Kritik: Bad Times at the El Royale

Neue Konkurrenz für Tarantino?
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Eine Silhouette steht mit dem Rücken vor einem Hoteleingang im Titelbild für Kritik Bad Times at the El Royale
  • Im generischen Sumpf belangloser Action-Streifen lechzen viele Zuschauer förmlich nach einem Stück Kino-Unterhaltung, das nicht bloß mit sinnbefreiten Actionsequenzen aufwartet. Figuren- und handlungsorientierte Filme sind tatsächlich rar geworden. Da scheint 'Bad Times at the El Royale' tatsächlich eine willkommene Abwechslung zu bieten. Doch kann der Film auch überzeugen? Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's Es ist schon ein spannendes Hotel, das "El Royale": es liegt nämlich exakt auf der Grenze von Kalifornien und Nevada. Ein nettes Gimmick, das jedoch den neuen Besuchern, die zufällig alle am selben Tag einchecken, herzlich egal ist. Da hätten wir den vergesslichen Father Daniel Flynn…
    Kritik: Bad Times at the El Royale tba
    1

    77%

    Gut

    Handlung
    75%
    Spannung
    70%
    Dialoge
    70%
    Schauspiel
    85%
    Visuelle Umsetzung
    85%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 11.10.2018
    Filmlänge: 141 Minuten
    FSK: 0
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2018 20th Century Fox Germany

Gesamtbewertung:

Gut
77%

Im generischen Sumpf belangloser Action-Streifen lechzen viele Zuschauer förmlich nach einem Stück Kino-Unterhaltung, das nicht bloß mit sinnbefreiten Actionsequenzen aufwartet. Figuren- und handlungsorientierte Filme sind tatsächlich rar geworden. Da scheint 'Bad Times at the El Royale' tatsächlich eine willkommene Abwechslung zu bieten. Doch kann der Film auch überzeugen?

Darum geht's

Es ist schon ein spannendes Hotel, das "El Royale": es liegt nämlich exakt auf der Grenze von Kalifornien und Nevada. Ein nettes Gimmick, das jedoch den neuen Besuchern, die zufällig alle am selben Tag einchecken, herzlich egal ist. Da hätten wir den vergesslichen Father Daniel Flynn (Jeff Bridges, Hell or High Water), die gescheiterte Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo), den sexistischen Staubsaugerverkäufer Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm, Baby Driver) und die Hippie-Braut Emily Summerspring (Dakota Johnson). Doch schnell wird klar: hier hat jeder Dreck am Stecken. Und so ganz zufällig ist es wohl auch nicht, dass die Besucher alle am selben Tag im "El Royale" eingecheckt haben ...

Dialoglastige Exposition

Regisseur Drew Goddard ist ein kleines Wunderkind. Nicht nur hat er den Netflix-Hit Daredevil mitentwickelt und Blockbuster wie Der Marsianer geschrieben, auch sein exzellentes Regiedebut The Cabin in the Woods war ein unfassbar stilsicherer, enorm wendungsreicher Horrorthriller. In Bad Times at the El Royale lässt er es zunächst wesentlich entspannter angehen, als gewohnt. Und er muss sich (leider) zunächst den direkten Vergleich zu Quentin Tarantinos The Hateful Eight gefallen lassen.

Das liegt daran, dass Goddard seine Charaktere in eigenen, mit Texttafeln gekennzeichneten Episoden vorstellt (eines der beliebten Stilmittel von Tarantino), alle Figuren in ein Setting einlaufen lässt und an der hohen Dialogdichte. Hier passiert zwar wahnsinnig viel, doch der Film lässt sich gehörig Zeit, die verschiedenen Figuren in ausufernden Dialogen zu skizzieren und erste Konflikte aufkochen zu lassen. Den Sprachwitz und die textliche Brillanz eines Tarantino erreicht Goddard dabei nicht, doch die undurchsichtigen Figuren und ihre unvorhersehbaren Storylines helfen dem Zuschauer auch über die eine oder andere Länge hinweg.

Werbung



Spannendes Handlungsgeflecht

Die erste Filmhälfte fällt trotz ausführlicher Exposition noch relativ spannend aus. Das liegt daran, dass Goddard seine Episoden immer dann abschließt, wenn es gerade so richtig interessant wird – und mit einem ganz anderen Charakter zu einem ganz anderen Zeitpunkt fortfährt. So kommt es durchaus vor, dass ermordete Figuren in anderen Episoden wieder auftauchen – oder sich wichtige Fragen erst zu einem späteren Zeitpunkt klären. Diese wilde, undurchschaubare Filmstruktur macht Laune und hält den Zuschauer bei der Stange.

Interessant ist auch, wenn Goddard durch die platzierten Vorgeschichten seiner Figuren den Haupthandlungsraum des Hotels verlässt. Diese Momente geben nicht nur wichtigen Kontext zu den Charakteren, die die Gegenwart in ganz neuem Licht dastehen lassen – der gelegentliche Wechsel des Settings sorgt gerade gegen Ende des Filmes für richtige Gänsehautmomente. Trotz der erwähnten Längen und teils ausufernd langen Einzelsequenzen geht die vielschichtige Handlung auf. Der große Twist am Ende bleibt zwar aus, aber immerhin ist nichts so hanebüchen zusammen gezimmert, wie etwa in Mord im Orient-Express.

Handwerklich vom Allerfeinsten

Optisch ist Bad Times at the El Royale ein echter Leckerbissen! Die Kamera fängt das beunruhigende Setting mit einer gemächlichen Eleganz ein, der Einsatz von Lichtquellen sorgt für eine ungemein dichte Atmosphäre und die Ausstattung im 60er-Jahre Stil wirkt zu jeder Sekunde glaubhaft. Dabei sorgen originale Filmausschnitte und ein fantastischer Soundtrack für den letzten, authentischen Schliff. Ja, Drew Goddard kann inszenieren! Und wie!

Chris Hemsworth steht vor einem Hotelschild im Regen in einem Szenenbild für Kritik Bad Times at the El Royale

In diesem Licht sieht nicht nur Chris Hemsworths Oberkörper noch besser aus.

Das Setting ist optimal gewählt, um die zwielichtigen Figuren in Szene zu setzen. Der Zuschauer kann (fast) zu keiner Sekunde erahnen, wer jetzt gleich vollends den Verstand verliert, die Messer wetzt oder die anderen Hotelgäste intrigiert. Diese Ahnungslosigkeit dient vor allem dem blutigen Finale, bei dem man allerspätestens kapiert: in Bad Times at the El Royale werden garantiert keine Gefangenen gemacht. Da ist auch zu verschmerzen, dass sich der Ton des Films mit dem Auftreten einer neuen, nicht unwichtigen Figur ein ganzes Stück ändert.

Bridges, Hamm und Pullman brillieren

Im Cast gibt es keine Ausfälle! Jeff Bridges spielt mit viel Feingefühl und kleinen Gesten einen undurchsichtigen, aber sehr verletzlichen Kerl, der einem schon mal Leid tun kann. Viele der emotionalsten Szenen gehören ihm. Als starker Kontrast steht ein vor Energie sprühender Jon Hamm gegenüber, der als rassistischer Wortakrobat gerade in der Exposition für viele Lacher sorgt. Dakota Johnson (50 Shades of Grey) spielt mit einer unglaublichen Coolness, während sich Cynthia Erivo mit einer Wucht die Seele aus dem Leib singt.

Jeff Bridges mit blutender Stirn in einem Szenenbild für Kritik Bad Times at the El Royale

Besonders Father Flynn (Jeff Bridges) hat 'ne schlechte Zeit im El Royale.

Die große Überraschung ist Lewis Pullman. Der Concierge des Hotels – und das stellt sich relativ schnell heraus – ist einfach eine arme Sau. Pullman springt zwischen verwirrt, verängstigt und wild entschlossen hin und her. Goddard tut gut daran, Pullmans Figur erst im Finale des Films mit einer Hintergrundgeschichte auszustatten. Denn die fällt nicht nur überraschend, sondern verdammt emotional aus. Chapeau an Lewis Pullman, der hier eine starke Performance abliefert!

Noch ein paar Sätze zu Chris Hemsworth, der prominent das Kinoplakat ziert: seine Figur ist klar over the top geschrieben. Der charismatische, machohafte Hippie läuft die meiste Zeit ohne Hemd herum, weshalb früh klar wird, dass ihn der Film nicht so richtig ernst nimmt. Und Hemsworth, in alter Thor: Tag der Entscheidung-Manier, nimmt sich natürlich auch nicht ernst. Diese teils witzigen, teils schockierenden Momente, die daraus resultieren, bringen den Film im Finale ein wenig aus dem Gleichgewicht, weil man nicht so recht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Einerseits fügt sich sein unberechenbarer Charakter recht nahtlos in die Grundstimmung des Filmes ein, andererseits wird mit ihm ein ganz neues Fass geöffnet, das im Schlussdrittel eben nur notdürftig geschlossen werden kann.

Fazit:

'Bad Times at the El Royale' ist stilsichere Thriller-Kost

Für Bad Times at the El Royale braucht man definitiv Sitzfleisch. Drew Goddard lässt sich für seinen ausufernden Thriller gehörig Zeit und zeichnet seine Figuren in absoluter Detailverliebtheit. Das sorgt gelegentlich für einige Längen, die jedoch immer wieder durch unerwartete Wendungen und Cliffhanger aufgefangen werden. Die dialoglastigen Szenen erreichen kein Tarantino-Niveau, werden aber vom exzellent aufspielenden Cast interessant verpackt. Einige Handlungsstränge fallen enorm emotional und berührend aus, während andere Stränge etwas belanglos, wenn nicht sogar fehlplatziert wirken. Aufgewertet wird der undurchsichtige Thriller von der handwerklichen und inszenatorischen Exzellenz von Kamera-, Licht- und Ausstattungsdepartment. Bad Times at the El Royale ist eigenwillig und wird genau deshalb vielen nicht gefallen. Wer sich jedoch auf ein Kinoerlebnis der anderen Art einlässt, wird mit einem insgesamt spannenden, sehr kreativen Thriller belohnt.

NEUE ARTIKEL
Werbung
Werbung
❯ Alle Artikel