Kritik: Es (2017)

'Es' gibt nichts zum Fürchten

FSK 16

Spoilerfrei!

Der geschminkte Grusel-Clown Pennywise lächelt in einer Nahaufnahme bösartige in die Kamera

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Derry, Maine 1988: In der Postkarten-Kleinstadt verschwinden ungewöhnlich viele Menschen – vor allem Kinder sind betroffen. Seitdem er das Elternhaus verließ um im Regen zu spielen, wird auch der sechsjährige Georgie Denbrough vermisst. Noch Monate später will sein Bruder Bill (Jaeden Lieberherr) den Tod nicht wahrhaben und macht sich auf die Suche. Unterstützt wird er dabei von seinen Freunden Richie (Finn Wolfhard: Stranger Things), Eddie (Jack Dylan Grazer) und Stanley (Wyatt Oleff). Als dann noch Ben (Jeremy Ray Taylor) und Beverly (Sophia Lillis) dazu stoßen, begeben sich die Kids auf eine Mission. Dem gruseligen Clown Pennywise (Bill Skarsgård) ist das nur Recht.

Coming-of-Age stärker als Horror

Sophia Lillis und Jaeden Lieberher stehen nebeneinander in Es 2017
Der willensstarke und zugleich schüchterne Bill (Jaeden Lieberherr) sowie die mutige Beverly (Sophia Lillis) führen den Cast an.

Mit 197 Millionen Online-Views an einem Tag, brach der Trailer den Rekord des am meisten gesehenen Trailers an einem Tag (ehemals: Fate of the Furious). Zudem macht das Video, das der Schnittfolge des Klassikers exakt folgt, von vorneherein eins klar: Mit seiner Neuauflage zeichnet Regisseur Andy Muschietti die Linien nach, die die TV-Verfilmung aus dem Jahr 1991 bereits auf Zelluloid bannte. Um eine Kopie handelt es sich dabei nicht, vielmehr eine Neuinterpretation, bei der sich der Fokus von „Horror“ zu „Coming-of-Age“ verschiebt.

Besonders scharf gezeichnet sind die Charaktere. Bei der Einführung der insgesamt sieben (!) Hauptfiguren gelingt der Neuverfilmung sogar ein kleines Kunststück: Jedes Gruppenmitglied bekommt eine kompakte Szene, in der wir unterhaltend und gruselig zu gleich alles erfahren, was wir über die Figur wissen müssen: Rolle in der Gruppe, familiäres Umfeld, größte Ängste. Auch darüber hinaus sind die Jungdarsteller ausgezeichnet geführt, was zu einer unterhaltenden Gruppendynamik führt, die nicht selten ziemlich witzig ist.

Was Es ebenfalls gut einfängt, ist der Flair der 80er-Filme, der aktuell wieder in Mode kommt (so z.B.: Stranger Things). In einer klassischen Coming-of-Age-Rahmenhandlung schneidet der Streifen elegant Themen wie die erste Liebe, Mobbing und häusliche Gewalt an. Allein das Desinteresse und die Lieblosigkeit der portraitierten Elternteile hätte genug Potenzial, um einen eigenen Film zu erzählen. Aber da ja „Horror“ auf der Packung steht, bekommen wir das:

Bestandsaufnahme des Horror-Genres

Das verfluchte Haus in dem Pennywise in Es 2017 wohnt
Plakativ und voller Klischees: Ein spukendes Haus, wie jedes andere.

Stephen King gilt als Meister des Horrors. So zeichnet seine bunte Phantasie die dunkelsten Schreckensbilder, die wir uns vorzustellen vermögen. Viel wichtiger ist jedoch die psychologische Komponente seiner Arbeit, die die plakativen Gruselelemente erst richtig unter die Haut impft.

Mit Psychoterror hat Andy Muschiettis Neuverfilmung jedoch wenig gemein. Statt auf die Psycho-Liege verfrachtet er sein Publikum in die Geisterbahn: Hinter jeder Ecke lauert ein Horror-Schocker. Diese äußerst offensichtlichen „Attraktionen“ mögen solide inszeniert sein, lassen jedoch einen kräftig anziehenden Spannungsbogen vermissen. De facto fühlt sich Es an, wie die Bestandsaufnahme des Horror-Genres: Säuberlich archiviert zeigt der Horrorstreifen, was andere bereits vorgemacht haben. So z.B. ...

  • Gruselige Kinder in The Orphan,
  • Schaurige alte Frauen in The Conjuring 2,
  • Zombies in The Walking Dead,
  • Dinge, die aus Fernsehern oder Projektionen krabbeln in The Ring,
  • Zahnbestückte Kiefer, die sich ausfahren können in Alien.

Wenn Clowns lustig sind

Der Grusel-Clown Pennywise hält im Remake Es 2017 einen schwebenden Luftballon an einem Faden
Wer der Böse ist wird schnell klar – und hält dann auch keine Überraschungen mehr bereit.

Gerechterweise muss gesagt werden, dass dieses Horror-Sammelsurium nicht ganz aus der Luft gegriffen ist: Denn der Grusel-Clown Pennywise nimmt stets die Gestalt an, die sein Opfer besonders fürchtet. Dabei erinnert er an einen Irrwicht aus Harry Potter. Während man das Zauberwesen am besten mit dem Fluch „Riddikulus“ lächerlich macht, besorgt Pennywise das schon von alleine: Nicht selten ist der Clown mehr lächerlich als gruselig. Zwar macht Darsteller Bill Skarsgård seine Sache gut, doch fehlt es der Figur – wie dem ganzen Film – an einer tieferen Ebene. Nachdem schon in den ersten Minuten klar wird, was das beschauliche Derry heimsucht, passiert... nichts mehr. Eine wirklich überraschende Wendung oder das Auftauchen eines unerwarteten Antagonisten bleibt aus.

’Es’ ist plakatives Horror-Kino mit wenig eigenen Einfälle

In moderner Manier und angereichert mit überbordendem CGI zollt Es (2017) dem Klassiker aus dem Jahr 1991 Tribut. Auf der Strecke bleiben jedoch eigene Ideen, sodass sich der Film von Andy Muschietti wie eine Geisterbahnfahrt durch die Annalen des Horror-Genres anfühlt. Zwar ist Es unterhaltend und überraschend lustig, doch fehlt es an psychologischer Spannung, durch die sich die Romanvorlage von Legende Stephen King gerade auszeichnet. Ein zweiter Teil, der am Ende des Films angekündigt wird, muss auf jeden Fall einiges besser machen.   

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