Kritik: Papillon (2018)

Another Day, Another Remake
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
  • Titelbild für Kritik Papillon mit Charlie Hunnam und Rami Malek
  • Hollywood ist nun offiziell nichts mehr heilig. Nachdem unzählige Franchise von der Traumfabrik mal mehr und mal weniger erfolgreich zurück auf die Leinwand forciert wurden, vergeht man sich nun an unantastbaren Klassikern. Diesmal ist die bewegende Biografie 'Papillon' an der Reihe. Ob sich das Remake lohnt oder doch ein Griff in die Latrine ist, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: Der charmante Henri "Papillon" Charrière (Charlie Hunnam, Die versunkene Stadt Z) ist ein Schlitzohr, wie es im Buche steht. Durch kleine Diebstahlaufträge hält sich der Franzose in der Landeshauptstadt über Wasser – bis…
    Kritik: Papillon (2018) tba
    1

    70%

    Ganz okay

    Handlung
    80%
    Schauspiel
    70%
    Dialoge
    55%
    Szenenbild
    80%
    Spannung
    65%
    User Rating: Be the first one !
  • Erscheinungsdatum: 26.07.2018
    Filmlänge: 133 Minuten
    FSK: 12
    Genre: , , , ,
    Regisseur:
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2018 Constantin Film

Gesamtbewertung:

Ganz okay
70%

Hollywood ist nun offiziell nichts mehr heilig. Nachdem unzählige Franchise von der Traumfabrik mal mehr und mal weniger erfolgreich zurück auf die Leinwand forciert wurden, vergeht man sich nun an unantastbaren Klassikern. Diesmal ist die bewegende Biografie 'Papillon' an der Reihe. Ob sich das Remake lohnt oder doch ein Griff in die Latrine ist, erfahrt ihr in unserer Bewertung und Kritik.

Darum geht's:

Der charmante Henri "Papillon" Charrière (Charlie Hunnam, Die versunkene Stadt Z) ist ein Schlitzohr, wie es im Buche steht. Durch kleine Diebstahlaufträge hält sich der Franzose in der Landeshauptstadt über Wasser – bis ihm ein Mord angehängt wird, für den er nicht verantwortlich ist. Die Justiz geht hart mit ihm ins Gericht und schickt ihn zur lebenslangen Haft in die berüchtigte Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana. Natürlich heckt Papillon schon im Schiff dorthin einen kühnen Plan aus, wie er der Kolonie entfliehen kann. Dazu nimmt er den zarten, aber reichen Louis Dega (Rami Malek, Mr. Robot) unter seine Fittiche.

Hauptsache cooler als das Original

Es leuchtet mir ein, warum manche Stoffe durchaus verdient haben, mit höherem Produktionsaufwand und zeitgemäßem Anstrich neu aufgerollt zu werden. Und Papillon ist da auf den zweiten Blick auch nicht die absurdeste Wahl, selbst wenn die Trailer-Veröffentlichung den einen oder anderen sicher verwundert haben dürfte. Keine Frage, das Original mit Steve McQueen und Dustin Hoffman ist heute noch so spannend wie vor 45 Jahren. Dabei liegt das aber nicht nur an der großartigen Inszenierung alleine, sondern vor allem an der unheimlich spannenden Vorlage – nämlich der Biografie von Henri Charriére selbst. Und eine gute Vorlage funktioniert auch im Jahre 2018. Oder sagen wir mal, sie könnte.

Charlie Hunnam und Rami Malek in einem Szenenbild aus Papillon 2018

Aufpoliert, aufgemotzt und aufgeblasen: Das Remake versucht auf Teufel komm raus ins 21. Jahrhundert zu passen. Besonders Charlie Hunnam sollte seine Coolness etwas runterfahren.

Was sofort ins Auge sticht, ist der zeitgemäße Style, auf den Regisseur Michael Noer zu Beginn Wert legt. Das belebte Paris ist zwar nett, dafür arg steril und studiolastig gestaltet. Immerhin atmen Musik, Schnitt, Requisiten und auch die ersten Begegnungen der Protagonisten den Geist zeitgenössischer Cinematografie. Das ist insgesamt allerdings nicht weltbewegend und als Exposition fast schon ein wenig rudimentär, da eigentlich nur unser Protagonist vernünftig eingeführt werden soll. Dieser wird schon zu Beginn in einer solchen Coolness zelebriert, dass es dem Film zunehmend zum Verhängnis wird. Doch dazu später mehr.

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Tolles Setting ohne das nötige Grauen

Sobald das Setting der Strafkolonie eingeführt wird, lebt der Film spürbar auf. Die dreckigen Gefängnismauern, die unbequemen Pritschen, die grimmigen Insassen und die knochenbrechende Arbeit in einem Steinbruch nehmen den Zuschauer gekonnt mit in die barbarische Kolonie. Das ist optisch natürlich ein Meilensprung im Vergleich zum etwas einfacher bestückten Original und ein großes Plus der Neuauflage.

Doch die auswegslose Atmosphöre und die heftige Intensität, die der Stoff eigentlich hergibt (und die Franklin J. Schaffners Film so auszeichnet), wird nur selten erreicht. Gelegentlich ist das Grauen des Lagers für einen Moment spürbar, etwa, wenn sich Inhaftierte unter der Dusche die Zähne einschlagen oder ein Geflohener vor versammelter Mannschaft durch die Guillotine enthauptet wird. Leider werden diese heftigen Szenen, die nicht mit grafischer Gewalt geizen, immer wieder stark gebremst und finden erst im letzten Drittel einen passenden Rhythmus. Das liegt an zwei Dingen.

Die Dialoge holpern vor sich hin

So sehr man auch versucht hat, den Protagonisten als unzerbrechlichen Haudegen zu etablieren, manche Wortwechsel mit ihm und seinen Kollegen erreichen fast Nonsense-Niveau. Manchmal dienen die Dialoge dazu, die Geschichte rasch voran zu treiben, dann wieder, um ein auflockerndes Element einzuwerfen und manchmal soll einfach nur gezeigt werden, was für ein Badass unser Papillon doch ist.

Was dabei verpasst wird: statt der aufkeimenden Belanglosigkeit vernünftig auf die Freundschaft zwischen ihm und Louis Dega einzugehen. Denn die ist immerhin der Kitt der Handlung. Hätte man hier noch ein wenig akribischer gearbeitet, so wäre die Geschichte gleich noch mal packender ausgefallen, denn man hätte noch viel mehr mit den Protagonisten mitgefiebert. Dies gelingt leider nicht vollends.

Unausgegorenes Erzähltempo

Überhaupt wünscht man sich, dass manche Szenen ein wenig mehr Raum zum Atmen bekommen hätten, während bei anderen eine Straffung angebracht gewesen wäre. Den täglichen Horror und die damit einhergehende Tristesse ausgiebig zu schildern zum Beispiel, wäre ein dankbarer Kniff gewesen. Dies kommt im Ansatz auch immer wieder vor – doch zu schnell wird die Handlung nach vorne gedrängt. Das Original ließ sich da mehr Zeit, die extra halbe Stunde wurde im Vergleich zum Remake optimal genutzt und transportiert dadurch viel spürbarer die Ausweglosigkeit der Figuren.

Dass die Geschichte hier nun dennoch trägt, liegt wie bereits erwähnt an der großartigen Vorlage, die mit ihren Wendungen und Überraschungen schon in sich einen enormen Unterhaltungsfaktor aufweist. Doch in Sachen Spannung und Atmosphäre wäre hier einiges mehr drin gewesen!

Rami Malek macht Hoffman Konkurrenz

Der zweite Punkt, warum Papillon ordentlich holpert, ist Charlie Hunnam. Sein stets überlässiges Auftreten ist eines der Hauptmerkmale des Schauspielers. Das mag in der Macho-Serie Sons of Anarchy wunderbar funktionieren und auch in Guy Ritchies King Arthur wirkt diese Facette aufgrund der modernen Inszenierung absolut passend. Nur ist Papillon eben kein durchgestyltes Haudegen-Kino sondern eine Biografie. Und dafür interpretiert Hunnam seinen Henri Charrière einfach einen Tacken zu locker.

Gerade zu Beginn leiden einige Szenen unter diesem machohaften Flair. Gegen Ende des Films nimmt sich Hunnam aber zunehmend zurück, was natürlich auch der Handlung selbst "geschuldet" ist. Dann zeigt sich erst, dass er als kämpferischer Protagonist tatsächlich nicht schlecht besetzt ist. Ein wenig mehr klare Führung von Regisseur Michael Noer hätten dabei ihm und der ersten Filmhälfte gut getan.

Charlie Hunnam und Rami Malek reden miteinander in einem Szenenbild für Kritik Papillon 2018

Rami Malek als Louis Dega kann dem Vergleich zu seinem Vorbild Dustin Hoffman standhalten, während Hunnams Performance im Schatten derer von Steve McQueen steht.

Wer dafür glänzen darf ist Charakterkopf Rami Malek. Als zerbrechliches, wandelbares und gewieftes Sensibelchen transportiert Malek unheimlich viele Facetten. Auch, wenn die Wandlungen seiner Figur manchmal etwas sprunghaft kommen, wirken sie doch glaubhaft. Eine der wenigen Punkte, die im Vergleich zum Original bestehen können: Malek macht sich seinen Louis Dega ebenso zueigen, wie damals Dustin Hoffman. Und das ist schlichtweg großartig!

Wer gewinnt das Laufduell?

Viel hat man gewagt, einiges wurde verbessert, doch Papillon wird bei jedem Zuschauer, der das Original kennt, nicht auf großen Jubel treffen. Die spannende Geschichte wird modernisiert erzählt, doch so viel Bahnbrechendes hat sich schlussendlich auch nicht getan (Vorlage des Remakes ist tatsächlich auch das Drehbuch des 1973er Films und nicht nur die Biografie selbst). Als eigenständiges Werk würde der Film wahrscheinlich um einiges besser funktionieren – doch mit seinem Klassiker im Nacken kann sich Papillon dann doch nicht anlegen, obwohl man ihm die großen Ambitionen ansieht.

Fazit:

'Papillon' hält dem direkten Vergleich zum Original nicht Stand

Im Ansatz ist die Neuauflage des Bestsellers völlig in Ordnung. Neue Protagonisten, ein detaillierteres Setting, etwas derbere Gewalt und eine bekannte Geschichte, die im Kern nicht groß verändert wurde. Papillon ist durchaus ein Film, den man sich anschauen kann. Doch die holprigen Dialoge, das unausgeglichene Erzähltempo und das zunächst zu machohafte Spiel von Charlie Hunnam werfen das Remake doch stark hinter das Original zurück. Zu wenig eigene Akzente werden gesetzt und zu wenig Zeit für den Horror der Strafkolonie investiert, bevor die wilde Hatz beginnt. Lichtblick ist das Spiel von Rami Malek, der eine Stufe höher Richtung Schauspiel-Olymp steigt und sogar Dustin Hoffman die Stirn bieten kann. Vom Rest des Films kann man das leider nicht wirklich behaupten – auch wenn die fantastische Vorlage gewährleistet, dass wenigstens ein halbwegs unterhaltsames Biopic dabei herausgekommen ist. Doch darauf sollte man sich bei so einem Unterfangen wirklich nicht ausruhen.

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