Kritik: Fast & Furious 9

The Fast and the fast Vergessen
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Autos, die Kung-Fu können, Vin Diesel als denkender Mensch, Charlize Theron als mittelmäßige Schurkin in roten Lederhosen – der neueste Eintrag in der "Fast & Furious"-Reihe hat einiges zu bieten, was eigentlich gar nicht existieren dürfte. Wie dieses Mal die Gesetze der Physik und des Geschichtenerzählens ausgehebelt werden und ob sich das ganze zum zehnten Mal lohnt, erfährst du in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum gehts? In der friedlichen Einöde haben sich Dom Toretto (Vin Diesel) und Letty Ortiz (Michelle Rodríguez) zurückgezogen und genießen ihren frühen Ruhestand nach der letzten Auseinandersetzung mit Cyberterroristin Cipher (Charlize Theron). Sie kümmern sich um das Landleben, das im F&F-Universum natürlich hauptsächlich aus Ölwechseln besteht, und erziehen ihren Sohn. Doch in die Idylle bricht die alte Crew, bestehend aus Roman Pearce (Tyrese Gibson), Tej Parker (Ludacris) und Ramsey (Nathalie Emmanuel) hinein und zieht die beiden zurück in ihr altes Leben. Denn es gibt eine mysteriöse Nachricht von Mr. Nobody (Kurt Russell): Doms Bruder Jakob (John Cena) ist aufgetaucht und verursacht Ärger. Und die einzige Möglichkeit, ihn zu stoppen, ist natürlich, dass Vin Diesel wieder Auto fährt. Werbung Viele Köche Es ist derzeit der erklärte Plan, die Fast-and-Furious-Reihe mit dem elften Film (den Ableger Hobbs & Shaw nicht mitzählend) zu einem Abschluss zu bringen. Evtl. tauchen deshalb hier schon diverse Charaktere aus früheren Filmen auf wie “Queenie” Shaw (Helen Mirren) aus Fast & Furious 8 und Fast & Furious: Hobbs & Shaw oder Han Lue (Sung Kang) aus den Teilen vier bis sechs. Für die ganz eingefleischten Anhänger dürften solche Momente, bei denen alle Charaktere in eine Richtung an der Kamera vorbei schauen und dann – Schnitt – in Untersicht ein doch ach so bekannter Charakter wieder auftritt, sicher bedeutend sein. Wer aber, so wie ich, die Autofilme mit sehr weit heruntergefahrenem Verstand schaut, vor allem von Action berieselt werden möchte und nicht den gesamten F&F-Figurenkatalog geistig abrufen kann, dürfte den Film hindurch sehr verwirrt finden. Ständig stellt sich die Frage: Ach, wer war das jetzt nochmal? Das zwischendrin dann auch noch Figuren wie Leysa Mirtha (Cardi B) als Anführerin einer weiblichen Bande und alte Bekannte von Dom Toretto vorgestellt wird, aber bisher noch nie vorgekommen ist, hilft da nicht. Die Minute Exposition, die Cardi und Vin sich an die Köpfe plappern, verwirrt mindestens doppelt so sehr, wie sie Klarheit zu schaffen versucht. Komplizierter Zufall Das Figurengewusel setzt sich leider auch auf der Handlungsebene fort, auf der alles einfach zu verworren und damit verwirrend ist, um den Film über zweieinhalb Stunden (!?) zu tragen. Bzw. ist auf der anderen Seite zu vieles vollkommen willkürlich. Michelle Rodriguez und Jordana Brewster sind in einer Szene etwa in Tokyo (der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt!), um … irgendwas zu machen, als sie zufällig beim Essen einer Nudelsuppe an irgendeinem Straßenimbiss eine mexikanische Flagge in irgendeinem Fenster bemerken, die natürlich zu Sung Kang führt, der immer gesagt hatte, dass Tokyo sein Mexiko sei – bitte was? Es wirkt da noch irgendwie ganz angenehm, dass der Film sein Figurennetzwerk selbst in etwa so ernst nimmt wie eine Shakespeare-Tragödie. Das vollkommen übertriebene Gehabe um “den Toretto-Namen” und die Ehrfurcht, mit der da ein Autofahrerdynastienmythos gestrickt wirkt, wirken (unfreiwillig?) komisch und sind eigentlich angenehm und entspannend witzig. Da kann man das ganze “Familie über alles”-Gekitsche und den schlimmen Christen-Pathos fast vergessen. Unverwüstbar? Normalerweise lohnte sich ein neuer Fast & Furious immer vor allem deshalb, weil die Macher es vorzüglich verstanden, explosive Action, die längst nicht mehr aus der realen, sondern der Welt der Fantastik stammte, so zu inszenieren, dass einen die schwache Handlung nicht stört. Das ist hier leider nicht mehr so ganz der Fall. Die Action ist nach wie vor herrlich absurd, aber reißt nicht mehr ganz so vom Hocker wie in früheren Filmen. Das selbstreferenzielle Gewitzel über die Verwundbarkeit der Figuren zeigt ebenfalls an, dass da ein Sättigungspunkt überschritten ist. Bisher war es Teil der Unterhaltung, dass F&F solche Action-Konventionen wie etwa die unverletzliche Hauptfigur, die ohne eine einzige Schramme aus einem Kugelhagel hervorgeht, nicht nur aufnimmt, sondern an die absoluten Grenzen und darüber hinaus treibt. Was an den Filmen reizt, ist gerade, dass sie ein gigantomanisches Matchboxautospiel über Vulkankratern, zu Wasser, zu Lande und in der Luft sind, bei dem keine physikalischen Gesetze die kindliche Fantasie einengen, sondern alles möglich ist und die Heldinnen am Ende in epischem Schein aus den Staubwolken steigen und als Sieger hervorgehen. Die Stärke der Filme war nie die Handlung, die Spannung der Intrigen und Wendungen. Da war es dann auch eigentlich nie besonders störend, sondern im Gegenteil ziemlich passend, dass die Filme auf den Schultern von absoluten Kindsköpfen lasten, die so infantil sind, sich vertraglich zusichern zu lassen, dass sie keinen Kampf verlieren. Fazit: Den Hai übersprungen Hier lässt sich wunderbar die englische Redewendung “having jumped the shark” anwenden, die ausdrückt, dass etwas verbraucht ist und nicht mehr an seine frühere Größe heranreicht. Das trifft es sehr gut. Fast & Furious scheint etwas überlebt. Das Franchise hängt zu sehr an der eigenen Größe zu hängen, statt sich einfach auf simple, absurde Action zu konzentrieren. Zu viele Charaktere, zu viel Selbstreferenz und zu viel uninteressante Handlung. Kann man sich anschauen, sofern man die Bereitschaft mitbringt, entweder noch weniger nachzudenken als sonst oder viel, viel mehr.
    Kritik: Fast & Furious 9
    Handlung
    35%
    Action
    65%
    Emotionen
    55%
    Spannung
    45%
    Charaktere
    45%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 15.07.2021
    Filmlänge: 143 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , , , , , , , ,
    Bildrechte: Universal Pictures
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Gesamtbewertung:

Schwach
49%

Autos, die Kung-Fu können, Vin Diesel als denkender Mensch, Charlize Theron als mittelmäßige Schurkin in roten Lederhosen – der neueste Eintrag in der "Fast & Furious"-Reihe hat einiges zu bieten, was eigentlich gar nicht existieren dürfte. Wie dieses Mal die Gesetze der Physik und des Geschichtenerzählens ausgehebelt werden und ob sich das ganze zum zehnten Mal lohnt, erfährst du in der Kritik.

Worum gehts?

In der friedlichen Einöde haben sich Dom Toretto (Vin Diesel) und Letty Ortiz (Michelle Rodríguez) zurückgezogen und genießen ihren frühen Ruhestand nach der letzten Auseinandersetzung mit Cyberterroristin Cipher (Charlize Theron). Sie kümmern sich um das Landleben, das im F&F-Universum natürlich hauptsächlich aus Ölwechseln besteht, und erziehen ihren Sohn. Doch in die Idylle bricht die alte Crew, bestehend aus Roman Pearce (Tyrese Gibson), Tej Parker (Ludacris) und Ramsey (Nathalie Emmanuel) hinein und zieht die beiden zurück in ihr altes Leben. Denn es gibt eine mysteriöse Nachricht von Mr. Nobody (Kurt Russell): Doms Bruder Jakob (John Cena) ist aufgetaucht und verursacht Ärger. Und die einzige Möglichkeit, ihn zu stoppen, ist natürlich, dass Vin Diesel wieder Auto fährt.

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Viele Köche

Es ist derzeit der erklärte Plan, die Fast-and-Furious-Reihe mit dem elften Film (den Ableger Hobbs & Shaw nicht mitzählend) zu einem Abschluss zu bringen. Evtl. tauchen deshalb hier schon diverse Charaktere aus früheren Filmen auf wie “Queenie” Shaw (Helen Mirren) aus Fast & Furious 8 und Fast & Furious: Hobbs & Shaw oder Han Lue (Sung Kang) aus den Teilen vier bis sechs. Für die ganz eingefleischten Anhänger dürften solche Momente, bei denen alle Charaktere in eine Richtung an der Kamera vorbei schauen und dann – Schnitt – in Untersicht ein doch ach so bekannter Charakter wieder auftritt, sicher bedeutend sein.

Vin Diesel als Dominic "Dom" Toretto und Michelle Rodríguez als Leticia "Letty" Ortiz in Fast & Furious 9

In der ersten Szene liefert "Fast & Furious 9" eine herrlich absurde Version abgeschiedenen Landlebens.

Wer aber, so wie ich, die Autofilme mit sehr weit heruntergefahrenem Verstand schaut, vor allem von Action berieselt werden möchte und nicht den gesamten F&F-Figurenkatalog geistig abrufen kann, dürfte den Film hindurch sehr verwirrt finden. Ständig stellt sich die Frage: Ach, wer war das jetzt nochmal? Das zwischendrin dann auch noch Figuren wie Leysa Mirtha (Cardi B) als Anführerin einer weiblichen Bande und alte Bekannte von Dom Toretto vorgestellt wird, aber bisher noch nie vorgekommen ist, hilft da nicht. Die Minute Exposition, die Cardi und Vin sich an die Köpfe plappern, verwirrt mindestens doppelt so sehr, wie sie Klarheit zu schaffen versucht.

Komplizierter Zufall

Das Figurengewusel setzt sich leider auch auf der Handlungsebene fort, auf der alles einfach zu verworren und damit verwirrend ist, um den Film über zweieinhalb Stunden (!?) zu tragen. Bzw. ist auf der anderen Seite zu vieles vollkommen willkürlich. Michelle Rodriguez und Jordana Brewster sind in einer Szene etwa in Tokyo (der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt!), um … irgendwas zu machen, als sie zufällig beim Essen einer Nudelsuppe an irgendeinem Straßenimbiss eine mexikanische Flagge in irgendeinem Fenster bemerken, die natürlich zu Sung Kang führt, der immer gesagt hatte, dass Tokyo sein Mexiko sei – bitte was?

John Cena als Jakob Toretto und Charlize Theron als Cipher in Fast & Furious 9

Ein besonders vergesslicher Handlungsstrang ist der Konflikt zwischen John Cena und Charlize Theron.

Es wirkt da noch irgendwie ganz angenehm, dass der Film sein Figurennetzwerk selbst in etwa so ernst nimmt wie eine Shakespeare-Tragödie. Das vollkommen übertriebene Gehabe um “den Toretto-Namen” und die Ehrfurcht, mit der da ein Autofahrerdynastienmythos gestrickt wirkt, wirken (unfreiwillig?) komisch und sind eigentlich angenehm und entspannend witzig. Da kann man das ganze “Familie über alles”-Gekitsche und den schlimmen Christen-Pathos fast vergessen.

Unverwüstbar?

Normalerweise lohnte sich ein neuer Fast & Furious immer vor allem deshalb, weil die Macher es vorzüglich verstanden, explosive Action, die längst nicht mehr aus der realen, sondern der Welt der Fantastik stammte, so zu inszenieren, dass einen die schwache Handlung nicht stört. Das ist hier leider nicht mehr so ganz der Fall. Die Action ist nach wie vor herrlich absurd, aber reißt nicht mehr ganz so vom Hocker wie in früheren Filmen.

Krachende Action und Verfolgungsjagden in Fast & Furious 9

Diejenigen Actionszenen, die auf bewährte Weise Logik und Naturgesetze hinter sich lassen, machen dann auch tatsächlich Spaß.

Das selbstreferenzielle Gewitzel über die Verwundbarkeit der Figuren zeigt ebenfalls an, dass da ein Sättigungspunkt überschritten ist. Bisher war es Teil der Unterhaltung, dass F&F solche Action-Konventionen wie etwa die unverletzliche Hauptfigur, die ohne eine einzige Schramme aus einem Kugelhagel hervorgeht, nicht nur aufnimmt, sondern an die absoluten Grenzen und darüber hinaus treibt. Was an den Filmen reizt, ist gerade, dass sie ein gigantomanisches Matchboxautospiel über Vulkankratern, zu Wasser, zu Lande und in der Luft sind, bei dem keine physikalischen Gesetze die kindliche Fantasie einengen, sondern alles möglich ist und die Heldinnen am Ende in epischem Schein aus den Staubwolken steigen und als Sieger hervorgehen. Die Stärke der Filme war nie die Handlung, die Spannung der Intrigen und Wendungen.

Da war es dann auch eigentlich nie besonders störend, sondern im Gegenteil ziemlich passend, dass die Filme auf den Schultern von absoluten Kindsköpfen lasten, die so infantil sind, sich vertraglich zusichern zu lassen, dass sie keinen Kampf verlieren.

Fazit:

Den Hai übersprungen

Hier lässt sich wunderbar die englische Redewendung “having jumped the shark” anwenden, die ausdrückt, dass etwas verbraucht ist und nicht mehr an seine frühere Größe heranreicht. Das trifft es sehr gut. Fast & Furious scheint etwas überlebt. Das Franchise hängt zu sehr an der eigenen Größe zu hängen, statt sich einfach auf simple, absurde Action zu konzentrieren. Zu viele Charaktere, zu viel Selbstreferenz und zu viel uninteressante Handlung. Kann man sich anschauen, sofern man die Bereitschaft mitbringt, entweder noch weniger nachzudenken als sonst oder viel, viel mehr.

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