Kritik: West Side Story

Tänzerischer Kampf der Klassen
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Es ist das Musikfilm-Ereignis des Jahres: Regielegende Steven Spielberg bringt die revolutionäre 'West Side Story' zurück auf die große Leinwand. Braucht das berühmte Musical ein Remake oder gewinnt das Original auch heute noch jeden Dance-Fight mit Leichtigkeit? Wenig Zeit? Zum Fazit! Werbung Darum geht's New York der 50er Jahre: die Slum-ähnlichen Stadtteile des Big Apples sind von Armut und Kriminalität befallen. Zusätzlich zur ohnehin angespannte Stimmung spitzen sich ethnische Konflikte zwischen gebürtigen und eingewanderten US-Amerikaner:innen immer weiter zu. Besonders in einem Viertel der Upper West Side von Manhattan droht diese Spannung zu eskalieren, als die in New-York geborene Gang der Jets auf die puerto-ricanische Gang der Sharks trifft. Aus anfänglichen Meinungsverschiedenheiten über Reviergrenzen und Rangordnungen entwickelt sich eine wachsende Zwietracht, die dunkle Schatten über die Zukunft beider Gangs wirft.  Inmitten dieser Schatten lernen sich Tony (Ansel Elgort) und Maria (Rachel Zegler) kennen und verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Eine Liebe, der leider ein großes Hindernis im Weg steht: Tony ist der langjährige Kindheitsfreund des Jet-Anführers Riff (Mike Faist) und Maria die Schwester des Shark-Anführers Bernardo (David Alvarez). Während beide verzweifelt versuchen zwischen den rivalisierenden Gangs zu vermitteln, bereiten sich die Jets und die Sharks auf einen letzten, entscheidenden Kampf um die Straßen New Yorks vor.  Der ist doch noch gut! Vor ziemlich genau 60 Jahren trat die Originalverfilmung von West Side Story in der Filmwelt wie auch unter den Musical-Liebhaber:innen eine Welle der Begeisterung los. Nur wenigen Musical Verfilmungen gelang es vorher den Geist einer spektakulären Bühneninszenierung so elegant mit der Magie des Kinos zu verheiraten, wie West Side Story es 1961 tat. Weite Einstellungen, elektrisierende Tanzchoreografien und bezaubernde Bilder – der Originalfilm bewies, dass Bühne und Leinwand nicht unter sich bleiben müssen. Wie im Hause-Hollywood üblich, folgt auf einen derartigen Erfolg früher oder später eine Form der Fortsetzung oder Neuinterpretation, und wie so oft begegnen viele Fans dieser Idee vorerst mit Skepsis. Warum braucht es Remakes, wenn die Originale immer noch großartig sind?  Alles neu? Steven Spielberg ist sich dem dünnen Eis, auf dem seine Neuinterpretation aufbaut, bewusst und gibt alles, um die argwöhnischen Nostalgiker:innen schon mit der ersten Sekunde seines Filmes abzuholen. Wenn das ikonische Pfeifen durch die leergefegten Gassen der West Side hallt und die Jets in fließenden Tanzbewegungen ihr Revier durchstreifen, atmet der Film direkt den Geist des Originals. Spielberg macht gleich deutlich, dass seine Version kein radikales “Alles muss neu-Remake” im Stil von Ghostbusters (2016) sein will. Ganz im Gegenteil: West Side Story im Jahr 2021 tanzt nach demselben Grundschritt, den das Original 1961 vormachte.  Dementsprechend baut die Handlung auf der altbewährten Romeo und Julia-Basis auf, die wir von West Side Story kennen. Der verbitterte Kampf der Jets gegen die Sharks, und die Liebesgeschichte, die zwischen die Fronten gerät: Wer nach fundamentalen Veränderungen der Grundformel sucht, wird hier enttäuscht werden. Spielberg behält den Grundstein der Geschichte, baut subtile Anpassungen ein und fokussiert sich darauf diese in die Gegenwart zu bringen.  Tanz der Bilder Die große Veränderung, die jedoch direkt ins Auge springt, ist die atemberaubende Inszenierung. Schon durch die Trailer zeichnete West Side Story das Bild eines visuellen Spektakels voller Energie, Tanz und Dynamik. Eine Erwartungshaltung, die der fertige Film nochmal um ein Vielfaches übersteigt. Von verspielten Choreografien im kleinen Rahmen (Gee, Officer Krupke) bis Momenten der gigantischen Musical-Magie (America, Tanz in der Sporthalle) – West Side Story sieht sowohl in den musikalischen als auch in den herkömmlichen Szenen brillant aus.  Die Kameraarbeit erweckt dabei schon beinahe die Illusion einer eigenen Choreografie. So nimmt sie sich oft zurück und stellt die hinreißenden Tanzeinlagen ins Rampenlicht, nur um genau im richtigen Moment aus dem Schatten zu treten und energetisch durch die Menschenmengen zu fahren. Das makellose Wechselspiel zwischen großen Bildern und lebhaftem Antrieb gibt dem Film eine Kraft, die in manchen Momenten sogar das Original übertrifft. Gleichzeitig büßt Spielbergs durchgestylte Version jedoch einiges an den statischen, theatralen Momenten der 1961er Fassung ein. Mit der Ausnahme von manchen liebevollen Bildzitaten findet er neue Einstellungen und grenzt sich optisch deutlich vom Vorbild ab. Wem welche visuelle Interpretation letztendlich besser gefällt, kommt auf den persönlichen Geschmack an, doch keine von beidem läuft der anderen deutlich den Rang ab.  When you're a Jet Weniger auffällig als die Optik, aber mindestens genauso wichtig, sind kleine Handlungsverschiebungen, die besonders die tieferen Themen der Geschichte betreffen. Bricht man diese aufs Wesentliche herunter, so war West Side Story schon immer eine tragische Story von perspektivlosen Jugendlichen in einer Umwelt, die auf sie herabschaut. Egal wie selbstsicher die beiden Gangs auftreten, hinter der Fassade steckt das Bild einer rebellischen Jugend ohne Ziel oder Aufgabe. Spielberg arbeitet diesen Konflikt wesentlich stärker heraus, was sich unter anderem am Beispiel der Jets erkennen lässt. Statt Mitte bis Ende zwanzig (wie im Original), sieht die Gang nun auffällig jung aus und verhält sich auch dementsprechend unsicher. Figuren wie Jet-Anführer Riff sind dadurch plötzlich nicht mehr nur draufgängerische Machos, sondern spiegeln den Konflikt zwischen aufgesetzter Stärke und emotionaler Verletzlichkeit wider.  "Ich hab begriffen, dass alles was ich kenne entweder verkauft, abgerissen oder von Leuten übernommen wird, die ich nicht leiden kann." Riff in West Side Story Unterstützt werden diese Themen durch kleinen Nebenhandlungen, die Aspekte wie Gentrifizierung behandeln. So wird schon in der ersten Szene etabliert, dass das zentrale Stadtviertel abgerissen wird und für die Reichen und Schönen neu entsteht. Diese Konflikte passen durchaus in die Geschichte, doch sie bekommen zu wenig Zeit, um sich genug zu entfalten. Einige Nebenschauplätze hätte West Side Story stärker beleuchten, oder ganz aus der Handlung streichen können.  West Side Story endlich in 2021 Glücklicherweise bügelt West Side Story zusätzlich zu den inhaltlichen Themen einige, längst überfällige Schandflecken des Originals aus. Wo viele Puerto-Ricaner:innen 1961 noch durch weiße Darsteller:innen unter bergeweise Make-Up verkörpert wurden, hat die 2021er Version nun endlich einen diversen Cast. In seiner Repräsentation geht der Film so weit, dass er den spanischen Dialog vieler Szenen nicht untertitelt, sondern es den Zuschauer:innen überlässt sich den Inhalt aus dem Kontext zu schließen – ein schöne Geste im Vergleich zum Original. Große Liebe in zweiter Reihe Natürlich bedeutet West Side Story nicht nur Gesellschaftskritik und Drama, das zweite große Standbein des Musicals ist die zwar pathetische, aber dennoch berührende Geschichte der unsterblichen Verbindung zwischen Tony und Maria. Die Liebe auf den ersten Blick und die romantischen Gesangseinlagen im Mondlicht kann man durchaus kitschig finden, doch Spielberg gibt alles, um diese beinahe märchenhafte Stimmung sensibel einzufangen. Dass die Beziehung zwischen Tony und Maria dennoch der schwächste Teil des Filmes ist, liegt dementsprechend weniger an der Regie, sondern viel mehr an der Besetzung. Rachel Zegler gibt als Maria zwar ein exzellentes Spielfilmdebüt, doch Ansel Elgort wirkt in vielen Szenen wie bestellt und nicht abgeholt. Der Kontrast zwischen Zeglers energetischer Lebensfreude und Elgorts zurückhaltender Macho-Art, lässt Tonys Figur blass und uninteressant wirken. Man kauft dem Paar einfach nicht ab, dass sie alles füreinander aufgeben würden, obwohl dies eine der Grundvoraussetzungen für eine Romeo und Julia-esque Story ist. Besonders im Vergleich mit den gelungenen gesellschaftskritischen Elementen und den fesselnden Tanzeinlagen, gerät der romantische Teil von West Side Story als erstes Vergessenheit.  Fazit: Kinomagie mit Abzügen West Side Story ist vor allem eines: aufregende und mitreißende Kinomagie für die große Leinwand. Brillante Musical-Sequenzen, schöne Bilder und eine energetische Inszenierung sorgen trotz langer Laufzeit für ein berauschendes Filmerlebnis. Inhaltlich ist sich die neue Version bewusst, dass sie das Rad nicht neu erfinden muss, sondern sich lieber darauf fokussieren sollte, problematische Inhalte des Originals auszubessern und dessen Themen klarer herauszuarbeiten. Während das gut funktioniert, gerät der Film bei der Liebesgeschichte allerdings aus dem Rhythmus. Obwohl der Funken zwischen Maria und Tony nie wirklich überspringt, bleibt West Side Story jedoch ein starkes Kinoerlebnis, das sich seinen Platz neben dem Original durchaus verdient.
    Kritik: West Side Story
    Schauspiel
    65%
    Handlung
    75%
    Visuelle Umsetzung
    90%
    Charaktere
    80%
    Emotionen
    65%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 09.12.2021
    Filmlänge: 156 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: 20th Century Fox
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Gesamtbewertung:

Ordentlich
75%

Es ist das Musikfilm-Ereignis des Jahres: Regielegende Steven Spielberg bringt die revolutionäre 'West Side Story' zurück auf die große Leinwand. Braucht das berühmte Musical ein Remake oder gewinnt das Original auch heute noch jeden Dance-Fight mit Leichtigkeit?

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Darum geht's

New York der 50er Jahre: die Slum-ähnlichen Stadtteile des Big Apples sind von Armut und Kriminalität befallen. Zusätzlich zur ohnehin angespannte Stimmung spitzen sich ethnische Konflikte zwischen gebürtigen und eingewanderten US-Amerikaner:innen immer weiter zu. Besonders in einem Viertel der Upper West Side von Manhattan droht diese Spannung zu eskalieren, als die in New-York geborene Gang der Jets auf die puerto-ricanische Gang der Sharks trifft. Aus anfänglichen Meinungsverschiedenheiten über Reviergrenzen und Rangordnungen entwickelt sich eine wachsende Zwietracht, die dunkle Schatten über die Zukunft beider Gangs wirft. 

Inmitten dieser Schatten lernen sich Tony (Ansel Elgort) und Maria (Rachel Zegler) kennen und verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Eine Liebe, der leider ein großes Hindernis im Weg steht: Tony ist der langjährige Kindheitsfreund des Jet-Anführers Riff (Mike Faist) und Maria die Schwester des Shark-Anführers Bernardo (David Alvarez). Während beide verzweifelt versuchen zwischen den rivalisierenden Gangs zu vermitteln, bereiten sich die Jets und die Sharks auf einen letzten, entscheidenden Kampf um die Straßen New Yorks vor. 

Der ist doch noch gut!

Vor ziemlich genau 60 Jahren trat die Originalverfilmung von West Side Story in der Filmwelt wie auch unter den Musical-Liebhaber:innen eine Welle der Begeisterung los. Nur wenigen Musical Verfilmungen gelang es vorher den Geist einer spektakulären Bühneninszenierung so elegant mit der Magie des Kinos zu verheiraten, wie West Side Story es 1961 tat. Weite Einstellungen, elektrisierende Tanzchoreografien und bezaubernde Bilder – der Originalfilm bewies, dass Bühne und Leinwand nicht unter sich bleiben müssen.

Wie im Hause-Hollywood üblich, folgt auf einen derartigen Erfolg früher oder später eine Form der Fortsetzung oder Neuinterpretation, und wie so oft begegnen viele Fans dieser Idee vorerst mit Skepsis. Warum braucht es Remakes, wenn die Originale immer noch großartig sind? 

Alles neu?

Steven Spielberg ist sich dem dünnen Eis, auf dem seine Neuinterpretation aufbaut, bewusst und gibt alles, um die argwöhnischen Nostalgiker:innen schon mit der ersten Sekunde seines Filmes abzuholen. Wenn das ikonische Pfeifen durch die leergefegten Gassen der West Side hallt und die Jets in fließenden Tanzbewegungen ihr Revier durchstreifen, atmet der Film direkt den Geist des Originals. Spielberg macht gleich deutlich, dass seine Version kein radikales “Alles muss neu-Remake” im Stil von Ghostbusters (2016) sein will. Ganz im Gegenteil: West Side Story im Jahr 2021 tanzt nach demselben Grundschritt, den das Original 1961 vormachte. 

Ewige Rivalen: Die Jets und die Sharks stehen sich auch nach 60 Jahren noch gegenüber.

Dementsprechend baut die Handlung auf der altbewährten Romeo und Julia-Basis auf, die wir von West Side Story kennen. Der verbitterte Kampf der Jets gegen die Sharks, und die Liebesgeschichte, die zwischen die Fronten gerät: Wer nach fundamentalen Veränderungen der Grundformel sucht, wird hier enttäuscht werden. Spielberg behält den Grundstein der Geschichte, baut subtile Anpassungen ein und fokussiert sich darauf diese in die Gegenwart zu bringen. 

Tanz der Bilder

Die große Veränderung, die jedoch direkt ins Auge springt, ist die atemberaubende Inszenierung. Schon durch die Trailer zeichnete West Side Story das Bild eines visuellen Spektakels voller Energie, Tanz und Dynamik. Eine Erwartungshaltung, die der fertige Film nochmal um ein Vielfaches übersteigt. Von verspielten Choreografien im kleinen Rahmen (Gee, Officer Krupke) bis Momenten der gigantischen Musical-Magie (America, Tanz in der Sporthalle) – West Side Story sieht sowohl in den musikalischen als auch in den herkömmlichen Szenen brillant aus. 

Musicalnummern wie "America" sind die absoluten Höhepunkte von 'West Side Story'.

Die Kameraarbeit erweckt dabei schon beinahe die Illusion einer eigenen Choreografie. So nimmt sie sich oft zurück und stellt die hinreißenden Tanzeinlagen ins Rampenlicht, nur um genau im richtigen Moment aus dem Schatten zu treten und energetisch durch die Menschenmengen zu fahren. Das makellose Wechselspiel zwischen großen Bildern und lebhaftem Antrieb gibt dem Film eine Kraft, die in manchen Momenten sogar das Original übertrifft.

Gleichzeitig büßt Spielbergs durchgestylte Version jedoch einiges an den statischen, theatralen Momenten der 1961er Fassung ein. Mit der Ausnahme von manchen liebevollen Bildzitaten findet er neue Einstellungen und grenzt sich optisch deutlich vom Vorbild ab. Wem welche visuelle Interpretation letztendlich besser gefällt, kommt auf den persönlichen Geschmack an, doch keine von beidem läuft der anderen deutlich den Rang ab. 

When you're a Jet

Weniger auffällig als die Optik, aber mindestens genauso wichtig, sind kleine Handlungsverschiebungen, die besonders die tieferen Themen der Geschichte betreffen. Bricht man diese aufs Wesentliche herunter, so war West Side Story schon immer eine tragische Story von perspektivlosen Jugendlichen in einer Umwelt, die auf sie herabschaut. Egal wie selbstsicher die beiden Gangs auftreten, hinter der Fassade steckt das Bild einer rebellischen Jugend ohne Ziel oder Aufgabe.

Die vielleicht beste schauspielerische Leistung: Mike Faist verleiht Riff einen tiefen emotionalen Konflikt und macht die Jets zu tragischen Figuren.

Spielberg arbeitet diesen Konflikt wesentlich stärker heraus, was sich unter anderem am Beispiel der Jets erkennen lässt. Statt Mitte bis Ende zwanzig (wie im Original), sieht die Gang nun auffällig jung aus und verhält sich auch dementsprechend unsicher. Figuren wie Jet-Anführer Riff sind dadurch plötzlich nicht mehr nur draufgängerische Machos, sondern spiegeln den Konflikt zwischen aufgesetzter Stärke und emotionaler Verletzlichkeit wider. 

"Ich hab begriffen, dass alles was ich kenne entweder verkauft, abgerissen oder von Leuten übernommen wird, die ich nicht leiden kann."

Riff in West Side Story

Unterstützt werden diese Themen durch kleinen Nebenhandlungen, die Aspekte wie Gentrifizierung behandeln. So wird schon in der ersten Szene etabliert, dass das zentrale Stadtviertel abgerissen wird und für die Reichen und Schönen neu entsteht. Diese Konflikte passen durchaus in die Geschichte, doch sie bekommen zu wenig Zeit, um sich genug zu entfalten. Einige Nebenschauplätze hätte West Side Story stärker beleuchten, oder ganz aus der Handlung streichen können. 

West Side Story endlich in 2021

Glücklicherweise bügelt West Side Story zusätzlich zu den inhaltlichen Themen einige, längst überfällige Schandflecken des Originals aus. Wo viele Puerto-Ricaner:innen 1961 noch durch weiße Darsteller:innen unter bergeweise Make-Up verkörpert wurden, hat die 2021er Version nun endlich einen diversen Cast. In seiner Repräsentation geht der Film so weit, dass er den spanischen Dialog vieler Szenen nicht untertitelt, sondern es den Zuschauer:innen überlässt sich den Inhalt aus dem Kontext zu schließen – ein schöne Geste im Vergleich zum Original.

Große Liebe in zweiter Reihe

Natürlich bedeutet West Side Story nicht nur Gesellschaftskritik und Drama, das zweite große Standbein des Musicals ist die zwar pathetische, aber dennoch berührende Geschichte der unsterblichen Verbindung zwischen Tony und Maria. Die Liebe auf den ersten Blick und die romantischen Gesangseinlagen im Mondlicht kann man durchaus kitschig finden, doch Spielberg gibt alles, um diese beinahe märchenhafte Stimmung sensibel einzufangen.

Manchmal wirkt es, als würde Tony (Ansel Elgort) direkt durch Maria (Rachel Zegler) durchschauen. Romantische Emotionen kommen hier selten auf.

Dass die Beziehung zwischen Tony und Maria dennoch der schwächste Teil des Filmes ist, liegt dementsprechend weniger an der Regie, sondern viel mehr an der Besetzung. Rachel Zegler gibt als Maria zwar ein exzellentes Spielfilmdebüt, doch Ansel Elgort wirkt in vielen Szenen wie bestellt und nicht abgeholt. Der Kontrast zwischen Zeglers energetischer Lebensfreude und Elgorts zurückhaltender Macho-Art, lässt Tonys Figur blass und uninteressant wirken. Man kauft dem Paar einfach nicht ab, dass sie alles füreinander aufgeben würden, obwohl dies eine der Grundvoraussetzungen für eine Romeo und Julia-esque Story ist. Besonders im Vergleich mit den gelungenen gesellschaftskritischen Elementen und den fesselnden Tanzeinlagen, gerät der romantische Teil von West Side Story als erstes Vergessenheit. 

Fazit:

Kinomagie mit Abzügen

West Side Story ist vor allem eines: aufregende und mitreißende Kinomagie für die große Leinwand. Brillante Musical-Sequenzen, schöne Bilder und eine energetische Inszenierung sorgen trotz langer Laufzeit für ein berauschendes Filmerlebnis. Inhaltlich ist sich die neue Version bewusst, dass sie das Rad nicht neu erfinden muss, sondern sich lieber darauf fokussieren sollte, problematische Inhalte des Originals auszubessern und dessen Themen klarer herauszuarbeiten. Während das gut funktioniert, gerät der Film bei der Liebesgeschichte allerdings aus dem Rhythmus. Obwohl der Funken zwischen Maria und Tony nie wirklich überspringt, bleibt West Side Story jedoch ein starkes Kinoerlebnis, das sich seinen Platz neben dem Original durchaus verdient.

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