auf den Punkt gebracht: „Du musst deine Familie verteidigen.“ Ohne Wenn und Aber, und wenn du Gewalt anwenden musst, dann aber so richtig. Nutze das amerikanische Gesetz der Notwehr aus und biege es so weit zur Selbstjustiz, bis Mord und Totschlag zum Kavaliersdelikt werden, denn spätestens seit Breaking Bad oder Der Pate oder der Gründung der Vereinigten Staaten ist das moralisch kein Problem.

Nobody ist das mittlerweile archetypische Märchen eines Racheengels, das wir bereits kennen aus Filmen wie John Wick, The Punisher, Mandy, 96 Hours, The Equalizer, Kill Bill, etc. etc.

Bis auf einen unerwarteten Schlenker im ersten Drittel des Films gibt es auch keine weiteren Überraschungen.

Doch braucht es die überhaupt?

Eier, wir brauchen Eier

Nobody ist eine Achterbahnfahrt, die nicht nur Adrenalin, sondern auch Testosteron freisetzt. Sobald Bob Odenkirk sein „Stank Face“ aufsetzt und sich in Total-Aufnahmen einer Gruppe Straßengangster gegenüberstellt, läuft der Film ungedrosselt gegen Wände, mit Anlauf, ohne Helm, Nase und Knöchel blutend, mit Vollgas einfach gerade drauf zu.

Bob Odenkirk in einem Szenenbild aus Nobody

Keine Gnade, keine Regeln. Bob Odenkirk als Hutch rechnet ab.

Denn in Nobody bedeutet Männlichkeit einen Hang zur Selbstzerstörung zu haben. Erst, nachdem Hutch ein Dutzend Gangster getötet und das eigene Haus in Brand gesteckt hat, funktioniert es wieder im Bett. Die Leidenschaft der Liebe, egal ob für Frau oder Kinder, setzt eine Auslebung des inneren Biestes voraus, ansonsten würde der „Mann“ vor lauter Müll-Raustragerei noch eingehen wie eine vertrocknete Zimmerpflanze.

Im Laufe des Filmes wird diese fragwürdige Moral niemals diskutiert, schon gar nicht revidiert. Während ähnliche Filme wie John Wick oder The Equalizer mit diesem Thema etwas sensibler umgehen, die tragischen Konsequenzen des dunklen Alter-Egos skizzieren, wird in Nobody von Anfang bis Ende die Brutalität abgefeiert und mit tosendem Applaus beklatscht.

Aber – warum auch nicht? Der Film hat nicht den Anspruch, moralisch zu sein, wie kann man ihm also eine moralische Aussage vorhalten, die quasi nicht existiert. Dabei geht es mehr um das gewisse „Extra“, die versteckte Seele eines scheinbar gefühlslosen Actionfilms, die man hier vermisst, und die andere vergleichbare Filme Nobody voraushaben.

Ich bin direkt: Nobody ist einfach ein baumstumpfer Actionfilm. Und wenn es kracht, dann richtig.

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Bob in Action

Noch nie haben wir Bob Odenkirk als Lead eines Actionfilms gesehen. Das erste Fazit? Passt! Wer hätte gedacht, was ein Dreitagebart an Unterschied machen kann. Odenkirk überzeugt voll und ganz als blutrünstiger Racheengel, die ikonische Figur Saul Goodman scheint zu keiner Zeit durch.

Bob Odenkirk in einem Szenenbild aus Nobody in einer Kritik für 4001Reviews

Der neue John McClane?

Noch beeindruckender ist die Inszenierung der Kampfszenen, die mehr Bums haben als die Fights aus 96 Hours oder The Equalizer, aber weniger gestylt wirken als jene aus der John Wick-Reihe, sondern gutbürgerlich und deftig, so wie das Schnitzel mit Pommes aus dem Wirtshaus drei Straßen weiter.

Es wird geschossen und geschlagen, getreten und geboxt, mit Gebrauchsgegenständen geworfen und gemordet, der Toaster zur Hiebwaffe umfunktioniert, die Griffstange eines Linienbusses als Katana gebraucht, und alles wird untermalt mit meist jazzigen Balladen, wie zum Beispiel What a Wonderful World von Louis Armstrong, um einen selbstironischen Unterton zu schaffen.

Letzteres wird wohl zu viel des guten verwendet und die Selbstironie wird ein wenig zur Selbstbeweihräucherung der Coolness des Films. Doch darüber hinaus wurde keine einzige Requisite umsonst zerschlagen. Die Action macht einfach Bock.

Wo ist die Gefahr?

Unterhaltsam ist der Film. Doch spannend ist er leider nicht. Das liegt vor allem an der suggerierten Überlegenheit, die Bob Odenkirks Charakter gegenüber allen anderen Personen hat. Er kämpft sich durch die Schlachtfelder wie ein Jedi durch einen Haufen Sturmtruppen. Zwar gibt es hin und wieder eine Wunde zu flicken, doch niemals verliert Hutch die Oberhand – er hat jede Situation voll im Griff. So ein Vollprofi ist nicht einmal John Wick.

Voll definiert, kein Gramm zu viel

So viel Spaß der Film auch macht, so schnell ist er auch wieder vorbei. 92 Minuten. Der Begriff „kurzweilig“ trifft es nicht ganz, denn sobald die Endcredits zu rollen beginnen, erschleicht einen das Gefühl, es wurde mehr versprochen.

Und wieder sind wir beim Hauptproblem von Nobody: Der Film ist nichts abseits seiner Action und seinem Lead. Keine Moral wartet am Ende gesprochen zu werden, kein Twist beleuchtet das Geschehen von einer anderen Seite – und so abgedroschen sich diese Zutaten auch anhören mögen, so sehr fallen sie auf, wenn sie nicht da sind. Nobody ist wie sein Name, ein leeres, beinahe nihilistisches Stück Unterhaltung – gute Unterhaltung.

Fazit:

'Nobody' is not perfect

Für einen kurzweiligen Film- oder Kinoabend mit den besten Kumpels gebe ich Nobody die uneingeschränkte Empfehlung. Dennoch hätte dem Film mehr Ambition gutgestanden. Abseits der grandiosen Action-Szenen und den selbstironischen Momenten bietet er selbst für einen unkomplizierten Actionfilm nicht viel. Daher wird er leider weniger lange in Erinnerung bleiben, als er es aus technischer Sicht eigentlich verdient hätte.

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