8.2/10

Kritik: Im Westen nichts Neues (2022)

STELL DIR VOR, ES IST KRIEG UND ALLE GEHEN HIN

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Genres: Action, Drama, Startdatum: 29.09.2022

Interessante Fakten für…

  • Im Westen nichts Neues steht auf der Shortlist für die Oscarverleihungen.
  • Erich Maria Remarque griff auf seine eigenen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg zurück, als er seinen Roman schrieb.
  • Ursprünglich sollte Travis Fimmel (Vikings) die Rolle von Stanislaus Katczinsky spielen. Da war die Produktion allerdings noch nicht in deutschen Händen.

Erich Maria Remarques weltbekannter Antikriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ bekommt die zeitgemäße Inszenierung, die das Jahrhundertwerk verdient. Durch ein deutsches Filmteam erstmalig inszeniert, darf mit einem 16 Millionen Dollar Budget auch alle Register gezogen werden. Wird die Neuverfilmung dem Roman gerecht? Und wo setzt sie neue Akzente?

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Darum geht’s

Für Kaiser, Gott und Vaterland! Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, weiß der 17-jährige Paul Bäumer (Felix Kammerer) sofort, was zu tun ist: mit seinen Kameraden an die Front! Doch die große Euphorie wird im Granatenhagel schnell zunichte gemacht. Im täglichen Grabenkampf um ein paar Hundert Meter Land ist kein Platz für Heldentaten. Das wissen auch die erfahrenen Soldaten Kat (Albrecht Schuch, Lieber Thomas) und Tjaden (Edin Hasanović, Nur Gott kann mich richten), mit denen sich Paul schnell anfreundet. Während die Resignation steigt, versucht Matthias Erzberger (Daniel Brühl, Nebenan) verzweifelt, einen Waffenstillstand herbeizuführen.

94 Jahre Wartezeit!

Der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque ist zweifelsfrei eine absolute Pflichtlektüre. Fast schon analytisch-kalt beschreibt der Veteran die grauenhafte Realität der Westfront, in der Abermillionen von Menschen regelrecht verheizt wurden – und zwar dafür, dass sich die Fronten nur marginal verschoben. Auf den unerwarteten Bestseller folgte 1930 nicht nur eine oscarprämierte Verfilmung von Lewis Milestone, sondern auch die öffentliche Anfeindung der Nationalsozialisten, weshalb Remarque ins Exil floh.

1979 versuchte sich Delbert Mann an einer amerikanisch-britischen Neuverfilmung, die immerhin einen Golden Globe einheimste, doch dann blieb es eine ganze Weile still. Warum es 94 Jahre gedauert hat, bis sich deutsche Filmemacher:innen an Remarques Stoffe wagen (dürfen), ist ein absolutes Rätsel. Im Schatten des Zweiten Weltkriegs bleibt der Wahnsinn der Grabenkämpfe zum Jahrhundertbeginn oft einfach zu wenig beleuchtet – auch, wenn Sam Mendes mit 1917 den Fokus auf diese „vergessene“ Zeit rückte.

Antikriegs-Kino mit einnehmender Wucht

Edward Berger fackelt in seiner Exposition nicht lange. Ein blutjunger Soldat wird an der Front erschossen, die Leiche vergraben, die Uniform provisorisch geflickt und Paul Bäumer in die Hand gedrückt. „Die gehört schon wem“, wendet er ein und der Offizier reißt das alte Namensschild ab: „War die wohl zu klein für den Kerl. Das kommt immer wieder vor“. Wir kennen die Lüge, Paul Bäumer in seiner jugendlichen Naivität noch nicht. Mit strahlendem Lächeln sitzt er mit seinen Kumpels im Transporter zur Front. Und dort wartet die Realität.

Die anfängliche Euphorie weicht binnen weniger Stunden dem blanken Wahnsinn. Paul Bäumer (Felix Kammerer) erkennt: Krieg ist die Hölle!

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Wenn die ersten Bomben einschlagen, die jungen Soldaten in Einzelteile zerfetzen oder lebendig begraben werden, wackelt der Kinosaal (und ja, Im Westen nichts Neues hat es verdient, auf der großen Leinwand gesehen zu werden). Da braucht es keine fünf Minuten, um die patriotische Offiziers-Rede zu Beginn völlig zu dekonstruieren. Die Ausbildungspassage aus dem Roman streicht Berger rigoros raus und geht sofort in medias res – und macht damit mit aller Wucht deutlich: das hier ist ein Antikriegs-Film.

In unserem Podcast Flix & Fertig haben mein Kollege Daniel und ich vor einigen Monaten über Antikriegsfilme gesprochen. Was zeichnet einen Kriegsfilm aus, was einen Antikriegsfilm? Wenn du dich mehr mit der Materie beschäftigen möchtest, dann findest du die Folge hier: Antikriegsfilme: Darf Krieg unterhaltsam sein?

Bildgewaltig und klangtechnisch immersiv

Im Westen nichts Neues sieht fantastisch aus. Im Vergleich zu 1917 geht es wesentlich dreckiger und chaotischer zu, was durch die starke Kameraarbeit von James Friend und dem einnehmenden Sound Design zur Perfektion getrieben wird. Vor allem die Willkür des Sterbens, die ein solcher Krieg mit sich bringt, wird mehr als deutlich: ein Querschläger, ein Bombeneinschlag, ein nächtlicher Überfall – jeden kann es zu jeder Zeit treffen.

Wo der zeitgemäße Anstrich am deutlichsten wird, ist die Filmmusik von Volker Bertelmann aka Hauschka, der mit modernen, elektronischen Klängen das Unheil immer wieder vorankündigt. Das sorgt durchaus für absolute Gänsehautmomente und passt in den meisten Fällen perfekt zur Story! Nur an ganz wenigen Stellen wirkt der Soundtrack zu präsent und reißt aus dem sonst immersiven Werk heraus.

Atmosphäre > Gewaltdarstellung

Die vorherigen Verfilmungen von Im Westen nichts Neues sind im Vergleich zur Netflix-Adaption wirklich handzahm. Eine Schlachtplatte wie Der Soldat James Ryan wird zwar nur in einigen Szenen geboten, aber das ist auch nicht der Fokus von Edward Berger. Vielmehr geht es hier um die aussichtslose, triste und zermürbende Atmosphäre in den Schützengräben. Und die ist so gut gelungen, dass man unbewusst immer wieder die Luft anhalten muss, weil das Grauen so schwer auszuhalten ist. Genau diese intendierte Aussage zeichnet einen Antikriegs-Film auch aus: Krieg kennt nur Zerstörung, keine Gewinner.

Der Grabenkampf an der deutsch-französischen Grenze gehörte zu den unerbittlichsten Kämpfen des 20. Jahrhunderts.

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„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“

Erich Maria Remarque

Sind die inhaltlichen Freiheiten gerechtfertigt?

Wer die Romanvorlage kennt, bemerkt schnell, wo das Drehbuch entschlackt und erweitert wurde. Diese Entscheidungen sind mal mehr, mal weniger gelungen, obwohl sie nachvollziehbar sind. Dass die Kasernenausbildung zugunsten der schnellen Konfrontation mit dem Wahnsinn des Kriegs herausgekürzt wurde, ist ein schlauer Schachzug. Ebenso kommt auch der Heimaturlaub von Paul Bäumer nicht mehr vor, was das Gefühl von dem erstickenden Kampf gegen Windmühlen nur noch verstärkt.

Das Geschehen wird an das Ende des Kriegs verlagert, was die reale, aber im Buch nicht erwähnte Person Matthias Erzberger ins Spiel bringt. Immer wieder gehen wir aus den Schützengraben heraus und verfolgen die Verhandlungen von Erzberger mit französischen Generälen, die klare Bedingungen für den Friedensvertrag haben. Im historischen Kontext sind diese Szenen essenziell, denn sie sollten das Leid der Deutschen und den steigenden Hass auf die Sozialdemokraten besiegeln, die letztlich zum Zweiten Weltkrieg führten. Über das dramaturgisch extrem angepasste Finale darf gestritten werden, denn das neue Ende rechtfertigt nicht einmal mehr den Titel (wer die Geschichte kennt, weiß, wovon ich spreche). Für den Spannungsbogen eine sinnvolle Entscheidung, was die Beiläufigkeit des Sterbens anbelangt, allerdings ein klarer Wermutstropfen. Die Aussage des Romans bleibt dennoch deutlich.

Gelegentlich zu ambitionierte Bildsprache

In einigen Szenen übertreibt es Edward Berger mit der Bildsprache. Wenn die Soldaten im Graben auf trockenem Komissbrot herumnagen und überdeutlich der reich gedeckte Tisch der Generäle gegengeschnitten wird, dann wirkt der Kontrast von „die da oben, wir da unten“ durch die ständige Wiederholung fast schon plakativ – etwa, wenn der französische General fast schon pikiert auf die Croissants von gestern schaut. Dies ist nur eins der Stilmittel, das die grundverschiedenen Lebensrealitäten, die Entscheidungsträger und Soldaten durchlaufen, deutlich macht. Doch Im Westen nichts Neues hätte das gar nicht nötig. Zumal ist Remarques Roman als klarer Tatsachenbericht ohne politische Agenda gedacht.

Dass die Neuverfilmung ungewollt im Hinblick auf den Ukraine-Krieg tagesaktuell ist, ist nicht wegzudiskutieren. Die Kriegsrhetorik über Ehre und Nationalstolz sind uns mittlerweile wieder mehr als präsent, jetzt, wo nach so vielen Jahren wieder ein Krieg in Europa wütet. Und hier liegt dann trotz allen Freiheiten eine der vielen Stärken von Im Westen nichts Neues: egal, wo ein Krieg geführt und wie er gerechtfertigt wird, es kann schlichtweg keine Helden geben. Gerade für die jüngeren Generationen eine wichtige Erinnerung, die so schnell nicht aus dem Kopf verschwinden wird.

Felix Kammerer (links) und Albrecht Schuch brillieren in ihren Rollen.

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Kammerer und Schuch brillieren, Striesow overactet

Zuletzt noch ein paar Takte zum Cast. Felix Kammerer verkörpert Paul Bäumer mit Bravour. Das kindliche Auftreten wird nach etlichen Gefechten zur Routine – und dann kommt plötzlich die berüchtigte Szene, in der Paul Bäumer stundenlang mit einem sterbenden Franzosen in einem Granattrichter verbringen muss. Kammerers Spiel ist hier unglaublich intensiv, wie auch in den übrigen Szenen des Films.

Albrecht Schuch gehört zu den aufregendsten Darstellern Deutschlands und passt perfekt in die Rolle des Stanislaus Katczinsky. Haben Louis Wolheim und Ernest Borgnine die Figur vor allem mit väterlichem Esprit angelegt, spielt Schuch fast ein wenig den großen Bruder: abgeklärt, emotional, und dennoch herzlich. Edin Hasanović als Tjaden ist ein kleiner Coup, ebenso wie Aaron Hilmer. Devid Striesow (Ich bin dann mal weg) legt seinen General Friedrich hingegen so karikaturesk kriegsgeil an, dass es manchmal komisch wirkt. Mit Sicherheit gab und gibt es Machthaber, die genau so denken – ein wenig überreizt wirkt es bei Im Westen nichts Neues dann leider doch.

Fazit

8.2/10
Stark
Community-Rating: (5 Votes)
Handlung 7/10
Schauspiel 8/10
Atmosphäre 9/10
Visuelle Umsetzung 9/10
Tiefgang 8/10
Details:
Regisseur: Edward Berger,
FSK: 16 Filmlänge: 147 Min.
Besetzung: Aaron Hilmer, Albrecht Schuch, Anton von Lucke, Daniel Brühl, Devid Striesow, Edin Hasanovic, Felix Kammerer,

Im Westen nichts Neues ist eine visuell beeindruckende, würdige Verfilmung des wohl bekanntesten Antikriegs-Romans aller Zeiten. Mit optischem und auditivem Bombast, größtenteils starkem Schauspiel und ungeheuer dichter Atmosphäre bringt der Film genau das rüber, was schon seit jeher gilt: Krieg ist die Hölle und kennt keine Gewinner. Die inhaltlichen Anpassungen des Stoffes sind größtenteils nachvollziehbar und dienen vor allem einer zeitgemäßen Dramaturgie. Einige exzessiv eingesetzten Metaphern und gelegentlich unpassende Töne (klanglich wie auch inhaltlich) trüben das Seherlebnis ein wenig. Insgesamt ist Im Westen nichts Neues jedoch unbedingt sehenswert und bleibt noch lange im Gedächtnis.

Artikel vom 8. Oktober 2022

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